29.08.2020 06:00 |

Wettlauf um Erdgas

Erdogan in der Offensive: Kampf um das Mittelmeer

Der „Erdgasrausch“ führt zu einem Wettlauf von sich überlappenden Besitzansprüchen. Präsident Recep Tayyip Erdogan lehnt einen Kompromiss durch einen internationalen Schiedsspruch ab und will im Mittelmeer haben, „was der Türkei zusteht“.

Wie immer: Erdogan bezeichnet sich als Opfer. Man wolle die Türkei in Anatolien einsperren, klagt er. Man wolle ihr den gerechten Anteil an den Schätzen des Mittelmeeres verwehren. Wie immer: Erdogan bläst aus der Opferrolle zur Offensive. Die Kriegsmarine rückt aus, um Explorationsschiffe „zu beschützen“, die nach Erdgas forschen. Ihr Aktionsradius schrammt dabei knapp an den griechischen Inseln Rhodos und Kreta vorbei.

Das bringt Griechenland auf die Palme. Die Kriegsmarine rückt aus, um die Türkei davon abzuhalten. Zwei NATO-Partner, historische Erzfeinde, drohen, aufeinander zu schießen. Jetzt genügt eine falsche Reaktion, ein Zündfunke, und aus dem Säbelrasseln wird Ernst. Einmal waren Kriegsschiffe beider Länder in der umstrittenen Zone schon kollidiert.

Wer darf wo nach Erdgas bohren?
Was sind die Hintergründe? Die UNO hatte im Seerechtsübereinkommen festgelegt, dass Staaten bis 200 Meilen (ca. 322 km) vor ihrer Küste bzw. bis zur Mittellinie von zweien, also auf dem sogenannten Kontinentalsockel, das Recht auf eine exklusive Wirtschaftszone besitzen. Die Regierung in Ankara bestreitet, dass (griechische) Inseln einen Kontinentalsockel haben. Für sie gelte nur die 12-Meilen-Hoheitszone.

Türkei entdeckt wieder das „Blaue Vaterland“
Erdogan proklamierte das „Blaue Vaterland“ – den Anspruch auf Seemachtstatus im Mittelmeer wie das alte Osmanische Reich. Eine Benachteiligung durch Grenzziehungen, die mit der Türkei nicht vereinbart sind, würde er nicht mehr hinnehmen.

In einem Überraschungscoup mit jener libyschen Regierung in Tripolis, deren Macht in dem Bürgerkriegsland derzeit nur auf die Hauptstadt und Umgebung beschränkt ist, zog Erdogan auf dem Kontinentalsockel beider Länder eine Mittellinie quer durch das Mittelmeer. Die Grenze schrammt an Rhodos und Kreta vorbei. Griechenland und Ägypten antworteten mit einem kartografischen Gegenschlag. Ihre Grenzziehung verläuft quer durch die türkischen Ansprüche.

Zweiter Schauplatz: Die geteilte Insel Zypern
Um es noch komplizierter zu machen: Die Türkei spricht der (griechischen) Regierung in Nikosia das Recht der exklusiven Ausbeutung von Erdgas etc. vor der eigenen Küste ab. Ankara hat die gleichen Rechte an die (international nicht anerkannte) „Türkische Republik Nordzypern“ vergeben. Das wird mit Kriegsschiffen untermauert.

Dritte Zeitbombe: Israel will die Erdgasproduktion aus seiner maritimen Wirtschaftszone über eine Pipeline nach Europa exportieren. Ihre Route würde quer durch türkische Ansprüche führen, aber beide Regierungen sprechen nicht miteinander.

Kurt Seinitz, Kronen Zeitung

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