02.01.2020 06:01 |

Start-up mit Schweinen

Dreikönigsaktion hilft in den Slums von Mukuru

Mehr als 500.000 Menschen leben auf engem Raum in den Slums von Mukuru. Die Kinder sind mit Prostitution, Drogen und Missbrauch konfrontiert. Mithilfe der Dreikönigsaktion arbeiten lokale Initiativen an Perspektiven

Berge von Plastikflaschen türmen sich direkt neben den Rinnsalen, die sich durch die schmalen Gassen des Mukuru-Slums in Kenia schlängeln. Während die Wanderschuhe über den vom Dauerregen evozierten Schlamm auf Batterien treten, trägt der sanfte Wind Plastiksackerln durch die Luft. Wer mit ebenjenen ins Land einreist, dem drohen bis zu vier Jahre Haft, doch dort, wo die Armut groß und die Hoffnung klein ist, steht Mülltrennung am unteren Ende der Prioritätenliste. Hier herrscht ein täglicher Kampf ums Überleben, auch wenn der Reichtum im Zentrum Nairobis nur wenige Autominuten entfernt ist.

„Ich gehe täglich morgens ab 5 Uhr auf den Müllplatz, um dort Lebensmittel für meine Kinder zu sammeln“, erzählt Catherine Njoki. Der Ehemann der sechsfachen Mutter verstarb vor Jahren, seitdem schlägt sie sich als Alleinerzieherin durch. In ihrer Hütte steht der Boden nach heftigen Regenfällen unter Wasser, knapp daneben hausen ihre zwei Schweine in einem brüchigen Verschlag. Sie sind ihr „Start- up“, mit dem sie über die Runden kommt. Die Schweine gebären junge Ferkel, die wiederum verkauft werden und somit den Lebensunterhalt der Familie sichern. Das Startkapital von 6000 kenianischen Shillingen bekam sie von der Organisation MSDP (Mukuru Slums Development Project).

Leben in den Slums ist ein Teufelskreis
Dort versucht man den Teufelskreis des Slumschicksals zu durchbrechen. Die unausweichliche Armut der Slumbewohner treibt diese in die Drogensucht, Kriminalität, Prostitution oder zu Schulabbrüchen. So auch Njokis ältesten Sohn, der aber durch MSDP neue Perspektiven bekam und nun auf dem Weg ist, die Schule abzuschließen. Gelungen ist ihm das über das sogenannte Halfway House. In diesem, von der Dreikönigsaktion unterstützten Rehab-Center, können 8- bis 15-jährige Buben tagsüber Halt finden und sich sportlich und tänzerisch betätigen. „Auf der Straße gibt es Missbrauch, Drogenprobleme und Gewalt“, erzählt der 14-jährige Gilbert, „hier habe ich einen Zusammenhalt, und mir wird bei der Ausbildung geholfen. Später möchte ich einmal Architekt werden.“ Sein Sozialarbeiter Bairam Odhiambo weiß aus eigener Erfahrung, dass die Hoffnungslosigkeit oft weit über das Meer der Wellblechhütten hinausragt. Er war einst selbst Slum-Kid und rettet heute mit viel Liebe, Geduld und Hingabe junge Existenzen. „Für viele hier bin ich wie ein großer Bruder, und es ist schön zu sehen, wenn man manchen Kids auf dem Weg in ein normales Leben eine Hilfe sein kann.“

„Will Ungerechtigkeiten bekämpfen“
„Patin“ fast all dieser Schicksale ist die Irin Mary Killeen. Die 75-jährige Ordensschwester von den Sisters Of Mercy lebt seit mehr als 40 Jahren in Kenia und hat ihr ganzes Leben der Rettung von Kindern verschrieben. „Es ist eine dankbare, aber auch schwierige Aufgabe. Schließlich stecken oft wirklich schlimme Schicksale dahinter.“ Viele ihrer ehemaligen Kinder, wie auch Odhiambo, haben dank ihrer Hilfe die Spur in ein normales Leben hingekriegt und unterstützen sie in diversen Partnerprojekten bei ihren Vorhaben. Nicht zuletzt durch Sister Marys Einsatz wurde vor knapp 20 Jahren die St. Catherine’s Primary School gebaut. Bewusst neben den Mukuru-Slums, um mittlerweile rund 1300 Kindern, die vom kenianischen Bildungssystem ausgeblendet wurden, eine Schulausbildung zu ermöglichen. „An die Kinder in den Slums denkt viel zu selten jemand, normale Schulen können sie sich nicht leisten. Die Schule dient ihnen hier aber als Sprungbrett.“ Etwa für die 13-jährige Caroline, die aus Geldmangel oft hungrig in die Schule kommt. Hier gibt es Porridge und für alle Mittagessen. Später will sie Anwältin werden, „weil ich die vielen Ungerechtigkeiten in Nairobi bekämpfen will“. Was sie alle gemein haben: Tapferkeit und Hoffnung.

„War mit fünf auf mich allein gestellt“
George Gichinga Mwangi, 33, Schüler in Mukuru. Im Alter von 33 Jahren versucht George Mwangi in Mukuru zum zweiten Mal in ein geregeltes Leben zurückzufinden.

„Krone“:George, wie war deine frühe Kindheit?
George Gichinga Mwangi: Ich lebte mit 14 anderen Familienmitgliedern auf ein paar Quadratmetern. Zu Hause gab es Streit und Gewalt, und ich musste mich schon mit 5 um mich selbst kümmern. Die Familie war völlig zerrüttet.

Du bist dann mit Freunden auf einen Markt geflüchtet.
Dort war ich etwa fünf Jahre, wir hatten immer Probleme mit der Polizei und wurden von ihr auch missbraucht. Dank Sister Mary Killeen kam ich in einen Slum nach Mukuru, hatte Kleidung und ging zur Schule.

Wie bist du dann wieder in eine Abwärtsspirale gekommen?
Ich kam nach der High School in eine Clique, nahm Drogen und begann einzubrechen und zu stehlen. Eines Tages waren wir zu siebent auf Einbruchstour, die sechs anderen wurden getötet. Das hat mich erweckt. Trotz allem gab mir Sister Mary vor zwei Jahren noch eine Chance. Ich bin gerade dabei, die Schule fertig zu machen, stehe den anderen Kids als „großer Bruder“ bei und will später als Sozialarbeiter tätig sein.

Daten und Fakten

  • Auch heuer marschieren wieder 85.000 Sternsinger in Österreich von Haus zu Haus, um Geld für die Ärmsten der Armen zu sammeln.
  • Organisiert wird all das von der Dreikönigsaktion (DKA), dem Hilfswerk der Katholischen Jungschar.
  • Mit den Mitteln werden rund 500 Hilfsprojekte in Lateinamerika, Afrika und Asien tatkräftig unterstützt. Nach Kenia, dem diesjährigen Schwerpunktland, fließt pro Jahr rund eine halbe Million Euro.

Spenden
BAWAG P.S.K.
Dreikönigsaktion
IBAN: AT23 6000 0000 9300 0330

Robert Fröwein, Kronen Zeitung

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