12.02.2020 06:00 |

Neue EP „Telemark“

Ihsahn: Majestätisch-kühle Tonkunst aus dem Norden

Mit Emperor hat Vegard Sverre Teitan aka Ihsahn Musikgeschichte geschrieben. Vor allem die ersten zwei Alben haben den Black Metal so geprägt wie wenig anderes. Über die Jahre hinweg entwickelte sich der heute 44-Jährige zu einem der progressivsten und mutigsten Künstler der nordischen Szene. Ein gutes Beispiel für seine Vielseitigkeit ist die brandneue 5-Track-EP „Telemark“, die das nächste spannende Karrierekapitel des Vollblutmusikers einläutet.

Etwa 170.000 Einwohner verstreuen sich auf etwa 15.000 Quadratmeter. In der Provinz Telemark schneiden sich die Vorzüge von Ost-, Süd- und Westnorwegen, weshalb das beschauliche Fleckchen Erde auch gerne als „Norwegen in Miniatur“ genannt wird. Dort schrieb der berühmte Henrik Ibsen seine dramatische Lyrik, befindet sich der größte Aquapark des Landes und wurde vor mehr als 100 Jahren die berühmte „Telemarklandung“ im Skispringen erfunden. Telemark ist aber auch die Heimat von Ihsahn, dem norwegischen Kultmusiker, der anfangs mit Emperor und später als Solokünstler einen erheblichen Anteil an der Bekanntheit Norwegens in der weiten Welt Anteil hat. Auf der ersten von zwei für 2020 geplanten EPs huldigt er seiner Heimat nun im gewohnt progressiven Stil musikalisch. Nach Ausflügen in die Elektronik und Free-Jazz-Referenzen geht es „back to the roots“.

Die drei neu geschriebenen Songs „Stridig“, „Nord“ und „Telemark“ mäandern geschickt zwischen den einzelnen Karrierephasen Ihsahns und spiegeln die weite und teils noch unberührte Natur seiner Heimat wieder. Verstärkt mit Saxofon und Bläserstimmen, verlieren die Songs trotzdem niemals an kalter Gefährlichkeit und überzeugen mit ihrem glasklaren Klang, der jedes Instrument für sich in den Vordergrund rücken lässt. So stark wie lange nicht mehr konzentriert sich der 44-Jährige auf seine Black-Metal-Vergangenheit und beschließt das konzeptionelle Kurzwerk mit zwei interessanten und gelungenen Coverversionen: „Rock And Roll Is Dead“ von Lenny Kravitz und Iron Maidens „Wrathchild“. Bevor im Laufe des Jahres eine zweite, progressivere und ruhigere EP kommen soll, haben wir mit Ihsahn über seinen ganz eigenen Zugang zur Musik, seine Vergangenheit bei Emperor, Mopedfahrten als Jugendlicher und die Ikonisierung eines ganzen Genres gesprochen.

„Krone“: Ihsahn mit „Amr“ gelang dir vor zwei Jahren ein grandioses Album, doch wird es nach mehr als 25 Jahren im Musikbusiness für dich nicht immer schwerer, dich noch selbst mit neuer Musik überraschen zu können?
Vegard „Ihsahn“ Teitan:
Ja und nein. Ich versuche immer neue Wege zu finden, um mich auszudrücken, deshalb klingen meine Soloalben auch so unterschiedlich. Es ist immer Zeitverschwendung, einen Plan zu erschaffen und versuchen, Grenzen abzustecken, weil es dann doch nie funktioniert. Ich will Alben erschaffen, die nicht nur wie eine Ansammlung von Songs klingen, sondern einfach zusammenpassen. Am Wichtigsten ist es, sich selbst erfreuen zu können und Spaß an der Sache zu haben. Der Enthusiasmus für das Entdecken von neuen Sachen und für das Schrauben an Songs darf nie aufhören. Sollte das mal der Fall sein, dann würde ich wohl kaum mehr Musik machen.

