29.05.2020 16:02

Versagen in US-Heimen:

„Gefährdetste Gruppe war Infizierten ausgesetzt“

Bei „Moment mal“ greifen wir aus der Informationsflut Woche für Woche ein spannendes Thema heraus und diskutieren es - tiefgehend, konstruktiv und ganz ohne Streiterei. Diese Woche stellen wir uns die Frage: Warum trifft die Pandemie die USA so hart? Zu Gast bei Moderatorin Damita Pressl sind Maggie Childs, Unternehmerin und Journalistin, sowie Ralph Schöllhammer, Politikwissenschaftler und Universitätsdozent.

Je höher das Vertrauen in eine Regierung, desto einfacher ist es, eventuell unliebsame Entscheidungen zu treffen, stellt Politikwissenschaftler Ralph Schöllhammer klar - das sehe man etwa am Beispiel Taiwan. Umgekehrt stellt die austro-amerikanische Unternehmerin Maggie Childs klar: Regierungen würden in den Vereinigten Staaten und in europäischen Ländern grundsätzlich anders gesehen. Wo ein grundsätzliches Vertrauen in die Regierung fehle, so Childs, sei es auch deutlich schwieriger, Maßnahmen oder Regelungen zur Eindämmung einer Pandemie flächendeckend und rasch umzusetzen. Was das bedeutet, zeigen die Zahlen: Die USA zählen mittlerweile knapp 1,7 Millionen offizielle Corona-Fälle und mehr als 100.000 Tote.

Politische Spaltung verstärkt Krise
Das Wahlkampfjahr 2020 mache die Krise nicht besser, so Childs, denn es werde verstärkt politisiert. Schöllhammer ergänzt: Die Debatte um den Mund-Nasen-Schutz sei in den USA längst keine gesundheitliche mehr, sondern eine politische. Man sei „ohne Maske pro-Trump und mit Maske anti-Trump“. Diese Spaltung sei nichts Neues, fährt Schöllhammer fort: Bereits ab Mitte der 1990er habe sich gezeigt, dass „der konservativste Demokrat nichts mehr gemein hatte mit dem liberalsten Republikaner“.

Gesundheitsreform nötig
In den USA, erklärt Childs, ist die Gesundheitsversicherung untrennbar an den Arbeitgeber gebunden, und „wenn man seinen Job verliert, verliert man auch seine Versicherung“. Bei derzeit 40 Millionen Arbeitslosen, die sich medizinische Versorgung zum Teil einfach nicht leisten können, vermutet Childs eine hohe Dunkelziffer. Anstoß zu Reformen könnte die Krise vor allem im Bereich der Alters- und Pflegeheime geben, sagt Schöllhammer, denn mehr als ein Drittel der rund hunderttausend Toten sind in Heimen zu beklagen. Man habe positiv getestete Menschen einfach in den Heimen gelassen und damit „die gefährdetste Gruppe direkt Infizierten ausgesetzt“, kritisiert der Politikwissenschaftler.

„Trumps Ticket ist die Wirtschaft“
Trotz der Zahlen will Präsident Donald Trump das Land möglichst schnell aufsperren. Aus politischer Sicht logisch: Seine Wiederwahl könnte durchaus davon abhängen, wie schnell sich die Wirtschaft wieder erholt, meint Schöllhammer. Childs sieht das ähnlich: „Trumps Ticket ist die Wirtschaft“, sagt sie. Er hat daher ein Interesse daran, den Lockdown möglichst schnell zu beenden. Wie die Wahl ausgeht, trauen sich weder Childs noch Schöllhammer zu sagen: „Diese Vorhersage war noch nie so schwer wie jetzt.“

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