23.09.2019 19:26 |

Tests in der Schweiz

3000 Patienten erhielten nicht zugelassene Mittel

Mehr als drei Jahrzehnte lang haben Pharmafirmen aus Basel nicht zugelassene Medikamente an Patienten der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen in der Schweiz getestet. Wenn überhaupt, wurden die Menschen nur sehr dürftig über die Mittel aufgeklärt. Ein Forschungsbericht gibt nun Einblick in dieses dunkle Kapitel der Einrichtung.

Der ehemalige Arzt und Klinikdirektor Roland Kuhn spielte eine maßgebliche Rolle bei den Tests. Er war unter anderem an der Entwicklung des ersten Antidepressivums Tofranil beteiligt. Seine Tests führte der Arzt zum Teil an einigen wenigen Personen durch, daneben gab es auch groß angelegte Versuchsreihen mit mehr als 1000 Patienten. Kuhn selbst erwähnte in seinen Unterlagen etwa 3000 Fälle.

Beweise für 67 getestete Substanzen gefunden
Das Forschungsteam fand Beweise für 67 Substanzen, die in Münsterlingen getestet wurden. Für weitere 50 Stoffe sind Anfragen oder Lieferungen belegt. Gefunden wurden auch zwei Blechschachteln mit 25.000 Dragees mit der Bezeichnung „G 35259, Ketimipramin“. Dabei handelt es sich um ein Antidepressivum, das laut dem Forschungsteam, das die historische Untersuchung in Form eines 300-seitigen Buches präsentiert hat, nie auf den Markt kam.

Nur selten seien Patienten genau über die Substanzen aufgeklärt worden und hätten freiwillig an klinischen Versuchen teilgenommen, sagte Forschungsleiterin Marietta Meier. Eine konsequente Kontrolle habe es nicht gegeben, „es gab auch Zwischen- und Todesfälle“. Die jeweiligen Todesursachen seien aber unklar. Neben der Klinik Münsterlingen und den Pharmafirmen war ein breites Netz von Institutionen und Personen in die Versuche einbezogen: stationäre und ambulante Patienten, deren soziales Umfeld, privat praktizierende Ärzte, andere Kliniken und Behörden. Kuhn soll für die Versuche 3,5 Millionen Franken (rund 3,2 Millionen Euro) erhalten haben.

Unter Testpersonen waren auch Kinder
Als besonders irritierend bezeichnete Regierungspräsident Jakob Stark „das schiere Ausmaß der Tests“ sowie die Tatsache, dass Testpräparate an Patienten abgegeben wurden, die keine Testpersonen waren. „Sehr betroffen macht, dass auch besonders gefährdete Patientengruppen wie Kinder, Jugendliche, Schwerst- und chronisch Kranke in die Tests miteinbezogen wurden“, erklärte Stark.

Die Thurgauer Regierung bat in einer Erklärung „alle Betroffenen von Medikamententests in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen zwischen 1940 und 1980“ um Entschuldigung. Den Betroffenen werde ein „Zeichen der Erinnerung“ auf dem ehemaligen Spitalsfriedhof von Münsterlingen gewidmet, hieß es. Nicht bestätigt habe sich die anfängliche Mutmaßung, auch Kinder und Jugendliche aus Kinderheimen seien planmäßig und in großer Zahl in Münsterlingen für Medikamententests missbraucht worden, sagte Regierungsrat Walter Schönholzer.

Kronen Zeitung/krone.at

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