06.02.2020 06:00 |

„Father Of All...“

Green Day: Die Krux mit der Berufsjugendlichkeit

Partyspaß statt Politikritik, Genre-Hopping statt Punkrock, ewige Jugend statt würdiges Erwachsenwerden - auf ihrem 13. Studioalbum „Father Of All Motherfuckers“ ignorieren Green Day einmal mehr die Zeichen der Zeit und inszenieren sich als zwanghafte Berufsjugendliche mit Lust an der musikalischen Zerstörung. Das gelingt in manchen Songs ganz akzeptabel, ist in anderen aber nur plump und peinlich. Beim Livekonzert am 21. Juni im Wiener Happel-Stadion wird es zum Glück auch alte Hits zu hören geben.

Wer das Genre schon länger verfolgt weiß, im Punkrock altert man meistens schlecht. The Offspring etwa haben schon gut acht Jahre kein Album mehr veröffentlicht und Frontmann Dexter Holland muss bei den schnellen Songs während seiner jährlichen Österreich-Sommerfestivalaufenthalte schon ordentlich nach Luft röcheln. Bad-Religion-Frontmann Greg Graffin schaut längst wie ein Biologieprofessor aus und Milo Aukerman von den Descendents benötigt bei Liveauftritten einen kleinen Wasserspeicher unter dem Polohemd, um nicht der Dehydration zu unterliegen. In punkto Fitness und Aussehen wirkt Green Days Sänger Billie Joe Armstrong auch knapp vor seinem 48. Geburtstag noch quietschfidel. Die zahlreichen Entziehungskuren und Probleme mit Burn-Outs haben ihn zwar öfters aus der Bahn geworfen, kommerziell haben sich Green Day mit dem politischen Konzeptalbum „American Idiot“ vor mittlerweile 16 Jahren aber an die Spitze des Genres gesetzt und thronen von dort ungebrochen.

Vergaloppiert
Seitdem ist musikalisch einiges passiert, doch an die hohe Qualität dieser Tage kam das kalifornische Trio nie wieder heran. War „21st Century Breakdown“ 2009 noch ein würdiger Nachfolger, vergaloppierte sich die Band 2012 mit dem Dreigespann „Uno“, „Dos“, „Tré“ in unerreichbare Weiten. Hätte man das ambitionierte Sammelsurium auf ein kompaktes Werk eingestampft, wäre wohl ein gutklassiges Album entstanden. „Revolution Radio“ war vor vier Jahren schlussendlich die erste Rückbesinnung auf die Stärken, die Green Day in den 90er-Jahren mit „Dookie“, „Insomniac“ und „Nimrod“ zur Kulttruppe gedeihen ließ: zwanglose Punkrock-Hymnen, die sich nicht allzu sehr um Belehrungen und Bildungsaufträge scheren, sondern einfach den Spaß in den Vordergrund stellen.

Mit „Father Of All Motherfuckers“ steigen Green Day nun mit ihrem 13. Studiowerk in den Ring und versuchen noch stärker, die Adoleszenz in den Vordergrund zu rücken. Fun-Punk in allen Ehren, doch wenn Armstrongs längst erwachsener Sohnemann Joey mit den aufstrebenden SWMRS derzeit die junge Generation für sich erobert, wirkt der väterliche Versuch, zwanglose Coolness auszustrahlen durchaus plump und peinlich. Das Alter macht eben vor niemandem Halt. Dabei machen vor allem die bereits bekannten Singles durchaus Spaß und sorgen für Kurzweil. Der Titeltrack geht sofort ins Ohr und wird unter Garantie zu einem Fixstarter im Live-Set gedeihen, „Fire, Ready, Aim“ feuert in unter zwei Minuten Reminiszenzen an das goldene 90er-Jahrzehnt aus allen Rohren und „Oh Yeah!“ gemahnt als etwas reduzierter und entschlackter Song an das umstrittene „Do You Wanna Touch Me“ vom noch umstritteneren Gary Glitter. Da dieser als Vergewaltiger überführt wurde, spendet die Band sämtliche Einnahmen des Songs an die „International Justice Mission“ und an das „Rape, Abuse & Incest National Network“. Gut so!

Bunte Mixtur
Die Überraschungen liegen beim Rest des mit nur 26 Minuten kürzesten Albums der Bandhistorie. Schon „Meet Me On The Roof“ erklingt ungewohnt weichgespült und orientiert sich an die melodische Unschuld des US-60s-Diner-Pop, „Stab You In The Heart“ ist eine allzu offensichtliche Rock’n’Roll-Verbeugung vor Elvis Presley und „Take The Money And Crawl“ versucht sich mit verzerrter Stimme und Drei-Akkord-Partystimmung beliebt zu machen. Das klingt beileibe nicht furchtbar, wirkt aber zeitweise so unausgegoren und wild durcheinandergewürfelt, dass man unweigerlich das Gesamtkonzept der Platte anzweifelt. Armstrong bezeichnete das Album im Vorfeld als „die neue Seele von Soul, Motown und Glam“, wo bereits die ersten Fan-Alarmglocken schrillten. Wie in den frühen Tagen geht es Armstrong darum, „einen Scheiß auf alles“ zu geben und das Leben und den Tod der Party zu zelebrieren.

Das mutet vor allem im US-Präsidentschaftswahljahr befremdlich an, ignoriert die Band schließlich völlig politische Mechanismen und Strömungen und konzentriert sich nun lieber auf ungezwungenen Spaß. Ob diese gequälte Berufsjugendlichkeit einer späten Midlife-Crisis geschuldet ist oder Green Day tatsächlich keine Lust mehr am Politisieren haben, das bleibt zumindest vorerst offen. Neben den eher misslungenen Experimenten kehren so einige Songs aber auch noch einmal die Stärken der Band in den Vordergrund. So erinnert etwa „Sugar Youth“ mit einem markanten Anfangsriff und Tré Cools einzigartigem Drumming am Deutlichsten an die glorreichen Tage der Frühzeit und „Junkies On A High“ ist ein eingebremster Song, der sich offenbar autobiografisch mit der harschen Vergangenheit Armstrongs befasst.

„Father Of All…“, wie die um „Motherfucker“ zensierte Version des Albums mit dem Regenbogen-kotzenden Zeichentrickeinhorn am Cover heißt, versucht in weniger als einer halben Stunde Punk, Pop, Rock, Rockabilly und Indie zu vereinen und verzettelt sich dadurch am eigenen Anspruch. Einerseits predigt Armstrong in den wenigen großen Interviews das Party-Gen und die Zwanglosigkeit des Albums, andererseits versucht die Band eindeutig zu viele Gewürze in die akustische Suppe zu werfen. Das Erwachsenwerden fällt manchen schwer - blöd nur, wenn das mit der ewigen Jugend eben auch nicht wirklich klappt…

Live in Wien!
Am 21. Juni kommen Green Day mit Weezer und Fall Out Boy ins Wiener Ernst-Happel-Stadion, um neben den Songs auch all die großen Hits aus der Vergangenheit zu spielen. Weitere Infos und Karten gibt es unter www.ticketkrone.at.  

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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