Aufstand in Ägypten
Demonstranten von Gesprächen unbeeindruckt
Bei den Gesprächen mit der Regierung, an denen erstmals seit 1954 auch die offiziell verbotenen Muslimbrüder beteiligt waren, wurden zwar bedeutende Schritte in Richtung Demokratiereform gesetzt (Komitee für eine Verfassungsreform, Ende des seit 1981 aufrechten Ausnahmezustands - Bericht siehe Infobox), die entscheidende Nachricht konnten die Oppositionsvertreter den Demonstranten allerdings nicht überbringen: die vom Rücktritt des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak.
"Der Feigling ist ein Feigling!"
Die Oppositionsgruppen gaben daraufhin in der Nacht die Parole aus, die Proteste fortzusetzen und weiterhin bedingungslos den Abgang des Machthabers zu fordern. Viele Regierungsgegner campierten auch in der Nacht auf Montag - trotz der Ausgangssperre - auf dem Platz im Zentrum der Hauptstadt. Dabei fielen nach mehrtägiger Ruhe auch erstmals wieder Schüsse. Augenzeugen berichteten von mehreren Salven aus Schnellfeuergewehren. Einige sagten, die Soldaten hätten in die Luft gefeuert hätten. Andere meinten, es habe sich um ein Missverständnis gehandelt.
Das ägyptische Militär versuchte in der Nacht auf Montag jedenfalls noch, den Tahrir-Platz zu räumen bzw. sich zurückzuziehen. Die Demonstranten gaben ihre Sitzblockaden gegen den Abzug der Panzer der Armee aber nicht auf. Schließlich gaben die Truppen das Vorhaben auf und blieben in Stellung. "Der Feigling ist ein Feigling und der Mutige ist ein Mutiger und wir werden den Platz nicht verlassen", sagte der 20-jährige Demonstrant Sameh Ali.
Bei Tagesanbruch strömten erneut Tausende Demonstranten auf den Tahrir-Platz, um den 14. Tag der Proteste zu beginnen. Auch in Alexandria und in der Stadt Al-Arisch im Norden der Sinai-Halbinsel gingen die friedlichen Proteste am Montag weiter. Dort bildete sich ein "Komitee für den Schutz der Revolution".
Raketenangriff auf Polizeikaserne
Weniger friedlich ging es am Montagmorgen in der ägyptischen Stadt Rafah auf der Sinai-Halbinsel im Nordosten des Landes zu. Unbekannte feuerten vier Panzerabwehrraketen auf eine Polizeikaserne, ein Polizist wurde verletzt. Wer hinter dem Angriff stand, war zunächst unklar, ebenso, ob es möglicherweise einen Zusammenhang zu den seit rund zwei Wochen andauernden Protesten gegen Staatschef Hosni Mubarak gibt.
In den vergangenen Tagen hat in der Region immer wieder Angriffe auf Regierungs- und Behördengebäude gegeben. Am Samstag verübten Unbekannte einen Sprengstoffanschlag auf eine nach Israel und Jordanien führende Gasleitung. Die Gaslieferungen an beide Länder wurden vorübergehend ausgesetzt.
Obama glaubt nicht an Machtübernahme der Muslimbrüder
Unterdessen äußerte sich US-Präsident Barack Obama zuversichtlich, dass sich auch die künftige Regierung Ägyptens als guter Partner der USA erweisen werde. Voraussetzung sei ein "geordneteter" Übergangsprozess, sagte Obama am Sonntagabend in einem Interview mit dem US-Sender "Fox News". Fest stehe: "Ägypten wird nicht zu dem zurückkehren, was es war."
Auf die Frage nach der Rolle der Muslimbruderschaft in einer künftigen Regierung äußerte sich der Präsident zurückhaltend. Die Islamistenbewegung sei gut organisiert, räumte Obama ein, aber sie sei nur eine Gruppe im Land. Er warnte davor zu sagen, "dass unsere einzigen beiden Optionen die Muslimbruderschaft und die Unterdrückung des ägyptischen Volkes sind". Es gebe in Ägypten zahlreiche säkular orientierte Menschen und eine breite Zivilgesellschaft, die ebenfalls zum Zuge kommen wolle.
Der Forderung nach einem sofortigen Rückzug Mubaraks schloss sich der US-Präsident nicht an. Der ägyptische Präsident werde ohnehin in einem Jahr aus dem Amt scheiden, sagte Obama.
Clinton: "Nicht wir sagen, dass Wahlen Zeit brauchen"
US-Außenministerin Hillary Clinton hatte am Sonntag außerdem auf mögliche Probleme bei zu frühen Wahlen verwiesen und Mubaraks bisher eingeleiteten Schritte zu einem Übergang gewürdigt.
Laut der Verfassung müssten nämlich bei einem Rücktritt innerhalb von 60 Tagen Wahlen stattfinden, argumentierte die US-Chefdiplomatin. Sie habe aber sowohl von Oppositionsführer Mohamed ElBaradei als auch von den Muslimbrüdern verlauten hören, dass die Organisation von Wahlen Zeit brauche. "Das sagen nicht wir", betonte Clinton. "Das sagen sie."
Talfahrt des ägyptischen Pfunds hält an
Die Unruhen setzen derweil der Landeswährung weiter zu. Der US-Dollar kletterte auf ein neues Rekordhoch von 5,9427 ägyptischen Pfund. Unternehmen und Privatpersonen transferierten verstärkt Geld ins Ausland oder tauschten es in Devisen um, sagen Börsianer. Ein Ansturm auf die Banken sei bisher aber nicht zu verzeichnen, zumal die Regierung die maximal abhebbaren Bargeldbeträge auf umgerechnet wenige Tausend Euro begrenzte.
Verhalten positive Nachrichten für die ägyptische Wirtschaft gab es hingegen vom Automobilsektor, wo mehrere ausländische Unternehmen langsam ihre Produktion wieder aufnehmen. Der japanische Autohersteller Suzuki teilte am Montag mit, es werde wieder gearbeitet. Das Unternehmen stellt mit einem Partner rund 7.500 Autos im Jahr in Ägypten her. Konkurrent Nissan ließ sein Werk in Gizeh dagegen weiter geschlossen. Nissan produziert in Ägypten im Jahr rund 10.000 Lieferwagen und Autos mit Vierradantrieb.











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