27.05.2010 15:55 |

Western-Epos

Glühende Colts und Controller in "Red Dead Redemption"

Eigentlich müsste ich auf Rockstar Games sauer sein. Denn seit "Red Dead Redemption" in meiner PS3 rotiert, ist mir die Lust auf weitere Abenteuer mit Commander Shepard in "Mass Effect 2" erst einmal vergangen. Das Leben als echter Cowboy ist eben doch reizvoller als das eines Space-Rangers. Stellt sich nur die Frage, was mich jetzt von meiner virtuellen Wild-West-Sucht befreit? So schnell wohl nichts.

Worum geht's? Im Grunde genommen ist "Red Dead Redemption" ein "Grand Theft Auto" im Wilden Westen. Statt dicker SUVs gibt es Pferde, statt UZIs die gute alte Winchester und statt Wolkenkratzern Holzbarracken, Saloons, Drugstores und Geisterstädte. Das alles inmitten der Prärie, völlig ohne Straßen und öffentliche Verkehrsmittel also, dafür mit Postkutschen, Kojoten, Duellen, plündernden Banditenbanden und allem, was man sich eben sonst noch so vom Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts erwartet.

Der Protagonist heißt demnach auch nicht Niko Bellic, sondern John Marston, seines Zeichens ehemaliger Outlaw, nun gezwungenermaßen im Auftrag des Gesetzes unterwegs, um seinen einstigen Weggefährten Bill Williamson zur Strecke zu bringen. Um das zu bewerkstelligen, ist Marston – nach einem ordentlichen Rückschlag gleich zu Beginn des Spiels – jedoch auf Unterstützung angewiesen, die er in Gestalt solch illustrer Charaktere wie dem Leichenfledderer Seth, dem Quacksalber Nigel oder einem waffenschiebenden Trunkenbold, wegen seiner Herkunft schlicht Irish genannt, findet.

Eine Hand wäscht die andere
Aber wie heißt es doch so schön: Eine Hand wäscht die andere. Und deshalb muss John erst einmal Frondienste aller Art leisten, um den gewünschten Beistand zu erhalten. Die Palette der gestellten Aufgaben könnte unterschiedlicher nicht sein und reicht vom Zureiten wilder Mustangs, dem Zusammentreiben einer Kuhherde oder dem Retten von Pferden aus einer brennenden Scheune über diverse Pferde- oder Kutschenrennen bis hin zur Jagd von Verbrechern. Ob diese nun lieber tot oder lebendig dem Sheriff übergegen werden, liegt im eigenen Ermessen.

Doch Rockstar wäre nicht Rockstar, wenn es neben diesen ohnehin schon zahlreich vorhandenen und abwechslungsreichen Hauptquests nicht auch noch eine Fülle an Nebenmissionen sowie diverse Freizeitbeschäftigungen aufbieten würde. Unter letztere fallen beispielsweise Glücksspiele wie Poker, Blackjack oder Hufeisenwerfen. Wer seine Dollars lieber auf ehrliche Art verdienen möchte, kann jedoch auch auf Schatzsuche gehen oder der Jagd frönen, und vom Gürteltier bis zum Geier alles, was kreucht und fleucht, ins Visier nehmen.

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde
Einmal erlegt und gerupft oder gehäutet, lassen sich die tierischen Bestandteile beim nächsten Besuch in der Stadt in bares Geld verwandeln, das wiederum in neue Waffen, Munition, Medizin, Kleidung oder etwa Pferdepillen investiert werden kann. Diese steigern für kurze Zeit die Ausdauer des reitbaren Untersatzes, dem neben der Postkutsche bevorzugten Fortbewegungsmittel in "Red Dead Redemption". Die Handhabung eines Pferdes will allerdings gelernt sein, insbesondere wenn es hoch zu Ross nicht nur die Sporen zu geben gilt, sondern zugleich auch die Zügel kontrolliert und mittels Lasso oder Schießprügel Gegner außer Gefecht gesetzt werden müssen.

