22.09.2019 10:18 |

Bedrückender Hype

Tschernobyl: „Krone“-Reporterin in der Todeszone

Touristen strahlen auf ihren Fotos bei der Tour durch Tschernobyl um die Wette. Eine „Krone“-Reporterin erkundete ebenfalls die Geisterstadt, um die, nicht zuletzt durch eine US-Serie - der Hype derzeit nicht abreißt ...

Am 26. April 1986 in der Nacht explodiert Reaktor 4 des Atomkraftwerks in Tschernobyl, radioaktive Teilchen verbreiten sich in enormer Geschwindigkeit in der Luft. Am nächsten Tag scheint die Sonne weiter, als wäre nichts passiert. Augen, Ohren, Hände helfen nichts. Radioaktivität ist unsichtbar, körperlos, ohne Geschmack und doch tödlich.

Heute ist Tschernobyl trauriger Kult. Eine Touristenattraktion. Seit Ende Mai eine US-Serie zum Unglück erschienen ist, ist ein Hype ausgebrochen. Etwa tausend Touristen strömen täglich ins Sperrgebiet, nutzen die düstere Umgebung für Selfies, haben Spaß.

Ein Tag im Sperrgebiet
Treffpunkt Kiew. „Geigerzähler?“ Beim Einsteigen in den Bus werden Strahlenmessgeräte verteilt. Dann geht’s los Richtung Prypjat. Nach zweieinhalbstündiger Fahrt die erste Kontrolle. Gelangweilte Beamte wollen Ausweise sehen, winken durch, hinein in die Sperrzone. Der Tourguide ermahnt ein letztes Mal: Lange Kleidung ist Pflicht, trinken und essen verboten, unbedingt auf den markierten Wegen bleiben. Das etwas mulmige Gefühl wächst.

Beim Eingang zur Hauptstadt Prypjat steigen wir das erste Mal aus dem Bus. Und schon meldet sich der Geigerzähler, ein lautes, unangenehmes Piepsen. „Bitte bleibt auf der Straße, die Wiese ist stark verstrahlt“, sagt der Guide. Und schon beginnt sie, die Jagd nach den besten Selfies. Unsere Mitreisenden vergessen langsam, welche Tragödie sich hier abgespielt hat.

Durch Wälder geht es zu eingefallenen Gebäuden, eine Schulklasse. Hefte liegen noch auf den Tischen. In den Wohnungen sind Schuhe und Puppen verstreut - die Flucht musste schnell gehen. Bedrückend: der Jahrmarkt. Autodrom und Riesenrad, verlassen. Nach gemeinsamem Essen und einem Stopp beim Souvenir-Stand knipsen die Touristen ein letztes Selfie. Ein beklemmender Tag.

Daten und Fakten
Ursprünglich sollte in der Kraftwerksanlage ein Sicherheitstest durchgeführt werden. Die Reaktoren wurden nach und nach heruntergefahren. Von Anfang an gab es Probleme, doch der stellvertretende Chefingenieur treibt den Test voran. Es wurde plötzlich so heiß, dass fast das komplette Kraftwerksgebäude explodierte und Feuer ausbrach.

Dadurch gelangten große Teile der extrem gefährlichen Materialien im Innern des Reaktors in die Umwelt und in die Atmosphäre. Feuerwehrleute, Soldaten und viele andere versuchten das Feuer über Tage hinweg zu löschen. Fast alle starben wenig später an den Folgen der Radioaktivität. Zehntausende mussten umziehen, die Stadt verlassen.

Lisa Stockhammer, Kronen Zeitung

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