Covid-Themen ernsthaft und sachlich abarbeiten, aber auch die Mitarbeiter und sich selbst bei Laune halten. Gerald Fleisch, Chef der Vorarlberger Spitäler und Hobbymusiker, setzt auf testa, impfa und freut sich aufs festa.
Herr Fleisch, vor Weihnachten hatten Sie Angst vor einer dritten Welle. Wie ist der Stand heute?
Die Besonderheit der Pandemie ist, dass sie völlig unberechenbar ist. Für den Moment sind alle etwas entspannter, aber wir sind weiterhin in Sorge. Nicht zuletzt, weil uns Fragen im Zusammenhang mit Virusmutationen beschäftigen. Sind diese infektiöser? Wie wirkt sich das auf das Patientenaufkommen aus? Wie hoch ist der Anteil der Intensivpflichtigen? All das muss immer wieder neu und rechtzeitig bewertet werden.
Wie bereiten Sie die Landeskrankenhäuser auf diese neue Herausforderung vor?
Wir beobachten die Entwicklung sehr genau. Grundsätzlich sind wir auf einem guten Weg. Es gibt genügend Schutzausrüstung, es wird getestet und geimpft. Nur: Was passiert in den nächsten Wochen?
Wie ist da die Vorgehensweise?
Es gibt eine gut strukturierte Task Force, die sich - je nach Intensität - täglich oder wöchentlich trifft. Es sind Hygieneexperten, Epidemiologen und Führungskräfte aller Häuser dabei. Es wird über die Situation in den Häusern berichtet, ein Ausgleich geschaffen, wenn irgendwo besonders viel Intensivpatienten oder Covid-Verdachtsfälle sind.
Unterm Strich funktioniert alles gut, weil die Beteiligten die Ruhe bewahren und sich an Fakten halten. Inzwischen können wir besser erahnen, wann und wie viele Patienten kommen, wenn die Infektionszahlen steigen.
Gerald Fleisch
Was wird noch besprochen?
Es geht um neue Technologien wie Antigen-Schnelltests, Beschaffung von Schutzmaterial. Unterm Strich funktioniert alles gut, weil die Beteiligten die Ruhe bewahren und sich an Fakten halten. Inzwischen können wir besser erahnen, wann und wie viele Patienten kommen, wenn die Infektionszahlen steigen.
Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?
Es ist mehr geworden, da es aufwändig ist, Systeme umzustellen. Die Abendtermine sind weggefallen, aufgrund der extremen Dynamik gilt es aber, rund um die Uhr erreichbar zu sein. Die letzten Infos, wo es einen Engpass gibt, kommen gegen 23 Uhr, die ersten um 6 Uhr. Aber ich darf nicht jammern, ich weiß, dass ich sehr privilegiert bin und es viele gibt, die schwer mit den Begleiterscheinungen der Pandemie kämpfen.
Bleibt noch Zeit für Musik?
Am Wochenende schon, weil das gesellschaftliche Leben wegfällt. Sich zurückzuziehen ist vorübergehend ein nettes Experiment, aber nur eine Zeitlang reizvoll. Wie so vielen fehlen mir die sozialen Kontakte, Freunde, Großfamilie, das Musizieren mit meinem Bruder. Er lebt ja in der Schweiz, was das Ganze noch einmal komplizierter macht.
Nach dem „Unmärchen vom König Virus“ im Frühjahr haben Sie nun einen neuen Corona-Song geschrieben. Wie ist das Lied entstanden?
„Das Unmärchen vom König Virus“ ist so ein bisschen aus dem Bauch heraus entstanden und hat sich überraschender Wiese sehr schnell verbreitet. Beim zweiten Lied haben mich die Worte „teschta, feschta, beschta“ sowie das „schimpfa“ und „impfa“ beschäftigt. Ich habe ein wenig herumprobiert, und nachdem der Song die sehr strenge familieninterne Zensur durchlaufen hatte, habe ich eine Sounddatei auf YouTube gestellt.
Haben Sie die Bilder im Video von „Am beschta teschta, ned schimpfa, impfa“ selbst gezeichnet?
Ich zeichne gerne, kann es aber eigentlich nicht. Am iPad gibt es ein spezielles Programm, mit dem lassen sich Dinge auch gut korrigieren.
Ich bin ja kein Fachmann, was das Impfen betrifft. Was ich aber nicht ganz nachvollziehen kann, ist das tiefe Misstrauen.
Gerald Fleisch
Welche Botschaft wollen Sie mit dem Lied übermitteln?
