23.02.2020 06:00 |

Leben in Geisterstadt

Junger Chinese spricht über die Hölle von Wuhan

Er ist 24 Jahre alt. Er studiert Wirtschaft. Er lebt in Wuhan. Er hat der „Krone“ über einen - in China verbotenen - Messenger-Dienst ein Interview gegeben: Ein junger Chinese erzählt jetzt über sein Leben in der Geisterstadt. „Das Coronavirus breitet sich laufend weiter aus“, sagt er, und: „Die wahre Zahl der Toten wird verschwiegen.“ Aktuelle Aufnahmen aus der Millionenmetropole sehen Sie im Video oben.

Mit der „Krone“ hat der junge Mann unter der Bedingung gesprochen, dass in unserem Bericht sein Name nicht genannt wird. „Würde das geschehen, könnte ich Probleme bekommen“, mit den Behörden, „denn unsere Regierung versucht, das Corona-Drama zu verniedlichen, aus ökonomischen Gründen.“

Und „Verräter“, behauptet der junge Mann auch, hätten mit Sanktionen zu rechnen, „im schlimmsten Fall sogar mit einer Gefängnisstrafe“. Trotzdem, er will mutig sein; er postet - wie viele seiner Freunde - auf Internet-Plattformen Texte, mit Fotos und Videos aus Wuhan: „Weil überall auf der Welt bekannt werden soll, wie die Situation hier tatsächlich ist.“

Die Bilder, die Filme - sie zeigen grauenhafte Szenen: Menschen, die durch das Virus Angehörige verloren haben und bitterlich weinen. Menschen, die aus Fenstern und von Balkonen um Hilfe rufen: „Ich bin krank, ich brauche einen Arzt!“ Menschen, die - in Decken gehüllt - auf Gehsteigen liegen und darauf warten, von einem Rettungsteam entdeckt zu werden.

Was erzählt der Student über sein Dasein?
„Meine Eltern haben seit Wochen unsere Wohnung nicht verlassen, bloß ich gehe manchmal nach draußen.“ Um Lebensmittel einzukaufen, für seine Familie und für mehrere Nachbarn, „denen ich dann die Säcke vor die Türen stelle“.

Der 24-Jährige folgt damit den Anweisungen des Staats: Nur die Jungen dürfen überlebensnotwendige Wege erledigen, der Großteil der Bevölkerung befindet sich unter Hausarrest. „In dieser Geisterstadt, in der kaum noch Lokale oder Shops geöffnet sind.“

„Vorsichtsmaßnahmen kamen viel zu spät“
„Aber die Vorsichtsmaßnahmen wurden viel zu spät ausgerufen.“ Die Krankheit breite sich zunehmend aus, „die wahre Zahl der Toten wird verschwiegen“, die medizinische Versorgung sei längst zusammengebrochen - wie Ereignisse aus seinem engsten Umfeld deutlich machen.

„Vor zwei Wochen bereits wurde bei meinem Onkel Corona diagnostiziert, erst vor wenigen Tagen bekam er ein Bett in einem Spital zugewiesen. Mittlerweile gilt auch seine Tochter als infiziert. Sie wird jetzt von meiner Tante daheim gepflegt. Also ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch sie erkrankt.“

„Ich befürchte eine Pandemie“
Dr. Wei Zhang, ein Arzt aus China, der seit 2003 in Österreich lebt und praktiziert, warnt im „Krone“-Interview vor Flugreisen nach Asien.

„Krone“: Als wie bedrohlich schätzen Sie Corona ein?
Dr. Wei Zhang: Fakt ist: Es handelt sich um ein Virus, das schwer fassbar ist, das ständig mutiert - womit es schwierig sein wird, ein wirksames Medikament oder einen Impfstoff dagegen zu entwickeln. Daher befürchte ich, dass sich die Krankheit explosionsartig ausbreiten - also zu einer Pandemie werden - könnte.

Sie sind sicherlich mit Kollegen aus Ihrer Heimat in Kontakt. Wie beurteilen diese die Lage?
Pessimistisch. Weil sie wissen, dass die Dunkelziffer der Infizierten und der Verstorbenen sehr, sehr hoch ist.

Welche Personen sind besonders gefährdet?
Natürlich vor allem die Älteren - und jene, deren Immunsystem ein wenig angeschlagen ist.

Welche Vorsichtsmaßnahmen sollten international getroffen werden?
Flüge von und nach Asien sind unverantwortlich. Denn ein einziger Infizierter an Bord einer Maschine reicht, um Hunderte andere Menschen anzustecken.

Martina Prewein, Kronen Zeitung/krone.at

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