22.11.2020 06:00 |

Conny Bischofberger

Corona-Tagebuch: Es geschah in der Terrornacht

„Sie wurden POSITIV auf das SARS-CoV-2-Virus getestet!“ Wie mein Körper verrücktspielte, Bekannte komisch wurden und Behörden versagt haben, erzählt Conny Bischofberger.

Montag, 2. November
Eine liebe Bekannte lädt mich auf ein Glas Champagner in die „Dosage“ am Wiener Fleischmarkt ein. Wir treffen uns um 18 Uhr, wollen auf meinen neuen Roman anstoßen. Um 20 Uhr fallen Schüsse. Wir sind bis 4 Uhr früh in der Bar gefangen.

Mittwoch, 4. November
Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht, mein Hals tat weh, ich musste husten. Nach Salbeitee mit Honig war alles gut. In der Früh fühl' ich mich bloß ein bisschen erkältet.

Samstag, 7. November
Ich schreibe grad mein Sonntagsinterview mit Justizministerin Alma Zadic, als eine WhatsApp-Nachricht von Friso Schopper, dem Besitzer der „Dosage“, aufleuchtet. „liebe conny, keine gute nachricht. ich bin leider corona-positiv.“ Tausend Gedanken jagen durch meinen Kopf. Was bedeutet das? Ich kann keinen Satz mehr schreiben. Fahre panisch zur Teststation in der Kärntner Straße. Dort bekommt man das Ergebnis eines PCR-Tests in weniger als 24 Stunden.

Sonntag, 8. November
Kaum geschlafen. Das bisschen Kratzen im Hals kann doch unmöglich SARS-CoV-2 sein! Das Warten ist unerträglich. Der Test MUSS negativ sein. Um 14.15 Uhr kommt die SMS-Nachricht: „Sie wurden POSITIV auf das SARS-CoV-2-Virus getestet. Halten Sie ab sofort Heimquarantäne ein - Sie werden für weitere Schritte von den Behörden kontaktiert.“ Das Virus ist bei mir angekommen. In meiner Küche, in meinem Körper, ich bin infektiös! Eine von 5933 Neuinfizierten an diesem Tag. Ich weine. Ich bin verzweifelt. Ich muss eine Liste all meiner Kontakte machen. Warum hab' ich die Corona-App nicht installiert? Kein Kontakttagebuch geführt? Oh Gott, Alma Zadic. Sie erwartet in neun Wochen ihr Kind ... - Gott sei Dank haben wir Masken getragen und Abstand gehalten. Ich informiere alle, die ich getroffen habe, und empfehle jedem, sich testen zu lassen. Der Gedanke ist furchtbar.

Montag, 9. November
Auch bei meiner Bekannten hat ein Schnelltest ein positives Ergebnis gezeigt. Der Mann, der in jener Nacht zwischen uns stand, ist negativ. Mag das Virus lieber Frauen? Ich rufe 1450 an. Eine freundliche Stimme gibt mir die Telefonnummer der Bezirksgesundheitsbehörde und wünscht mir alles Gute. Ich soll mich dort melden. Von wegen, ich werde von den Behörden kontaktiert. Ich lande in Warteschlangen und auf Tonbändern. „Die Leitungen sind überlastet. Rufen Sie später wieder an.“ Nach fünf Stunden gebe ich auf.

Dienstag, 10. November
Das Schlimmste an Corona ist die Sorge, andere angesteckt zu haben. An die Krankheit kann ich gar nicht denken. Dabei fühle ich mich fiebrig, ohne Fieber zu haben. Hab einen schweren Kopf, aber kein Kopfweh. Ohren und Nase sind zu. Meine Füße fühlen sich kalt, greifen sich aber warm an. Ich bin entsetzlich müde. Meine Katzen trösten mich.

Mittwoch, 11. November
„Infektion bei Interview“. Die Schlagzeile einer Tageszeitung - übrigens noch immer online! - gibt mir einen Stich ins Herz. Ich schreibe Alma Zadic eine Nachricht. „Bitte sagen Sie mir, dass das nicht stimmt …“ Sie sei noch immer negativ, werde jeden Tag getestet. Ich solle mir keine Sorgen und vor allem keine Vorwürfe machen, schreibt mir die Ministerin. „Du bist nicht schuld!“ Das schreiben mir auch ganz viele Freunde und Kollegen. Ich fühle mich aber so. Bei der Bezirksgesundheitsbehörde hebt weiterhin keiner ab. Ich kann Gott sei Dank selber denken. Und auch ohne Aufforderung der Behörde alles richtigmachen.

Donnerstag, 12. November
Tag 4. Langsam trudeln die Testergebnisse meiner K1-Personen ein- insgesamt sind es über 20. Bei jedem „Negativ“ fällt mir ein Stein vom Herzen. Zwei hab' ich trotzdem angesteckt. Es tut mir so leid! Die zwei Studenten, die mit mir wohnen, sind negativ. Wir haben uns in unsere Zimmer zurückgezogen. Tragen Masken und Handschuhe. Wie machen das Familien mit Kindern? Ich vermisse es, gemeinsam am Küchentisch zu sitzen. Das Virus macht einsam …

Freitag, 13. November
In meinem Körper geschehen komische Dinge. Ich kann meinen Empfindungen nicht mehr trauen. Der Vorarlberger Bergkäse schmeckt wie Emmentaler-Imitat, der Kaffee wie abgestandener Tee. Ich rieche die frisch gemahlenen Bohnen nicht mehr. Fühle mich abgekämpft, angeschlagen, erschöpft. Nein, es ist nicht wie eine ganz normale Erkältung! Die WHO teilt mit, dass in Europa alle 17 Sekunden ein Mensch an Corona stirbt. Eine Freundin erzählt mir, dass ihr Onkel auf der Intensivstation liegt. Wird mein Krankheitsverlauf „milde“ bleiben? Ich hole tief Luft. Die Lungen scheinen okay zu sein.