Das Feuer hat bei dir aber glücklicherweise nie aufgehört zu lodern. Du findest offenbar immer wieder scheinbar mühelos neue Wege, dich durch unterschiedliche Arten von Kunst auszudrücken.
Das brauche ich auch, es würde nicht anders gehen. Seit ich mich erinnern kann, suche ich schon nach neuen Zugängen zu Musik. Ich kann mich durchaus glücklich schätzen, dass das mein Job wurde. (lacht)

Du hast immer behauptet, dass die wichtigsten Zutaten für deine Musik einerseits schnelle und verzerrte Gitarren, andererseits schreiende, extreme Vocals sind. Doch die Experimentierfreude erhöht sich quasi mit jedem Album - ist dahingehend eine Änderung möglich?
Absolut. Ich suche und finde immer neue Wege, mich auszudrücken. E-Gitarren und extreme Vocals sind für mich aber wie meine zweite Muttersprache. Die Experimentierfreude bedeutet aber nicht, dass die anderen Präferenzen deshalb hintenanstehen müssen. Mit jedem Album und jedem Song komme ich nur der Kernidee von Musik, wie sie in meinem Kopf existiert, näher. Etwas Neues zu machen heißt nicht, dass ich das bereits Feststehende aus dem Fenster werfe. Meine Kreativität vermischt einfach das Bestehende mit dem Neuen und jedes neue Album ist für mich wie in die Schule zu gehen - ich lerne immer dazu.

Suchst du beim Musikmachen nach Perfektion? Nach dem ultimativen Song?
Ein Album zu machen ist immer ein ziemlicher Kampf. Du gräbst dir deinen Weg zum Ziel frei und wirfst dabei irrsinnig viel Zeug weg, dass du auf dem Weg dorthin kreierst. Aber wenn du plötzlich ein Stück Musik oder nur ein bestimmtes Riff hast, wo du nicht einmal mehr genau weißt, woher es kommt, es aber nicht mehr aus deinem Kopf geht, dann ist dieses Gefühl magisch und unbezahlbar. Auch als Fan kennst du das Gefühl, dass du dich bei einem Song im Moment verlieren kannst. Das ist immer das Ideal, das man beim Musikmachen haben sollte. So gut und wichtig Technik auch sein mag - am Ende geht es darum, eine ganz besondere Emotion heraufbeschwören zu können.

Spürst du denn das, wenn du einen Song oder ein Riff hast, dass auch besteht und verarbeitet wird? Wie bemerkst du diese Momente?
Du arbeitest einfach dahin, lässt dich nicht aufhalten und plötzlich bemerkst du etwas. Es geht gar nicht um Songs an sich. Ich habe eine grobe Vorstellung davon, welche Art von Album ich erschaffen will und dann bemerke ich, welche Noten passen oder auch welche Bildsprache sich kombinieren lässt. Wenn ich ein Jahr lang an einem Album arbeite gibt es viele musikalische Ideen, die ich mag, die aber nicht in das vorgegebene Puzzle passen. Da muss man dann differenzieren können und die Ideen aussortieren. Der erste Song auf „Amr“ hat diese Synthie-Spur und als ich sie spielte wusste ich sofort, dass dieser Sound das Album eröffnen wird. Manchmal weißt du einfach, wo etwas hingehört und wie die Stimmung passt. Es ist sehr intuitiv. Ich weiß auch nicht, warum ich diese Noten spielte, weil es sehr simpel war, aber das Gefühl war einfach richtig.

Viele Künstler können ihre Musik visualisieren. Ist das bei dir auch so? Ziehen bestimmte Bilder an dir vorbei, wenn du mit Klängen experimentierst?
Es kommt drauf an. Manchmal mehr, manchmal weniger. Auf „After“ habe ich einen Song namens „A Grave Inversed“ und jemand sagte mir mal, er klinge so, wie wenn du einen Moshpit unter Bienen anzetteln würdest. Das erste Wort im Song ist „Sandstorm“ und das hat mich dazu animiert, diesen Sandsturm in einen Sound zu gießen.

Greifst du beim Erschaffen neuer Songs auch immer wieder auf die eigene Vergangenheit zurück? Auf dein eigenes musikalisches Vermächtnis?
Nein. (lacht) Meine vergangenen Alben sind alle Teil meiner musikalischen Zeitgeschichte. Ich nehme mir von den Soloalben manchmal aber schon Teile, die mir gefallen und verstärke sie mit neuen Ideen. Ich versuche aber tunlichst zu vermeiden, mich zu sehr von der Vergangenheit zu nähren.

