20.11.2019 06:00 |

Pflegenotstand in Wien

Liebe Politiker, lest alle diese Briefe!

Die „Krone“ hat Leser gebeten, uns ihre Erfahrungen mit dem Pflegenotstand in Wien zu berichten. Statt über diese Aktion der „Krone“ öffentlich zu schimpfen, sollten sich die Verantwortlichen die Zeit für unsere Leser nehmen.

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„Ich will anonym bleiben, weil ...“

Eine Leserin

Nicht nur, dass das Pflegepersonal aufgrund der Einsparungen maßlos überfordert ist, bekommen es die Patienten auch zu spüren. Das kann man sich nicht vorstellen, was diese erdulden müssen. Einige Beispiele: ein Pflegeheim in Meidling. Sehr selten, dass mehr als drei Personen den Dienst versehen. Davon geht eine um 13 Uhr nach Hause. Bleiben zwei Personen für eine ganze Pflegestation. Folge: Patienten, die in einem Rollstuhl sitzen, wird der Rollstuhl im Schnitt ab 14.30 Uhr ins Bad abgestellt, damit sie sich nicht mehr in den Räumen bewegen können. Dies geschah und geschieht vorwiegend bei meinem Vater, der seit 2014 aufgrund einer Beinamputation in diesem Pflegeheim ist.

Unlängst habe ich meinen Vater im Bett im Kot liegend vorgefunden. Das ist wirklich keine Unterstellung oder Übertreibung. Er rollt zwar selbstständig in die Toilette, hat es aber anscheinend nicht geschafft, die Windel ganz hinunterzuziehen. Somit ist der Stoff mit der Windel ins Bett gewandert. Andere Patienten, die sich nicht selbst anziehen und pflegen können, werden oft erst knapp vor dem Mittagessen aus ihren Zimmern herausgeführt. Ich will anonym bleiben, weil ich befürchten muss, dass sie meinen Vater kündigen, und zum anderen, weil ich dem Personal, mit dem ich ganz gut „auskomme“, nicht schaden möchte.

Eine Leserin

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„DAS ist das Problem.“

Eine Pflegerin

Ich möchte bitte unbedingt anonym bleiben, wenn Sie meinen Beitrag zur Veröffentlichung verwenden. Meine frühzeitige Pensionierung führe ich genau darauf zurück: zu viel und zu schwere Arbeit! Ich war 15 Jahre in der Pflege tätig als Heimhilfe, Pflegehelferin, Fachsozialbetreuerin. In der Hauskrankenpflege, im Krankenhaus und im Altenpflegeheim ist es überall dasselbe: Es gibt viel zu wenig Personal!

Ja, mag schon sein, dass der gesetzliche Pfleger- und Betreuerschlüssel relativ eingehalten wird, jedoch ist der zu niedrig angesetzt und genau DAS ist das Riesenproblem in der Pflege. Deswegen die hohe Fluktuation, die vielen Krankenstände, die oftmaligen Burn-out-Fälle bis hin zu frühzeitigen Pensionierungsmaßnahmen! Und ich muss jetzt mit einer sehr geringen monatlichen Rente auskommen. Früher war ich stolz auf meinen Beruf, habe einige junge Frauen zur Ausbildung und zur Ausübung dieses wunderbaren Berufes geraten. Einige taten dies dann auch. Jetzt bereue ich es, da durch diesen zu geringen gesetzlichen Pflegeschlüssel die Belastung viel zu hoch ist. So schade ... Da muss der Gesetzgeber einschreiten und den gesetzlich vorgeschriebenen Schlüssel erhöhen!

Eine enttäuschte ehemalige Pflegerin

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„Sie sollen sich nämlich dafür schämen!"

Leser Oskar G.

Liebe „Krone“, das ist wirklich eine furchtbare und eine erschreckende Situation, die die Zeitung aufgrund konkreter Berichte der Öffentlichkeit mitteilt. Dafür sind die österreichischen Politiker zur Verantwortung zu ziehen! Sie sollen sich nämlich dafür schämen, dass sie nur auf sich selber schauen. Wie etwa bei der Erhöhung ihrer Bezüge oder bei sündteuren Luxus-Limousinen. Oder wie zuletzt beim Fall des Herrn Vizekanzlers der türkis-blauen Regierung! Mögen Sie weiterhin solche Tatsachen der Öffentlichkeit zur Kenntnis bringen!

Leser Oskar G.

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„Es herrscht das Prinzip ,Warm - satt - sauber'.“

Eine Leserin

Im Jahr 2014 habe ich mich entschieden, auf dem zweiten Bildungsweg eine Ausbildung zur Diplom-Sozialbetreuerin für den Schwerpunkt Altenarbeit zu absolvieren. Ein gesetzlich definiertes Berufsbild, das die sozialbetreuerischen Aspekte und die Pflege abdeckt. Ich habe in diversen Praktika sowohl in der Pflege als auch in der Sozialbetreuung und in meiner Zeit in einem Pensionistenwohnhaus vieles gesehen und erlebt. In erster Linie extremen Mangel an (Fach-)Personal. Das Gegenteil wäre in der Begleitung und Betreuung von Menschen mit Demenz enorm wichtig. Dazu kam die Überforderung der bestehenden Teams.

Es gilt, Gruppen von bis zu 16 Personen in unterschiedlichen Phasen der Demenz zu betreuen. Häufig ist man allein, maximal zu zweit mit einer Heimhilfe. Noch häufiger sind es aber zwei Heimhilfen oder überhaupt nur eine allein. Heimhilfen können eine sehr gute Unterstützung sein, sind aber keine Fachkraft. Was bleibt? Verwirrte alte Menschen, die z.B. ganz dringend nach Hause gehen möchten, weil sie einen Ort suchen, an dem sie sich sicher und geborgen fühlen. Eben ein Zuhause. Es herrscht das Prinzip „Warm - satt - sauber“. Das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe ist weniger als Schall und Rauch. Nach gut einem Jahr habe ich aufgegeben.

Leserin, die anonym bleiben will

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