Samstag, 14. November
Anna, meine Nachbarin, hat mir ein Stück Speck vor die Tür gelegt. „Aus Kärnten! Ich hoffe, du schmeckst etwas davon“, schreibt sie und schickt mir ein Zwinkersmiley. So ein warmes Gefühl, nicht allein zu sein. Tag 6, von den Behörden hab' ich nichts gehört. Ich bin nicht eine von 5933 Neuinfizierten am Montag, dem 9. November, ich bin ein Corona-U-Boot!

Sonntag, 15. November
Ich schreibe ein Mail an die Bezirksgesundheitsbehörde (ich glaube, es gibt nicht viele, die sich die Mühe machen, die Mailadresse der „Bescheidbeauskunftung“ zu recherchieren). Ich teile der Behörde mit, dass ich seit 8.11. Corona-positiv bin und mich in zehntägiger Quarantäne befinde. Könnte man auf den Tonbändern nicht diese Mailadresse angeben oder die Möglichkeit anbieten, seine Nummer zu hinterlassen? Gesundheitlich geht es mir nicht gut. Ich will schlafen, kann aber nicht einschlafen. Da ist das Gefühl, der Körper muss kämpfen.

Montag, 16. November
Noch zwei Tage Quarantäne. Der Artikel über Alma Zadics Infektion hat Kollegen auf den Plan gerufen. Florian Klenk vom „Falter“ will wissen, ob ich als K1 die Ministerin interviewt habe. Wer kommt auf eine so abartige Idee, schreib ich zurück. „Ein Boulevard-Gerücht“, meint Klenk. Zählt sich offenbar auch dazu. Zadic ist nach wie vor negativ. Ich sehne mich so nach frischer Luft!

Dienstag, 17. November
Wer Covid-19 hat, kriegt auch viele Tipps. Ein ebenfalls Erkrankter empfiehlt mir ein käfergroßes Sauerstoffmessgerät, „damit kannst du monitoren, ob die Lunge angegriffen ist“. Eine Freundin meint, man solle Mundspülungen mit Betaisodona machen und viel Vitamin D nehmen. Ein Bekannter will wissen, warum ich in die Champagnerbar gegangen bin. „Hattest du nie Angst um deine Gesundheit? Du bist so eine Draufgängerin!“ Danke auch für das Mitgefühl, schreibe ich zurück. Eine Freundin will nichts mehr vom Virus hören, es macht sie psychisch fertig. Ja, mich auch … Ich rufe 1450 an. Was ist jetzt zu tun? Morgen endet meine Quarantäne. „Gurgeltest“, beschließt die Dame und schickt ein Team.

Mittwoch, 18. November
Letzter Tag Quarantäne. Es meldet sich ein Amtsarzt. Ich bin jetzt als Corona-Kranke registriert! Der Gurgeltest war ein Behördenfehler, sagt er. Na bravo. Er mailt mir den Quarantäne-Bescheid. Meine „Absonderung“ - was für ein schreckliches Wort! - lief demnach am Sonntag aus … Also darf ich nach elf Tagen im Bademantel raus! Schon die Stufen hinunter sind anstrengend, vor der Haustür wird mir schlecht. Ich muss mich auf eine Bank setzen. Ich bin ein Wrack. Gibt es eigentlich Corona-Selbsthilfegruppen? Wo sind die anderen Infizierten? Wie geht es ihnen? Erfahrungen teilen, das wäre jetzt schön!

Donnerstag, 19. November
Ein Nachbar weicht zurück, als ich ihm berichte, dass ich Corona hatte und mich nun auf dem Weg der Besserung befinde. „Aber ich bin nicht mehr infektiös“, sage ich und fühle mich dennoch wie eine Aussätzige. Die Stadt Wien ruft an. Ich solle eine Liste meiner Kontakte für das Contact Tracing erstellen. Haha, die kommen ja früh drauf! Ich schaffe es heute bis zum türkischen Supermarkt, der 100 Meter entfernt ist.

Freitag 20. November
Ich bin so glücklich. Mein Bergkäse schmeckt viel würziger als noch vor einer Woche. Ich fühle mich langsam kräftiger. Die Frage, obs mir eh gut geht, klingt noch immer komisch. Nein, gut geht es einem mit dieser Krankheit nicht. Deshalb ist jeder Anruf, jede WhatsApp-Nachricht Balsam für die Seele. Vor allem aus der „Krone“ - wir sind Familie …

Samstag, 21. November
Nach 13 Tagen müsste ich eigentlich NEGATIV sein und Antikörper entwickelt haben, aber das Ergebnis des Gurgeltests war bei Redaktionsschluss (fünf Tage) noch ausständig … Werde ich Spätfolgen haben? Warum hatte ich Glück und andere nicht? Die Fragen werden mich noch lange beschäftigen.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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