Ist es dir auch wichtig, mit immer neuen Instrumenten zu spielen, um deine Ziele zu verwirklichen? Das Saxofon etwa spielt bei dir auch immer wieder eine tragende Rolle.
Ich höre sehr unterschiedliche Musik. Ein Teil davon nur aufgrund des emotionalen Kontexts, andere Teile höre ich, weil mich die Arrangements und Herangehensweisen interessieren. Hip-Hop und R&B haben eine ganz eigene Soundsprache, die sehr stark und mächtig wirkt. Ich überlege mir durchaus, die Vorzüge von dort in meine Soundwelt einzubauen. Ich hoffe inständig, dass ich mit jedem Album wie niemand anderes auf dieser Welt klinge. Es soll nach mir klingen, aber immer anders. Das ist ein ziemlich narzisstischer Prozess, aber es ist ein ehrliches Ziel, denn am Ende des Tages will ich etwas Eigenständiges kreiert haben. Das ist wie bei einem Koch - der will auch nicht die Gerichte anderer wiederholen, muss aber aufpassen, dass die Eigenkreationen den Leuten trotzdem schmecken, weil sonst bezahlt niemand mehr was dafür. (lacht) Man muss vorsichtig sein, wenn man neue Zutaten hinzufügt. Das ist in der Musik exakt dasselbe.

Wie wichtig ist dein Egoismus beim Songwriting? Du bist bekannt dafür, deine Visionen und Ideen nicht gerne mit anderen zu teilen.
Egoismus ist großartig. (lacht) Anfangs habe ich die Visionen mit anderen Bandmitgliedern geteilt und wir haben alle schnell gemerkt, dass das nicht so einfach ist. Als Konsequenz daraus habe ich mich auf meine eigene Musik konzentriert. Das war wohl für mich und alle anderen besser. (lacht) Meine Frau Heidi ist meine kreative Partnerin. Sie unterstützt mich bei der Musik und ist ein unverzichtbarer Teil von mir. Sie kennt mich so gut und versteht all meine Visionen, dass sie mir immer ehrlich und offen sagen kann, ob die Richtung passt oder nicht. Ich vertraue ihr da wirklich sehr. Menschen, die sehr meinungsstark sind, tun sich mit mir im Arbeitsprozess aber sicher schwer.

Du hast behauptet, dass die frühen Bathory für dich genauso Black Metal sind wie etwa Diamanda Gallas. Viele andere Musiker aus dem Black-Metal-Bereich behaupten, dass die Essenz des Genres satanische Texte und kein bestimmter Sound seien. Mit der Haltung stimmst nicht ganz überein...
Black Metal ist für mich ein Gefühl. Es ist schwer zu beschreiben, aber man merkt, wenn etwas in diese Richtung tendiert. Es ist dann auch egal, ob die Gitarren verzerrt sind oder nicht. Ich bin per se aber kein Fan eines bestimmten Musik-Genres, sondern mag einfach Gutes. Das ist natürlich sehr subjektiv, aber das ist ja das Schöne an der Musik und der Kunst im Allgemeinen. Bis jetzt habe ich zum Beispiel keinen Reggae-Künstler gefunden, der mich irgendwie erwischt. So etwas langweilt mich einfach immens, aber auch da besteht immer die Chance, dass es mal einen Song gibt, der mich mitreißt. Diese Laid-Back-Stimmung, die „mir egal“- und „rauchen wir Weed“-Attitüde ist nichts für mich. Aber zu sagen, es wäre Mist, ist eine Frechheit. Bei euch in Österreich hört man zum Beispiel gerne Schlager. Der ist meist inhaltsleer und die Leute schunkeln herum - aber sie spüren dabei etwas und das ist doch toll. Es gibt auch in der Malerei Bilder, die sind exakt einem Foto nachempfunden - dann gibt es wieder abstrakte Werke, die für viele überhaupt keinen Sinn machen, aber andere völlig mitnehmen. Sie starren stundenlang drauf. Kunst ist kein Wettbewerb so wie Skifahren - hier geht es nicht darum, dass jemand schneller oder besser ist und dadurch gewinnt.

