19.10.2019 06:00 |

Peter Hacker im Talk

Gesundheitsstadtrat: „Gibt keine Gangbetten mehr!“

Nach dem Wut-Mail von Prof. Peter Husslein über den Pflegenotstand im AKH hat auch er etwas dazu zu sagen: Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) über desolate Kliniken, Wartelisten und Rendi-Wagner.

„Krone“: Eltern, die vom AKH weggeschickt werden müssen, weinende Mütter, verzweifelte Patientinnen mit Risikoschwangerschaften, massiver Pflegenotstand, und Sie, Herr Stadtrat Hacker, sagen zu alledem „Mikroproblem“. Das muss diese Menschlichkeit sein, die der Sozialdemokratie so wichtig ist.
Peter Hacker: Nein, ich habe nicht von einem Mikroproblem gesprochen. Dort sind ein paar Krankenpfleger weggegangen, und ich habe gesagt, würde ich dort eingreifen, wäre es Mikromanagement. Ich betreibe als Stadtrat aber nicht Mikromanagement bei einem Betrieb, der 30.000 Beschäftigte hat. Für die Abteilung dort ist es natürlich ein Riesenproblem.

Welche Lösungen gibt es für die Neonatologie des Wiener AKH konkret?
Dort ist natürlich nicht nur Medizin auf höchstem Niveau gefragt, sondern auch das gruppendynamische Mitnehmen des gesamten Teams. Und das ist eine Herausforderung, die ich nicht vom Stadtratssessel aus lösen kann. Wir suchen in der Zwischenzeit mit Headhuntern im gesamten deutschsprachigen Raum nach Personal. Die Abteilung selbst muss aber auch einen Teil dazu beitragen. Und deswegen habe ich mich gegen Wut-Mails, wie das von Prof. Husslein, ausgesprochen. Ich schreibe auch manchmal Wut-Mails, aber ich lösche sie nachher wieder. Wut-Mails sind kein besonders erfolgreiches Führungsinstrument.

Laut Ärztekammer fehlen wienweit zudem 600 Mediziner, 300 davon alleine in den Spitälern. Was tun?
Es gibt einen Beschluss der Landeskonferenz, und wir verlangen gemeinsam, dass die Studienplätze in Österreich in der Medizin-Universität erheblich ausgebaut werden. Ich selber habe eine Erhebung in Auftrag gegeben für die Pflegekräfte.Also mir zu unterstellen, ich wäre jemand, der sagt, dass alles gut ist, ist lächerlich.

Das habe ich doch gar nicht getan.
Sie nicht. Herr Wolfgang Weismüller von der Ärztekammer versucht ständig einen Reibebaum in mir zu finden, aber ich biete ihm den nicht. Er ist gerne Politiker, aber in Wirklichkeit ist er auch Betriebsrat eines Unternehmens, das er die ganze Zeit schlechtredet.

Ich habe ein paar Fotos mitgebracht. Was aussieht wie Ruinen aus der Sperrzone von Tschernobyl, sind in Wirklichkeit Wiener Kliniken, nämlich Wilhelminenspital und Krankenhaus Hietzing. Laut eines Konzepts, beauftragt vom Krankenanstaltenverbund (KAV), müssen in den nächsten Jahren 2,7 Milliarden Euro in desolate Einrichtungen gesteckt werden. Sie haben mit zwei Milliarden gerechnet. Woher soll das Geld kommen?
Die Frage stellt sich im Augenblick überhaupt nicht. Man kann viele solcher Fotos schießen. Sie zeigen ja teilweise stillgelegte Bereiche. Ich habe ja auch nie behauptet, dass alles hübsch ist. Deswegen gibt es den Auftrag von mir an den KAV, ein Renovierungs- und Erneuerungskonzept zu erstellen. Und daran arbeitet er gerade. Irgendjemand hat es lustig gefunden, dieses Konzept jetzt an die Öffentlichkeit zu spielen. Mich interessiert das Konzept aber erst dann, wenn der Vorstand bei mir sitzt und sagt: Lieber Stadtrat, das sind die Inhalte, die Schwerpunkte, die Konsequenzen, die Maßnahmen, der Zeitplan, das Budget.

