08.01.2020 14:33 |

Schwindel um Datei

Betrüger meinte, Ibiza-Video beschaffen zu können

„Es war nicht auszuhalten, ein Wahnsinn“, jammert der Angeklagte. Der Ansturm der Medien sei nicht auszuhalten gewesen. Dabei hatte der 33-jährige Oberösterreicher den Rummel selbst ausgelöst. Hatte in Mails angedeutet, dass er das legendäre Ibiza-Video beschaffen könnte. Jetzt stand der Mann schlicht als Betrüger vor Gericht.

Robert N. ist schon mehrmals wegen Betrugs vorbestraft. Zwei Jahre und neun Monate Haft hat er noch nicht verbüßt. Es geht bei ihm also um viel. Laut Anklage hat er vor allem mehreren Kunden einer Online-Plattform diverse Waren angeboten, Anzahlungen kassiert und nicht geliefert. „Was sagen Sie dazu?“, fragt der Richter. Es ergießt sich ein Wortschwall, aus dem hervorgeht: Es sei ja alles ein großes Missverständnis gewesen, der Verzug bei der Lieferung oft nur ein Versehen, jedenfalls kein Betrug.

Ganz anders liegt der Fall beim Ibiza-Video. Da trafen im Juni 2019 bei Medien und Politberatern Mails ein, in denen Robert N. als wichtiger Informant genannt wird. Es ist anzunehmen, dass der geschickte EDV-Techniker diese Mails selbst verfasst hat.

„Er hat erzählt, er sei in der Villa in Ibiza gewesen“
Er, so hieß es, wüsste, wie die Datei zu beschaffen sei. Und da viele daran interessiert waren, war der Andrang am Handy des Mannes natürlich groß. Auch Prof. Gert Schmidt wollte mehr wissen. Er ist Chef der EU-Infothek, einer Online-Plattform, die an vorderster Front über das Video und dessen Hintergründe berichtete. Schmidt als Zeuge: „Wir haben uns getroffen, er hat erzählt, er sei in der Villa in Ibiza gewesen und hätte dort technische Überprüfungen durchgeführt. Ein Anwalt hätte ihn beauftragt, die Sicherheit des WLAN-Netzes zu bewerten. Das hat er mir ungefragt erzählt.“

Mails selbst verfasst
Robert N. soll laut der Zeugenaussage auch von 1500 E-Mails mit politisch brisantem Inhalt erzählt haben. Als Absender scheint darin die ÖVP auf. Schmidt: „Zwei Mails hat er mir geschickt, die durchaus plausibel klangen. Bei einem war der angebliche Absender der ÖVP-Politiker Gernot Blümel.“ Aus heutiger Sicht scheint klar, dass Robert N. diese Mails selbst geschrieben hat.

Schmidt hatte aber weiter Interesse an den Diensten des EDV-Technikers und bot ihm sogar einen Posten für 3000 Euro im Monat. Das strafrechtliche Problem: Robert N. kassierte und arbeitete nur einen Tag. Der mediale Rummel hat sich längst gelegt, Robert N. sitzt jetzt in U-Haft.

Das Urteil steht noch aus.

Peter Grotter, Kronen Zeitung

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