Es geht im Endeffekt doch immer um die richtige Emotion. Wenn du die Emotion in den Menschen weckst, wird deine Musik immer Erfolg haben.
Es wirkt nach außen hin sehr unterschiedlich, ob ich mit Emperor auftrete oder solo, aber der Sinn dahinter ist der gleiche - du willst die Leute mit deinen Songs treffen und auch selbst möglichst hineinfließen. Der Erfolg einer Show basiert sehr stark auf die Energie, die hoffentlich zwischen Künstler und Publikum entsteht. Es geht um den Sound, die Songs, die Lichter und die gesamte Erfahrung innerhalb von 90 Minuten. Manchmal entwickelt sich so etwas magisch, manchmal ist es schwieriger zu bewerkstelligen.

Aber basierend auf deiner Aussage mit Bathory und Gallas - was macht diese beiden so unterschiedlichen Künstler für dich gleichermaßen zu Black Metal?
Beide geben mir ein ähnliches Gefühl, wenn ich meine Augen schließe und die Musik höre. Es ziehen ähnliche Bilder an meinem inneren Auge vorbei. Dadurch habe ich einen Direktvergleich, wo in erster Linie keiner zu sein scheint.

Vor 30 Jahren war es im Black Metal noch leicht möglich, die Leute zu schocken und zu provozieren. Heute leben wir in einer Welt voller Regeln, Verbote und Political Correctness und dennoch wirkt es nicht so, als könnten jüngere Black-Metal-Bands für Aufruhr sorgen. Ist diese Zeit endgültig vorbei?
Es ist heute wirklich leicht, jemanden zu beleidigen. Wir leben in einem sehr fragilen Zeitalter. Ich würde sogar sagen, dass es heute noch leichter wäre zu provozieren, wenn jemandem etwas Neues einfallen würde. Ich sage das nicht, weil ich schon in den 70er-Jahren geboren wurde, und alt war, aber es war früher vieles leichter. Jimi Hendrix war der erste, der die Fuzz-Pedale direkt am Soundboard anschloss und damit einen neuen Klang kreierte, der davor nicht da war. 20.000 Künstler haben sich also darüber gefreut und beschlossen, das exakt auch so zu machen. Das führt aber zu keiner Weiterentwicklung in der Musik, denn es ist unnötig. Ähnlich war es damals in unseren Zeiten bei Emperor und im norwegischen Black Metal. So locker du Judas Priest von Iron Maiden und Mötley Crüe von W.A.S.P. unterscheiden konntest, so leicht konnte man auch zwischen uns, Darkthrone, Immortal und Burzum unterscheiden. Damals war noch nichts ausgeformt und erst als mehr Alben von den Bands raus waren, begannen andere uns zu interpretieren. Ich will nicht kopieren sagen, aber es gab einfach eine Überschwemmung von gleich klingenden Sachen. AC/DC nahmen auch 40 Jahre die gleiche Platte auf, aber sie wollten das und die Fans wollten das, also war das okay. Lemmy von Motörhead war deshalb so eine Ikone, weil er über 40 Jahre lang einfach er war - ohne Abstriche und Kompromisse. David Bowie hingegen hatte unzählige Identitäten und war ebenso eine Ikone. Mein musikalischer Zugang ist jener, dass ich so gesehen lieber ein David Bowie als ein Lemmy bin. Für andere reicht es wiederum, immer den Blues zu spielen.

