30.01.2020 06:00 |

Veraltetes Regelwerk

Pandemieplan: Nigeria ist moderner als Wien

Vor 14 Jahren (!) wurde die Wiener Strategie bei Influenza-Ausbrüchen wie dem Coronavirus stolz präsentiert. Ein veraltetes Regelwerk, das längst überarbeitet gehört - was jetzt endlich passiert.

Viele unserer Leser erinnern sich mit Schaudern daran, als Renate Brauner (SPÖ) Finanzstadträtin war. Davor, und das haben viele längst vergessen, stand auf der Visitenkarte der späteren Schulden-Queen aber noch eine andere Berufsbezeichnung: Stadträtin für Gesundheit. Und aus genau dieser grauen Vorzeit - nämlich vom April 2006 - stammt auch der Wiener Pandemieplan, der in Zeiten des Coronavirus längst eine Überarbeitung benötigt.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema:

  • Was ist ein Pandemieplan?
  • Damit bei Ausbrüchen wie dem Coronavirus nicht in der Stadt das Chaos ausbricht, braucht es eine Strategie, einen Fahrplan durch die Influenza-Krise. Der beinhaltet: medizinisches Krisenmanagement, Gewährleistung der Spitalsversorgung, medizinische Betreuung zu Hause, Hygienevorkehrungen, Schutzimpfungen u.v.m. Es gibt einen bundesweiten Plan, der Wiener sollte eine „ergänzende, an die lokalen Gegebenheiten angepasste Detailplanung“ sein. Dazu später mehr.
  • Wie steht Wien da?
    Schlecht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat zur Veranschaulichung eine Weltkarte mit den unterschiedlichen Schutzmaßnahmen aller Länder online gestellt. Die gute Nachricht: Es könnte noch schlimmer sein. Viele Länder wie Russland oder die Ukraine haben gar keine Strategie. Die schlechte: Wien selbst befindet sich auf einem Pandemieplan-Niveau mit Ländern wie Rumänien oder Polen. Sogar Ägypten und Nigeria sind moderner!
  • Ist ein veralteter Plan wirklich so schlimm?
  • Kritik an dem Uraltplan kommt vor allem von den Freiheitlichen. Dr. med. Günter Koderhold kennt die Wiener Strategie: „Damals hatte Wien unter 1,7 Millionen Einwohner, das Einzugsgebiet wurde komplett vergessen.“ Heißt: Der Plan ist für 1,7 Millionen Menschen ausgerichtet, sollte heute aber für mindestens 2,5 Millionen Personen konzipiert sein. Weitere Schwachstellen: Die Übertragung von Tier zu Mensch wird gar nicht berücksichtigt, ebenso wenig die richtige Versorgung von Säuglingen (mit Beatmungsgeräten), die Auswirkungen auf die Infrastruktur kommen zu kurz u.v.m. Der Wiener Plan sollte eine Ergänzung des österreichischen Weges sein, ist aber auch heute noch viel dünner als die Vorlage. Mediziner betonen vor allem die aus ihrer Sicht perfekte Influenza-Pandemieplanung des Robert-Koch-Instituts. Dort wird auch auf die unterschiedlichen Schweregrade einer Pandemie eingegangen.
  • Wie reagiert Wien?
  • Im Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) ist man sich des Problems bewusst: „Viele Maßnahmen, die in dem Plan enthalten sind, haben aber natürlich noch ihre Wirksamkeit.“ An einer adaptierten Strategie wird gearbeitet. Sie soll bald veröffentlicht werden.

Michael Pommer, Kronen Zeitung

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