27.05.2021 13:49 |

Sehr hohe Standards

Seilbahnunglück: „In Österreich nicht vorstellbar“

Das schwere Seilbahnunglück am Lago Maggiore mit 14 Toten beschäftigt auch die heimische Seilbahnwirtschaft. Den Riss eines Zugseils ohne äußere Einwirkung schloss Christian Felder, Vorsitzender des Technikerkomitees beim Fachverband Seilbahnen, am Donnerstag am Rande eines Pressegesprächs in Salzburg de facto aus. Auch die absichtliche Abschaltung eines Sicherheitssystems könne in Österreich nicht passieren, sagte er. Man warte nun die Ergebnisse der Untersuchungen in Italien ab.

„Wenn ich mir ansehe, was wir in Österreich lehren und vorgeben, kann ich so ein Unglück grundsätzlich ausschließen“, betonte Felder und verwies auf die hohen Sicherheitsstandards hierzulande. „Sicherheit ist die oberste Prämisse. Erst dann kommt die Wirtschaftlichkeit.“ Das beginne bei den täglichen Überprüfungen vor, während und nach dem Betrieb und gehe weiter bis zu den jährlichen Hauptrevisionen. Dazu finden alle paar Jahre genaue Materialkontrollen statt. Alle Überprüfungen werden dokumentiert und von den Behörden genau kontrolliert.

Zum Riss muss es äußere Einwirkung auf Seil geben
„Ein Zugseilriss ohne äußere Einwirkungen ist theoretisch nicht vorstellbar“, sagte Felder. Das sei beim Seilbahnunglück von Cavalese 1998 der Fall gewesen, als ein amerikanisches Kampfflugzeug das Tragseil durchtrennte und eine Kabine in die Tiefe stürzte. Oder möglich, wenn orkanartige Winde bei eisigen Temperaturen ein Zugseil über das Tragseil werfen. „Aber dann wäre der Betrieb schon lange vorher eingestellt worden.“

Viertel des Seilquerschnitts kann problemlos fehlen
Ein Blitzschlag oder ein verirrtes Projektil aus einer Jagdwaffe könne ein Seil hingegen nur äußerlich beschädigten. „Es würde aber niemals zum Riss kommen, weil nur die Außendrähte beschädigt werden.“ Selbst wenn ein Viertel des Seilquerschnitts verloren ginge, würde noch immer nichts passieren.

Ein Zugseil besteht aus über 200 Drähten und werde alle drei oder vier Jahre mit magnet-induktiven Verfahren geprüft. Dabei könne man exakt den Zustand im Inneren des Seils prüfen. Felber zeigte sich überzeugt, dass das Problem beim Unglück in Italien nicht am Seil, sondern am Verbindungsstück zur Gondel gelegen sein dürfte. „Die Schwachstelle sehe ich bei der sogenannten Endbefestigung am Vergusskegel“. Das Seilende wird dort wie ein Besen aufgefächert, die Drähte um 180 Grad gedreht, entfettet und dann in einem Trichter mit einer Legierung vergossen.

Funktion der Drahtseilbremse wird in Österreich täglich kontrolliert
Zur Deaktivierung der Drahtseilbremse komme es in Österreich nur im Zuge von Wartungs- und Revisionsarbeiten. „Dass es im täglichen Betrieb dazu kommt, ist auszuschließen. Dafür sorgt alleine schon das tägliche Prüfprozedere vor Aufnahme des Betriebs.“ Dabei müsse etwa der ordnungsgemäße Zustand der Drahtseilbremse in einem Prüfbuch dokumentiert und mit der eigenen Unterschrift bezeugt werden.

Felder zeigte sich auch überzeugt, dass bei dem Unfall am Lago Maggiore die Notbremse auslöste - durch die sogenannte Gabel aber außer Kraft gesetzt worden und darum wirkungslos geblieben war. „Die Seilbremse erkennt den Zugseilriss automatisch. Wenn die Spannung nicht mehr vorhanden ist, schließt sie automatisch.“ Schlappseil-Überwachung heißt das in der Sprache der Seilbahntechniker. Ohne Bremse nehme die Gondel am Tragseil aber Fahrt auf und werde irgendwann so schnell, dass es zur Entgleisung kommt. Auch der Fachverband der Seilbahnen betonte, so ein Unglück sei in Österreich wegen der strengen Auflagen nicht möglich. In der vergangenen Wintersaison seien rund 150 Millionen Euro für die Bereiche Sicherheit, Qualität und Komfort der Anlagen investiert worden, so Fachverbandobmann Franz Hörl.

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