Beeindruckend an eurer Szene war, in welchem Alter ihr durchgestartet seid. Als das Emperor-Debüt „In The Nightside Eclipse“ gefertigt wurde, warst du ca. 17. Gleich alt wie Jon Nödtveidt von Dissection, als deren Meisterwerk „The Somberlain“ entstand. Beide Alben sind für die Ewigkeit bestimmt. Habt ihr damals schon gefühlt, dass euch da etwas ganz Spezielles gelingt?
Wenn du so jung bist, passieren die Dinge so wahnsinnig schnell. Meiner ersten Band trat ich bei, als ich 13 war und dort wurde gecovert. Dann kam ich weiter und die anderen dort waren 16. Für mich waren das Erwachsene, denn sie hatten schon Mopeds. (lacht) Sie alle hatten schon Songs in Studios aufgenommen, wodurch sie für mich einfach Profis waren. Ich hatte viel Glück, dass ich in diese musikalische Umgebung kam, weil die Leute da viel ambitionierter waren als jene, die nur coverten. Das hat sich bei mir sehr früh eingeprägt. Wir wussten damals nicht, was wir taten. Es gab kein Geld, kein Prestige und niemand scherte sich um uns. Wir waren sehr fokussiert auf diese dunkle, morbide Szenerie, die wir ausdrücken wollten und waren völlig in unsere Welt vertieft. Wir hatten keine Erfahrungen und haben alles auf eine Karte gesetzt. Für die Kunst war das grandios, denn da wir so pleite waren, spielten wir auch derart dunkle und hasserfüllte Musik. Wir dachten nicht an eine Plattenfirma, Albumverkäufe oder künstlerische Kompromisse, sondern sind quasi blind ins kalte Wasser gesprungen. Wir waren ein Teil von etwas, das damals innovativ war. Wie viele norwegischen Musiker fallen dir auf die Sekunde spontan ein?

A-ha.
Ok, A-ha. Jetzt hast du mich. (lacht) Die Aussichten in Norwegen auf eine Musikkarriere waren aber bei null oder darunter. Natürlich sind wir immer noch in einer Underground-Szene, aber die Musik ist mein Job, seit ich 16 bin. Ich musste seither nichts anderes machen und das ist das Resultat daraus, dass wir eben keine Kompromisse eingingen, vielleicht auch Glück hatten und etwas machten, das es nicht gab. Wir hatten ehrliche und pure Ambitionen und ich mache heute noch Musik, mit dem Gedanken dieser Unschuld im Hinterkopf. Natürlich wollen die Leute, dass ich noch ein Album wie „Anthems To The Welkin At Dusk“ mache, aber ich habe das Privileg, das ich mich keinen Kompromissen hingeben muss und das mache, was ich für richtig halte. Es ist immer das Beste, das mir möglich ist, aber ich habe damals nach keiner Erwartungshaltung komponiert und mache das heute erst recht nicht.

Das ist wohl auch der Hauptgrund, warum man noch viele weitere Jahre umsonst auf ein neues Emperor-Album warten kann?
Natürlich ist es ein Kompliment für mich, dass die Leute so ein Album gerne hätten, aber welche Art von Album würde diesen Wunsch zufriedenstellen? Will ein alteingesessener Emperor-Fan wirklich ein Emperor-Album mit den kreativen Visionen, wie wir sie heute haben? Ist das die Essenz des Black Metal, dass wir den Leuten was geben, weil sie etwas wollen? Das wäre einfach falsch. Musikalisch sind wir heute ganz woanders, also könnten wir die Erwartungen wohl kaum erfüllen. Wir haben eine tolle Zeit, all diese tollen Konzerte zu spielen und wenn wir wirklich wollten, könnten wir auch etwas machen, aber derzeit bin ich mehr als zufrieden mit meinem Soloprojekt. Dort kann ich alles abdecken, was meine Kreativität verlangt.

In Norwegen gab es in den 90ern nicht nur bei euch, sondern auch bei vielen anderen Bands einen regelrechten Underground-Hype. War es immer leicht, das in eurem Alter korrekt zu handeln?
Wir alle hatten das Make-Up und waren sehr gelöst von der Realität. Die Leute haben uns gehasst. Ich meine WIRKLICH gehasst. Es gab Menschen, die haben ihre Jobs verloren, weil sie uns kannten. haben früher schon Leute gefragt, wie ich mit diesem Übernacht-Erfolg von „At The Nightside Eclipse“ umgehen konnte. Was? Wo war ich, als dieser Erfolg passierte? (lacht) Es war immer noch verdammt viel Underground. Es hat ewig gedauert, bis das Album rauskam und die Medien hassten es. Sogar „Anthem To The Welkin At Dusk“ haben sie regelrecht geschlachtet. „Furchtbarer juveniler Bullshit“ hieß es damals. 20 Jahre später stehen wir in irgendwelchen Listen neben Black Sabbath und werden als eine der einflussreichsten Bands für den ganzen Extreme Metal genannt. (lacht) „IX Equilibrium“, das dritte Album 1999, verkaufte in drei Wochen ca. 50.000 Stück. Das war dann wirklich Erfolg. Alles andere davor wäre nostalgische Verklärung. Wir hatten ein paar tolle Touren, aber weißt du wann der erste große Erfolg passierte? Als wir uns 2006 für Wacken reformierten. Wir spielten mit Iron Maiden vor diesem Riesenpublikum, das ist unvergesslich. Der von dir angesprochene Hype war also nie ein Problem. (lacht) Es schaut nach außen hin immer so aus, aber die Realität war weitaus ernüchternder.

