Prozess um Pleite

Libro wollte nicht gegen Telekom "in den Krieg ziehen"

Österreich
01.02.2011 14:17
Am neunten Tag des Libro-Prozesses am Landesgericht Wiener Neustadt ist am Dienstag die Befragung der fünf Angeklagten nach den Ursachen der Mega-Pleite vor zehn Jahren beendet worden. Dass die Kooperation mit der Telekom Austria nicht funktioniert habe, sieht Christian Nowotny, damals stellvertretender Libro-Aufsichtsratschef, als einen der Gründe für das Scheitern der Papier- und Buchhandelskette. "Es hat keinen Sinn, gegen einen Aktionär mit Sperrminorität in den Krieg zu ziehen", so Nowotny.

Die Telekom hielt 25 Prozent und eine Aktie an Libro und wollte ursprünglich im Internet-Bereich mit der Firma kooperieren. Wegen des eigenen Telekom-Börsegangs habe der Konzern dann im Frühling 2000 seine Internet-Strategie geändert und die vereinbarte Kooperation aufgekündigt, berichtete Nowotny. Gegen einen Kooperationsunwilligen könne man nicht auf Erfüllung des Vertrags klagen, sondern höchstens auf Schadenersatz, aber auch das wäre angesichts der Telekom-Stellung als Kernaktionär mit eigenen Vertretern im Libro-Aufsichtsrat nicht gut gegangen.

Großflächen-Konzept ohne Erfolg
Weitere Ursachen für das wirtschaftliche Scheitern des Unternehmens sieht Nowotny in der schlechten Entwicklung des Deutschland-Geschäfts sowie im erfolglosen Großflächen-Konzept in Österreich. Dies habe dem traditionellen Libro-Konzept mit kleineren Filialen nicht entsprochen. "Im typischen Libro-Geschäft war man umgeben von Regalen, die Ware hat sich praktisch aufgedrängt", schilderte Nowotny. In den Großfilialen habe hingegen eine andere Atmosphäre geherrscht.

Dass das seit November 1999 börsenotierte Unternehmen in der Krise steckte, habe er bei einer Aufsichtsratssitzung im Jänner 2001 realisiert. Mit personellen Schritten sei gegengesteuert worden, um Vorstandschef Andre Rettberg einen Widerpart entgegenzusetzen, was der damalige Finanzvorstand Johann Knöbl trotz fachlicher Kompetenz nicht sein konnte, umschrieb Nowotny die Rollenverteilung.

"Beim Krisenmanagement muss man Entscheidungen treffen, die einem Manager, der einmal einen Kurs eingeschlagen hat, widerstreben", so Nowotny. Rettbergs Sicht auf Libro sei wohl zu optimistisch gewesen. "Er hat sich von seinen Visionen nicht leicht getrennt."

"Zu viele Baustellen gleichzeitig"
Als letzter der fünf Angeklagten wurde Wirtschaftsprüfer Bernhard Huppmann von Deloitte zu seiner Einschätzung der Gründe der Mega-Pleite befragt. Bei Libro habe es "zu viele Baustellen gleichzeitig" gegeben, im Geschäftsjahr 2000/01 habe Libro um 1,5 Milliarden Schilling (109 Mio. Euro) mehr ausgegeben als eingenommen. Bei der Erstellung des Prospekts für den Börsegang im November 1999 sei seine Rolle im Wesentlichen das "Korrekturlesen" des Prospekts gewesen, also die Feststellung, ob das Zahlenwerk dem Jahresabschluss entspreche.

Das Ergebnis der 2002 präsentierten Sonderprüfung des Ex-Finanzministers und Wirtschaftsprüfers Andreas Staribacher, derzufolge sich das Unternehmen schon im Frühjahr 2000 in der Krise befunden hat, ist für Huppmann nicht nachvollziehbar. Libro habe damals massiv investiert, das habe sich am Cash-Flow gezeigt.

Der Prozess geht am 1. März mit den Zeugenbefragungen in die nächste Runde.

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