11.05.2020 06:00 |

Neues Albumjuwel

Mark Lanegan: Schmerzhafte Analyse des Lebens

Er war schon immer der dunkle Poet des Grunge, der Leonard Cohen der Seattle-Szene. Mit 55 veröffentlicht der einstige Screaming Trees-Frontmann Mark Lanegan seine Autobiografie und das Album „Straight Songs Of Sorrow“. Eine Lebensbeichte, die aufwühlt und schmerzt.

Niemals erwachsen werden, immer aufrühren. Nirgendwo auf der Welt kann man sich dem Reifeprozess so schön verweigern wie in der Musik - und da noch einmal spezifiziert im Pop- oder Rockbusiness. Screaming Trees-Legende Mark Lanegan ist mittlerweile 55 Jahre und unzählige Alben alt, gibt aber trotzdem bewusst einen Fick darauf, ob er sich altersadäquat verhält. In seinem neuen Buch „Sing Backwards And Weep“, einer Art Autobiografie, lässt er sich gleich vier Seiten lang über Oasis-Frontmann Liam Gallagher aus. 1996 supporteten die Screaming Trees Oasis und da ging es backstage einmal munter hin und her. Lanegan bezeichnet Gallagher seitdem gerne als „Ein-Mann-Hitfabrik“ oder hochironisch „wahres Genie“, der revanchierte sich pubertär wie gewohnt in einer seiner vielen Twitter-Hasstiraden mit dem (nicht unberechtigten) Junkie-Vorwurf und spricht dem Amerikaner den Sinn für britischen Humor ab. Gute Promo braucht in konzertlosen Zeiten, wo die Albumverkäufe rapide sinken eben jeder, auch ein integrer Rabauke wie Mark Lanegan oder Manchesters Gossenprolet Liam Gallagher.

Vergangenheitsbewältigung
Neben dem Lesestoff veröffentlicht der Kultmusiker aber auch ein brandneues Album namens „Straight Songs Of Sorrow“. Eine Vertonung seiner Emotionen aus seinem Buch und eine Mischung aus Sounds von früheren Alben mit Akustikgitarre und seinen stets innovativen und durchwegs mutigen Ansätzen, die eigene Musik einmal mehr auf eine neue Stufe zu bringen. In der wundervollen und durchaus gewagten Retrospektive erinnert sich Lanegan an seinen Stellenwert in der florierenden Seattle-Rockszene in den 90er-Jahren, reflektiert seine immensen und lang andauernden Drogenprobleme und findet auch den Sprung in die Gegenwart, wo ihm erst letztes Jahr mit „Somebody’s Knocking“ ein stilles Meisterwerk gelang, dass vom Mainstream und den Medien sträflich untergraben wurde. Wie auch in seinem Buch zeigt sich Lanegan dabei offen, verletzlich und in gewisser Weise fast nackt. Es ist eine Abrechnung mit seiner eigenen Vergangenheit, aber auch mit ihm selbst. Eine musikalische Selbstwatschen, die Vergangenheit und Gegenwart perfekt zurechtrüttelt.

Den Schmerz, den die Erinnerungen beim Schreiben des Buches hervorbrachten, hört man auch den melancholischen, verqueren, manchmal auch kruden Kompositionen an, die sich jeweils um eine bestimmte Person, ein bestimmtes Kapitel oder eine bestimmte Begebenheit seines Lebens drehen. Auch musikalisch lässt er auf seinem zwölften Solowerk keine Kreuzung von früher aus. Etwa im schon recht früh angespielten „Apples From A Tree“, einem wunderbaren Singer/Songwriter-Werk, das an seine frühen Solotage gemahnt und mit einer wunderbar gespielten Fingerpicking-Gitarre von Lamb Of Gods Mark Morton veredelt wird. Doch auch elektronische Versatzstücke oder Grunge-Reminiszenzen blitzen auf dem ungemein bunten Werk immer wieder mit großer Strahlkraft hervor. Freunde und Wegbegleiter spielen eine entscheidende Rolle. Etwa Led Zeppelin-Bassist John Paul Jones in der dunklen Ballade „Ballad Of A Dying Rover“ oder Earth-Frontbart Dylan Carson „Hanging On (For DRC)“.

Großer Schlüsselmoment
Der absolute Schlüsselmoment befindet sich am Ende des zweiten Albumdrittels. „Skeleton Key“ ist eine gnadenlose Selbstabrechnung mit seiner schwersten Drogenzeit und eine Hinterfragung, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Sieben Minuten der bleiernen, inhaltlichen Schwere, die unweigerlich selbst zur Hinterfragung des eigenen Selbst führt. Wenn überhaupt, ein fast schon kosmischer Zufall, dass der Songtitel derart Nick Caves Album „Skeleton Tree“ ähnelt, der auf seinem Werk ebenfalls die offenste und direkteste Lebensbeichte ablegte. Lanegan ist ein Mann, der gute Freunde wie Kurt Cobain und Layne Staley elendiglich am Heroin zugrunde gehen sah und der den Absprung selbst gerade noch schaffte. Weltschmerz, neblige Atmosphäre, der angesetzte Staub der Vergangenheit und die Demut ob richtiger und falscher Lebensentscheidungen - hier hat Lanegan einfach alles versammelt. Und zeigt am Ende doch die Reife, die ihm besser zu Gesicht steht, als vorlautes Fern-Gebashe mit einem ewigen Kindskopf.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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