Haben die ganzen Geschichten über Morde, Kirchenbrandstiftungen und Fehden zwischen den Bands schlussendlich nicht die Musik und das Handwerk an sich überschattet?
Ja und nein. All diese Dinge haben nicht nur den Hype unterstützt, sondern auch das Gefühl, das all das echt wäre. Wir waren nicht mehr irgendwelche Spaßfiguren mit Kostümen und Corpsepaint sondern echte Verrückte. Das hat die gesamte künstlerische Vorgehensweise in der Szene erheblich verstärkt. Es gab damals kein Internet, die Leute erfuhren davon aus Zeitungen und Fernsehberichten. Niemand wusste wer wir waren, wie wir hießen, genau aussahen oder wie alt wir waren. Hätten wir uns mit derselben Musik als pickelige Teenager inszeniert, hätten wir niemals diesen Eindruck hinterlassen. Das Bild und die Geschichten dahinter waren einfach ein wichtiger Teil des Erfolgs und des gesamten Mythos. Die Musik war aber schon ein entscheidender Teil von allem.

2019 hätte sich ja perfekt für das Spielen des gesamten „IX Equilibrium“-Albums angeboten, zum 20-Jahre-Jubiläum.
Wir haben innerhalb der Band vereinbart, dass wir die Leute und den Markt damit nicht übersättigen wollen. Als wir „At The Nightside Eclipse“ zum Jubiläum spielten war das, weil das Album einfach so einen Einfluss auf uns alle hatte. Außerdem haben Samoth und ich beschlossen, dass wir unserem Drummer Faust damit auch für ein, zwei Jahre die Chance geben möchten, dieses Gefühl auch zu spüren. Er hat davon in den 90er-Jahren nur sehr wenig mitgekriegt. „Anthems To The Welkin At DusK“ war auch unglaublich wichtig für uns. 2014 haben wir sieben Shows gespielt und 100 abgesagt. Es war uns immer wichtig, dass wir uns da nicht verausgaben, sondern die Spannung aufrechterhalten. Wir sind ehrlich gesagt sehr privilegiert, denn wenn wir etwas machen wollen, gibt es für gewöhnlich die Möglichkeit dazu. Haben wir keine Lust, sagen wir einfach ab. Es steckt auch viel Organisation und Geld dahinter, das ist ganz klar. Deshalb ist es toll, dass wir innerhalb der Band sehr freundlich und entspannt miteinander umgehen. Es ist der Old-School-Weg und wollen ihn nicht überreizen.

Wie fühlt sich das Livespielen auf diesen Riesenfestivals an?
Es ist eine ganz besondere Atmosphäre. Wacken 2006 war natürlich das Highlight, das haben wir auch für eine DVD aufgezeichnet. Wir spielten in der Dunkelheit, 80.000 Menschen waren da und haben teilweise sogar mitgesungen. Meine Stiefmutter war damals auch am Gelände und hat sich die Show angesehen. 2014 haben wir dann etwas früher gespielt, weil Dave Mustaine Megadeth nicht weiter vorne im Line-Up haben wollte. (lacht) Es war noch hell, was prinzipiell egal ist, aber für eine Musik wie unsere ist die Dunkelheit natürlich nicht unwichtig. Beim Hellfest 2017 spielten wir aufgrund eines spontanen Wechsels im Zelt, wo immer noch 50.000 Menschen zu sehen waren. Da waren wirklich unsere Kernfans und die Stimmung war einfach unheimlich intensiv. Es ist schwer zu erklären, wie solch eine Energie entsteht. Es geht definitiv nicht um die Menge der Menschen. 2014 für die „Eclipse“-Shows spielten wir in Tokio und da waren nur etwa 3.500 Leute, aber alle haben alles gegeben und das ist genauso magisch und unvergesslich.

