03.07.2020 06:00 |

„So When You Gonna...“

Dream Wife: Der Kampf gegen das Patriarchat

Mit ihrem zweiten Album „So When You Gonna...“ setzt das britische Trio Dream Wife endgültig zum Sturz des Patraiarchats und der Hinterfragung geschlechtlicher Rollenverteilungen im Musikbusiness an. Frontfrau Rakel Mjöll erklärt der „Krone“ dabei auch, dass die Revolution weit über die pure Musik hinausgeht.

Es tut sich was im Untergrund, und das ist gut so. Erstmals seit der legendären Rrriot-Girl-Bandschwemme in den frühen 90er-Jahren hat man zuletzt wieder das Gefühl bekommen, dass das nur vermeintlich schwache Geschlecht gegen die überholten Dogmen des Patriarchats aufbegehrt. An vordererster Front im Kampf für selbstverständliche Gleichberechtigung steht neben den spanischen Hinds das britische Trio Dream Wife. Wie ein Wirbelsturm krachten Sängerin Rakel Mjöll, Gitarristin Alice Go und Bassistin Bella Podpadec vor vier Jahren in die Popmusik-Szene, um von Anfang an Unverständlichkeiten zu hinterfragen. Warum spielen auf Musikfestivals eigentlich so wenige Frauen? Weshalb wird man als Musikerin beim Soundcheck von den örtlichen Technikern süffisant belächelt? Wieso ist der Sexismus auf und abseits der Bühne, in den Medien, bei Veranstaltern und selbst im Kollegium noch immer so hoch? Dream Wife sind der Albtraum der sexistischen Bigotterie und die längst fällige Antwort auf all die Fragen, die sich viele Geschlechtsgenossinnen nicht zu stellen wagen.

Fragen statt Antworten
„Als Frau in meinen 20ern habe ich schon unglaublich viel erlebt“, erzählt Mjöll der „Krone“ im Interview, „es ist wichtig, über Dinge zu schreiben, die einen bedrücken und beschäftigen. Meine Favoritin dahingehend ist übrigens Dolly Parton. Auch wenn es zwischen uns und ihr musikalisch keine Querschnitte gibt, kenne ich niemanden, der so offen und ehrlich seine Gefühle in Songtexten nach außen trägt.“ Das tun Dream Wife nun auch auf ihrem heiß ersehnten Zweitwerk „So When You Gonna…“. Ein Albumtitel, der in erster Linie mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert, aber das Werk an sich ist auch nur ein Teil eines großen Ganzen. Dream Wife sehen sich nicht als „All-Girl-Band“ mit Punk-Ethos, sondern als grenzübergreifende Gemeinschaft für das logische, aber auch so schwierig umzusetzende Ziel der Gleichberechtigung. Das nehmen die drei wörtlicher als andere, was sich nicht zuletzt auf diesem Album niederschlägt.

Die flotten, immer noch stark im Garage-Rock und Punk verwurzelten Songs nehmen keine Umwege und drehen sich um immergültige Themen wie Abtreibungen, Fehlgeburten, Geschlechtergleichstellung oder weibliche Orgasmen. Ein buntes Potpourri aus dem ganz normalen Alltagswahnsinn, der nicht nur, aber vor allem auch männlichen Hörern das benachteiligte Phänomen Frau näherbringen sollte. Zudem wurde das Album komplett von einem nicht-männlichen Team erarbeitet. Produziert hat Marta Salogni (Björk, FKA Twigs), Toningenieurin war Grace Banks (Marika Hackman) und gemastert wurde das Werk von Heba Kadry (Princess Nokia, Beach House). Mjöll hat den Albumtitel „So When You Gonna…“ ganz klar als „Einladung und Herausforderung“ intendiert, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und aktiv etwas gegen derartige Unebenheiten zu übernehmen.

Mehr als nur Musik
Neben dem Album haben Dream Wife auch eine Podcast-Reihe mit demselben Namen ins Leben gerufen. Dabei unterhalten sich die drei Musikerinnen mit Frauen aus der großen, weiten Musikwelt und bieten eine Plattform für kreative, inspirierende und interessante weibliche Charaktere an. Im Wochentakt sollen im Internet neue Gespräche abrufbar sein, die Fans und Neugierige einen profunden Inside-Einblick in das Schaffen und Treiben von Frauen in der Branche bieten soll. Schon vor Jahren haben Dream Wife mit einem befreundeten Fotografen die „Bad Bitch Community“ ins Leben gerufen, die so innovativ wie wichtig war. „Wir haben das Publikum bei den Liveshows fotografiert und uns überlegt, was in den Köpfen der Menschen vorgeht. Fühlst du dich heute feminin? Dann sei es! Fühlst du dich manchmal auch männlich? Dann sei es auch! Wichtig ist, dass du dir deine eigenen Regeln festlegst, ohne anderen zu schaden“, erklärt Mjöll das Konzept dahinter.

Dream Wife sehen sich als Türöffner für eine neue, gerechte Welt im Musikbusiness. „Wir wollen die festgesetzten Geschlechterregeln zum Einsturz bringen und das Gemeinsame in den Vordergrund stellen. Die Rockmusik war und ist nicht immer ein angenehmer Platz für Frauen. Als Fans hatten wir früher selbst Angst in Moshpits zu gehen, weil wir oft begrapscht wurden. Manchmal hat man das Gefühl, das wird zur Normalität und dagegen verwehren wir uns. Sobald sich jemand nicht wohlfühlt, weil er Angst hat, ist das Entertainment vorbei. Jeder hat das Recht auf Sicherheit und die Pflicht, anderen zu helfen, wenn es vonnöten ist. Das sind absolute Eckpfeiler einer Show von Dream Wife.“ Das Trio will eben nicht nur über Verfehlungen reden, sondern in vielerlei Hinsicht aktiv Aktionen starten. Nicht zuletzt die Touren mit Garbage oder The Kills und Gespräche mit den dort spielenden Powerfrauen haben Dream Wife in ihrem Bestreben nur noch weiter bestärkt.

Diplomatischer Angriff
Musikalisch ist „So When You Gonna…“ eine würdige Fortsetzung des Debüts. In den harscheren Momenten wirken die Musikerinnen wütender und unbeherrschter, Songs wie „Hasta La Vista“ (Pop) und „Temporary“ (Funk) deuten aber auch Einschläge in eine sanftere, versöhnlichere Richtung an. Vor allem im Abschlusstrack „After The Rain“ zeigen Dream Wife, was kompositorisch alles in ihnen steckt. Schmalzige Keyboard-Klänge leiten die strukturierte Ballade ein und suggerieren eine fast schon traurige Ode an das große Ziel der Selbstrealisierung. Geschickt spielen Mjöll und Co. mit weitreichenderen Pop-Versatzstücken, doch wenn man glaubt, man ertappt die Band auf dem Weg zur Kommerzialisierung, schießt sie ein schlackerndes Indie-Riff aus den selbstbestimmten Hüften. Dream Wife sind nicht so harsch und aggressiv wie ihre thematischen Vorgängerinnen aus den 90ern, aber sie wissen längst, dass man gängige Strukturen am besten mit etwas Diplomatie einreißt.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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