Mit treffsicherem Blick
In solchen Fällen motorischer Überforderungen hilft die sogenannte "Dead Eye"-Funktion aus. In Zeitlupe erlaubt dieser Modus das relativ gemächliche Markieren mehrerer Ziele, die dann - locker-lässig aus der Hüfte – ausgeschaltet werden können. Gelingt dies nicht und John segnet das Zeitliche, was trotz guten Deckungssystems häufiger vorkommt, wird das Spiel nach "GTA"-Manier in einem der über die gesamte Spielwelt verteilten "Safehouses" wieder aufgenommen, wobei manche dieser Unterschlüpfe zuvor erst gekauft werden müssen. Neu für "GTA"-Fans ist, dass das Spiel nun auch abseits der Safehouses gespeichert werden kann. Dafür benötigt John lediglich einen günstig (sprich: fern von Banditen und Straßen) gelegenen Zeltplatz, auf dem er sein Lager aufschlagen kann.

Atemberaubende Landschaften
Diese ruhigen Momente vor dem prasselnden Feuer eignen sich dann auch hervorragend, um den Blick in die Ferne schweifen zu lassen und zu genießen, was Rockstar mit "Red Dead Redemption" da auf den Bildschirm zaubert. Von den Sumpflandschaften im Nordwesten über die staubigen Wüsten im Osten bis runter in den Mexiko sehr ähnlichen Süden: Der Wilde Westen der "GTA-Macher" präsentiert sich nicht nur erwartungsgemäß abwechslungsreich, sondern sprüht trotz spärlicher Besiedelung auch vor Leben. Denn damit dem Spieler unterwegs von A nach B nicht fad wird, wurde nicht nur eigens ein kleines Ökosystem geschaffen, auch Zufallsereignisse links und rechts des Weges sorgen für Zeitvertreib.

Harte Kerle mit derbem Humor
Natürlich nicht unerwähnt bleiben darf die Leistung der zahlreichen Sprecher, die ihren Charakteren zu mehr Authentizität verhelfen und diesen so Leben einhauchen. Die gewohnt typische Portion Humor kommt dabei nicht zu kurz, trotz oder gerade weil Rockstar abermals auf eine deutsche Synchronisierung verzichtet hat und stattdessen auf Untertitel setzt. Die minimalistische Musikuntermalung, zumeist bestehend aus einsam klingenden Mundharmonika- und Banjo-Klängen, schafft zusätzliches Western-Feeling.

Apropos einsam: Freilich hat auch ein Multiplayer-Part den Weg ins Spiel gefunden, in dem bis zu 16 Spieler, auf Wunsch in Grüppchen zu jeweils acht, zeitgleich die freie Spielwelt erkunden oder in diversen Deathmatch- und Capture-the-Flag-Varianten Erfahrungspunkte sammeln können, mit denen sich dann neue Outfits, Charaktere oder Reittiere freischalten lassen.

Fazit: Rockstar beweist erneut, warum es im Bereich der Openworld-Games führend ist. Darüber hinaus zeigt der Publisher eindrucksvoll, dass das von "GTA" gewohnte Gameplay auch im Wilden Westen funktioniert, ja dadurch - dank des unverbrauchten Szenarios - sogar an Reiz gewinnt. Stimmungsvoll, humorig, abwechslungsreich, spannend und für viele Tage Unterhaltung bietend, ist "Red Dead Redemption" somit schon jetzt ein ganz heißer Anwärter auf den Titel "Spiel des Jahres". Kurzum: Pferde satteln und zum nächsten Spielehändler des Vertrauens galoppieren.

Plattform: PS3 (getestet), Xbox 360
Publisher: Rockstar Games
krone.at-Wertung: 10/10

von Sebastian Räuchle

Kommentare
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Sonntag, 19. September 2021
Wetter Symbol