Mit Ihsahn spielst du natürlich die kleinen Clubs, während Emperor bei den allergrößten Festivals auf der Bühne steht. Hast du bei den Ihsahn-Shows dann wirklich genauso viel Gänsehaut wie mit Emperor?
Es ist schon schön zu sehen, wenn die Fans auch zu meinen Solo-Songs eine solch intensive Beziehung aufbauen können, wie ich sie zu Songs meiner Favoriten aufbauen konnte. Es ist egal, wer sie geschrieben hat, aber es ist eine besondere Erfahrung, wenn du spürst, dass deine Songs so gut ankommen. Es ist eine gegenseitige Freude, die sich Künstler und Publikum machen. Ich finde es auch wahnsinnig interessant, wie meine Gedankengänge und Zugänge zu einem Song sich völlig von mir weg entwickeln, weil die Leute es für sich interpretieren und eventuell andere Schlüsse daraus ziehen.

Wie sieht es eigentlich mit dem so oft prognostizierten All-Star-Projekt zwischen dir, Behemoth-Sänger Nergal und Judas-Priest-Legende Rob Halford aus? Wird das wirklich was?
Ich hoffe es! Wir haben alle schon miteinander gesprochen, aber wie du sehen kannst, sind wir alle keine Typen, die herumsitzen und darauf warten, dass es etwas zu tun gibt. (lacht) Es wäre natürlich großartig.

Prinzipiell seid ihr ja alle drei Sänger. Wie könnte so etwas in der Realität dann aussehen?
Keine Ahnung. Auch wenn man das nicht glauben mag, aber ich wollte nie ein Teil von etwas sein, wo man einfach nur Namen zusammenwirft, die man kennt und dann möglichst gewinnbringend verkaufen kann. Rob Halford ist ein Vorbild für uns alle, ein integraler Bestandteil für unsere Metal-Erziehung. Wenn wir wirklich etwas machen, dann muss es Hand und Fuß haben. Es soll am Ende nicht ums Name-Dropping gehen, sondern wirklich etwas Tolles sein, dass sich durchsetzen wird. Das ist die oberste Prämisse.

Rob Halford ist auch sehr stark an neuer Musik interessiert. Eine Haltung, die bei vielen altgedienten Metal-Musikern eher selten ist und angenehm positiv heraussticht.
Er hat eine wahre Passion für Musik. Er macht das schon so lange und liebt das noch immer. Er liebt seine Fans, die Musik und alles. Wie langweilig muss es für ihn sein, immer wieder „Breaking The Law“ zu proben, aber er macht es noch immer mit voller Leidenschaft. Mir geht es ähnlich - ohne das direkt vergleichen zu wollen - mit „I Am The Black Wizards“. Ich schrieb den Song mit 16 und wir haben die Nummer quasi bei jeder Show gespielt. In Tokio hat der Song durch die Begeisterung des Publikums aber ein neues Eigenleben entwickeln können. Diese Momente machen ihn wieder besonders.

Gibt es einen Ratschlag, den du dir mit dem Wissen von heute als 16/17-Jährigen geben würdest?
Zu viele. (lacht) Wer hätte die nicht? Ich glaube, da geht es jedem gleich. Vertrau dir und sei selbstsicher genug, dass du das richtige machst. Das ist der beste Teil daran, 40 zu werden: Während du dich früher über alle Kleinigkeiten geärgert hast, ist dir irgendwann einfach egal, was du ohnehin nicht ändern kannst.

Musiker wie Nergal, David Vincent oder Jeff Walker toben sich musikalisch auch schon außerhalb der Metal-Grenzen aus. Wäre das für dich von Interesse?
Durchaus, diese Ideen gibt es immer wieder. Ich habe sie aber noch nicht fertiggedacht. (lacht)

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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Donnerstag, 27. Februar 2020
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