An dem aktuellen Engpass wird sich wenig ändern. In den Gemeindespitälern soll es bis 2030 nur 5100 Betten geben, das sind gerade einmal lächerliche 67 mehr als 2018.
Die Spitalsplanung macht nicht der Krankenanstaltenverbund, sondern ein Institut im Auftrag der österreichischen Gesundheitspolitik. Das ist keine einsame Entscheidung des Stadtrates.

Unabhängig davon, wer das entscheidet, Wien hat bald zwei Millionen Einwohner. Die Rechnung kann doch nicht aufgehen.
Wieso nicht? Die Medizin entwickelt sich ständig weiter. Wir brauchen heute zum Beispiel im Augenbereich überhaupt keine Betten mehr. Wir wissen, dass wir in der Onkologie fantastische Fortschritte machen und weniger stationäre Aufenthalte brauchen.

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Im niedergelassenen Bereich haben wir Entwicklungen, die noch nicht die volle Schlagkraft erzielt haben.

Peter Hacker über Ärztezentren

Und trotzdem haben wir das Problem der Gangbetten.
Wir haben überhaupt keine Gangbetten.

Wie bitte?
Das Gangbettenthema haben wir völlig in den Griff bekommen.

Auch im kommenden Winter wird es keine Gangbetten geben?
Definitiv nicht.

Sie versprechen das hier und jetzt?
Definitiv. Es ist ein ganz klares Versprechen des gesamten Managements im KAV. Natürlich wird es weiter Betten geben, die am Gang stehen, wenn zum Beispiel plötzlich mehrere Notfallpatienten hereinkommen. Aber ein normaler Behandlungsfall, der am Gang übernachten muss, weil wir kein Zimmer frei haben, das wird es nicht geben.

Im Wahlkampf hat Parteichefin Pamela Rendi-Wagner etwas Interessantes in ihr Programm aufgenommen. Sie hat gesagt: „Bei Spitalseingriffen, so es sich nicht um Akutfälle handelt, dürfe die Wartezeit nicht länger als drei Monate dauern. Das sieht die SPÖ-Termingarantie bei Arztbesuchen vor.“ Was hindert Sie daran, diese Garantie für Wien umzusetzen?
Wir sind uns ziemlich sicher, dass wir das fast überall erfüllen.

Wann?
Wir tun es schon.

Ich habe hier eine Liste der aktuellen Wartezeiten und …
Ich weiß. Die wird jetzt auch offline gehen, weil wir draufgekommen sind, dass da dramatische Fehler drinnen sind. Wenn ein Patient sagt, er hätte gerne eine Operation im Juli, und dann beschließt, er will doch lieber erst im Oktober operiert werden, dann steht er drei Monate lang auf dieser Liste. Hat natürlich nichts mit Warteliste zu tun.

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Die flotten Jungs waren in der Geschichte meist die Totengräber der Demokratie.

Peter Hacker über einen gewissen Politiker-Typus

Apropos Pamela Rendi-Wagner. Ist Sie die Richtige für die Spitze der SPÖ?
Zweifelsohne.

Sie konnte in einem Interview nicht einmal beantworten, was das Alleinstellungsmerkmal der SPÖ ist. Eine Partei, die nicht weiß, wofür sie steht, wird vielleicht auch nicht mehr gebraucht, oder?
Ich weiß genau, wofür die Sozialdemokratie steht. Ganz klar für soziale Gerechtigkeit, den sozialen Ausgleich, den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Und das sind alles keine Schlagworte, sondern wesentliche Aufgaben in einer Stadt.

Bei der Nationalratswahl hat das einst stolze rote Wien sieben Prozent auf 27 Prozent verloren. Ein schlechtes Omen für die Wien-Wahl im kommenden Jahr?
Das ist ein schlechtes Ergebnis einer Nationalratswahl. Die Geschichtenerzählung für Wien ist eine andere und das Feedback der Wiener Bevölkerung über die Arbeit der Stadtregierung ein anderes. Wir reißen uns jeden Tag den Arsch auf dafür und zwar im positiven Sinne gerne.

Dürfen SPÖ-Funktionäre Porsche fahren?
Mich persönlich interessiert das Fahrzeug überhaupt nicht. Aber ich habe auch nichts dagegen. Mir ist es wurscht, ehrlich gesagt.

Was ist Ihr größter Luxus?
Mit meiner Frau auf Urlaub zu fahren.

Michael Pommer, Kronen Zeitung

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