06.02.2021 16:55 |

krone.tv in Belgrad

Der serbische Weg: Alles offen und viel Lebenslust

Während sich in Österreich alle nach einem Ende des dritten Lockdowns sehnen, geht Serbien einen ganz anderen Weg. Alles ist offen, es gibt viel zusammengekauften Impfstoff und die Zahlen sind auch nicht schlechter als bei uns. krone.tv war in Belgrad und traf dort zuständige Spitzenpolitiker und eine gelassene Bevölkerung.

Kneza Mihailova, die Haupteinkaufsstraße in der Fußgängerzone um die Mittagszeit. Es herrscht reges Treiben. Menschen flanieren und tanken in den Straßencafés ein bisschen Wintersonne. Vor den Geschäften bilden sich Schlangen, auf den Mindestabstand (1,5 Meter) wird geachtet und auch Masken werden brav getragen. Es sind alle Arten erlaubt - Gesichtsvisiere in der Gastronomie inklusive. Während die Infektionszahlen der ersten Corona-Welle höher waren als in Österreich, hat sich die Lage in den Folgemonaten beruhigt.

Das Land fährt gut mit einem „Soft-Lockdown“. Das heißt, es ist alles geöffnet, nur nicht so lange. Shops, Restaurants, Schulen, Friseure, Kinos, Theater, Fitnessstudios und Spas - alles geht! Zurzeit müssen der Handel und die Kinos um 17 Uhr schließen, Gastro, Bars und Clubs dürfen bis 20 Uhr offen haben.

„Balance in unserem Kampf gegen Corona das Wichtigste“
Ein Weg, auf den der Bürgermeister der 1,3-Millionen-Metropole zu Recht stolz ist. krone.tv besucht Zoran Radojičić im Rathaus. „Belgrad ist bekannt für sein Nachtleben, für seine Partys, für schöne Zusammenkünfte in Restaurants und Clubs“, erklärt der Stadtchef. Das sei während Corona eine große Herausforderung gewesen, deshalb habe man gemeinsam mit den Bewohnern und Inspektionsbehörden Anstrengungen angestellt und so gute Ergebnisse erzielt. „Von Beginn der Pandemie an bis heute war Balance in unserem Kampf gegen Corona das Wichtigste“, so Radojičić, „wir haben ständig versucht, das Gleichgewicht zwischen strengeren Maßnahmen und Lockerungen zu halten - und das richtige Timing für die richtigen Entscheidungen zu finden.“ 

Bei den Maßnahmen habe sich Belgrad an internationalen Vorbildern orientiert: „Egal ob China, Amerika oder Russland: Wir haben überall Erfahrungen gesammelt und genutzt, wir haben keinen Weg bevorzugt.“ So hat Belgrad seinen eigenen Weg gefunden. Natürlich, räumt Radojičić ein, habe auch Belgrad Probleme gehabt. „Aber wenn wir rückwirkend die ganze Krise betrachten, haben sich die Menschen in Belgrad als sehr, sehr verantwortungsbewusst erwiesen.“

„Die Maßnahmen, die der Staat setzt, sind viel zu schwach“
In einem offenen Brief kritisiert ein Teil der Ärzteschaft die laxen Bestimmungen. Deren Anwalt, Nenad Vojnovic, vertritt eine große Gruppe nicht angestellter Mediziner, die sich gegen die Regierung stellt. „Unsere Ärzte haben gerade alle Hände voll zu tun. Ihre Mühsal ist groß und sie arbeiten momentan nicht unter normalen Umständen“, erklärt der Rechtsvertreter beim Interview mit krone.tv. In außerordentlichen Zeiten, in einer Pandemie, sei das noch akzeptabel. „Aber wenn wir uns besser organisiert hätten, gäbe es nicht solche Probleme. Die Maßnahmen, die der Staat setzt, sind viel zu schwach.“

Dramatisch hohe Anzahl an Ärzten, die verstorben sind
Die Probleme benennt Vojnovic so: „Erstens haben wir mehr Infektionen, was mehr Arbeit für die Ärzte bedeutet, die wir dadurch auch verstärkt dem Coronavirus aussetzen.“ Und dann, so der Anwalt, gebe es „eine dramatisch hohe Anzahl an Ärzten, die verstorben sind“. Das sei, „sehr, sehr problematisch. Irgendwann müssen wir uns dem stellen und herausfinden, warum das so ist.“ Vojnovic fordert, die über 2000 nicht angestellten Ärzte zu beschäftigen: „Wir haben einen Ärztemangel, uns fehlt medizinisches Personal. Und wir hätten sie ja im System, aber wir stellen sie nicht an. Warum, das wissen wir nicht, es gibt keine offizielle Begründung bis jetzt.“ Dass die Kritik der Ärzte der Grund sein könnte, liegt aber nahe.

„Hoffen, dass wir bald wieder so arbeiten können wie zuvor“
In der Gospodar-Jevremova, unweit der Einkaufsmeile, liegt Jovanas Café „Leila Records“. Sie ist auch Ansprechperson für die vielen Stammgäste. „Wir haben dieses Lokal jetzt seit vier Jahren. Davor hatten wir dasselbe Konzept - Café und Plattengeschäft in einem - an einem anderen Standort. Nun versuchen wir es hier weiterzuführen.“ Das sei gar nicht so einfach, „denn während der Corona-Krise ist die Zahl der Gäste zurückgegangen, es gibt mehr Sicherheitsauflagen, die Arbeitszeiten haben sich verkürzt. Aber bislang haben wir es geschafft zu überleben“, meint sie stolz.