Ich bin ja kein Fachmann, was das Impfen betrifft. Was ich aber nicht ganz nachvollziehen kann, ist das tiefe Misstrauen. Die Menschen begeben sich ständig in die Hände der Wissenschaft. Wenn sie in ein Flugzeug steigen, vertrauen sie auf das Funktionieren der Systeme. Das einzig Sinnvolle, um irgendwann aus der Pandemie herauszukommen, ist nun mal testen und impfen.
Mit dem Ziel, wieder zu feschta?
Ja. Ich frage mich ab und zu, was das Leben ausmacht. Für mich hat sich herauskristallisiert, dass es das Menschsein ist. Als Zuschauer beim Sport, als Zuhörer eines Konzerts, als Teil einer Familienfeier oder einer Runde im Lokal. Und vieles im Leben ist leichter, wenn man es mit Humor sieht.
Wie verträgt sich Humor mit Ihrer Funktion als Chef der Landesspitäler, in denen es um Leben und Tod geht?
Es geht darum, die Balance zu finden, Covid-Themen ernsthaft zu bearbeiten, aber eben auch die Mitarbeiter und sich selber bei Laune zu halten. Es sind Menschen, die hier tätig sind und viele Herausforderungen, die die Pandemie mit sich bringt, betreffen auch sie. Von Problemen beim Homeschooling, über Einkommensverluste des Partners bis hin zu den veränderten Arbeitsbedingungen hier.
Wie gehen Ihre Mitarbeiter mit diesen Situationen um?
Manche sind froh, arbeiten zu dürfen, weil sie die sozialen Kontakte vermissen. Auch wenn das Arbeiten unter strengen Hygienemaßnahmen und im Schutzanzug nicht immer einfach ist. Die Mitarbeiter auf der Intensivstation leiden extrem unter den Todesfällen. Wir hatten bis dato 161 an Covid verstorbene Patienten.
Warum ist es schwerer, diese Todesfälle zu verkraften?
Im Gegensatz zu sonstigen Todesfällen ist es so, dass die Patienten oftmals "nur" mit Atembeschwerden ins Krankenhaus kommen und zehn Tage später sterben. Was Ärzte und Pfleger so mitnimmt, ist die Tatsache, dass sie diesen Verlauf nicht immer wirklich stoppen können. Die meisten Patienten sind bei Bewusstsein, bevor sie intubiert werden und viele wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht wieder aufwachen, bei 60 Prozent liegt. Das ist brutal. Und das nimmt die Mitarbeiter wahnsinnig mit.
Im Gegensatz zu sonstigen Todesfällen ist es so, dass die Patienten oftmals "nur" mit Atembeschwerden ins Krankenhaus kommen und zehn Tage später sterben.
Gerald Fleisch
Sie hatten über das Beisammensein und die Kultur gesprochen. Wie sehen Sie die Lage der Kunstszene?
Das ist richtig dramatisch, denn die Kunst macht das Menschsein aus. Österreich als das Kulturland schlecht hin ist um sein Aushängeschild beraubt. Ich kann das gar nicht dramatisch genug formulieren. Und all diese künstlerisch tätigen Menschen sind quasi eingesperrt.
Sind sie damit auch in ihrem Schaffen eingeengt?
Über eine gewisse Zeit ist es gut, aber jetzt ist der Bogen überspannt. Die existenziellen Nöte, in die viele geraten sind, werden gesellschaftlich völlig tabuisiert. Es gibt ja nichts mehr - keine Aufträge, keine Auftritte. Beim Spitzensport wird das eher anerkannt.
Sind Sportler zu privilegiert?
Der Spitzensport hat einen starken Rückhalt, das ist okay. Aber aus meiner Sicht wird die Kultur total unterschätzt. Musikschulen, Blasmusik, das ganze Vereinswesen hat einen starken Aspekt. Das Perverse an der Pandemie ist, dass genau diese Dinge wie gemeinsames Singen, Tanzen, Musizieren infektiologisch das ist, was die Verbreitung des Virus befeuert.
Wie kann die Kultur gerettet werden?
Gesundheit ist gut, aber dazu gehört auch das Wohlempfinden. Da darf man ruhig ein bisschen schauen, dass man Kultur und soziale Gesundheit unterstützt. Ich kann mir kleinere Formate mit gewissen Auflagen vorstellen - Kirchenbesuche sind ja auch möglich. Und ganz wichtig ist es, dass es Finanzmittel für die Betroffenen gibt.
Das Interview führte Sonja Schlingensiepen
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