Jovana ist eine Kämpferin. „Wir hatten vor Corona Pläne zum Expandieren, wollten ein Plattenlabel gründen, einen zweiten Standort aufbauen. Jetzt hoffen wir darauf, dass wir bald wieder so arbeiten können, wie wir es vor dieser Situation getan haben.“ Ihre Freunde und Stammgäste sind ihr wichtig. „Ich will sie alle behalten und zusammenhalten, eine Art Zufluchtsort schaffen, wo Menschen zur Ruhe kommen können und nicht über Covid und den Verlust ihres Arbeitsplatzes reden, sondern über ganz andere Sachen.“

Europäer machen in Belgard Homeoffice im Café
Jovanas Mission ist es, diesen kleinen Ort für alle zu bewahren. „Hierher können meine Gäste immer wieder zurückkehren. Hier tun wir alle so, als würden wir ein ganz normales Leben leben.“ Es kämen viele Menschen nach Belgrad, „sie können von hier aus online arbeiten“. Homeoffice im Café. „Sie schätzen die lockere Atmosphäre bei uns in Serbien im Vergleich zu anderen Ländern in Europa“, so die Inhaberin des ungewöhnlichen Ortes.

„Wir sind ein Land mit einer der geringsten Sterberaten“
Diese Lebensfreude liegt auch dem Gesundheitsminister am Herzen. Er kann die Kritik der Ärzte, Serbien sei bei den Covid-Maßnahmen nicht streng genug, deshalb nur schwer nachvollziehen.
Meine Antwort auf den offenen Brief der Ärzte ist meine Arbeit. Und natürlich unsere Ergebnisse.“ Serbien liege, was die Durchimpfung betreffe, an zweiter Stelle in Europa, gleich nach Großbritannien mit den meisten Impfungen, und an siebenter Stelle weltweit. „Außerdem sind wir ein Land mit einer der geringsten Sterberaten“, sagt Zlatibor Lončar, der krone.tv zu sich ins Ministerium eingeladen hat. „Sie sind gerade in Belgrad“, richtet er das Wort an uns, „Sie sehen, hier hat nichts geschlossen, Restaurants, Geschäfte, Cafés, alles ist offen. In anderen Ländern können Sie gar nicht erst ausgehen oder vielleicht nicht einmal spazieren gehen. Beurteilen sie selbst.“ 

Für seine Impfstrategie hat Serbien auch international viel Lob geerntet. Es deckte sich frühzeitig mit Impfstoffen aus allen Ländern, sogar China und Russland, ein. „Versuchen Sie, ein Land zu finden, in dem der Bevölkerung drei verschiedene Impfstoffe zur Verfügung stehen“, rührt Lončar die Werbetrommel. „Und das mit einem System, bei dem sich die Menschen anmelden können und nicht anstehen oder lange warten müssen.“

Frage an den Minister: Würde er auch Österreich dazu raten, auf russischen oder chinesischen Impfstoff auszuweichen? Lončar bleibt diplomatisch: „Wir sind ein kleines Land. Österreich ist in vielerlei Hinsicht stärker, als dass wir Ihnen zum russischen oder chinesischen Impfstoff raten könnten. Wir haben einfach versucht, von mehreren Seiten Impfstoff zu bekommen, und so möglichst stark die Gesundheit der Menschen zu schützen und Menschenleben zu retten.“ Kleiner Seitenhieb: „Ich bin mir sicher, dass andere genauso versucht haben, an möglichst viele Mengen zu kommen.“

Die österreichische Botschaft in Belgrad liegt drei Kilometer vom Sitz der obersten Gesundheitsbehörde entfernt. Mag. Nikolaus Lutterotti vertritt unser Land in der serbischen Hauptstadt seit 2018. Er erklärt die Lage so: „Serbien hatte anfangs hohe Zahlen, höhere als Österreich noch im Dezember. Jetzt befindet sich das Land in einer Phase, wo die Zahlen zwar rückgängig sind, sich aber auf einem hohen Niveau stabilisiert haben.“ Das ist auch auf die Impfstrategie zurückzuführen. De facto stelle es sich so dar, dass vom chinesischen Impfstoff die größte Menge im Land sei. „Jene, die bereit sind, diesen Impfstoff zu nehmen, werden geimpft.“

„Die letzten Krisen sind nicht allzu lange her“
Lutterotti stellt dem Corona-Management ein gutes Zeugnis aus: „Eine Zeit lang wurde nicht kommuniziert. Aber was gut funktioniert hat, ist, dass man flexibel auf mangelnde Bettenkapazitäten reagiert hat. Man hat relativ schnell Notspitäler aufgestellt. Die entsprechen nicht unbedingt Standards, die wir uns vorstellen, aber sie haben funktioniert, sie haben Leuten das Leben gerettet.“ Da sei Serbien sehr flexibel gewesen. Auch seien die Serben etwas krisenerprobter als die Österreicher, „die letzten Krisen hier sind schließlich nicht allzu lange her“.

Es ist 19.30 Uhr. Im Café „Leila Records“ räumt Jovana die Tische ab. Sie muss jetzt dann schließen. Aber morgen kommen ihre Gäste wieder. Ihr Café ist eines von vielen stabilen Faktoren in der Unsicherheit der Pandemie. 

Alexander Bischofberger-Mahr
Alexander Bischofberger-Mahr
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