12.09.2019 17:08 |

Inside Silicon Valley

Facebook: Geliebt und gehasst!

Macht ohne Kontrolle, Profit ohne Grenzen, nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Ist der IT-Konzern demokratiegefährdend?

Ich tu es, du tust es, wir tun es (fast) alle. Die Welt ist auf Facebook – inklusive der Übeltäter der Welt. Die Macht von Facebook ist schlicht einzigartig: Es gibt „Facebook-Revolutionen“, die Regime stürzen, oder Kampagnen auf Facebook, die Politikern, Demagogen wie Trump, zum Wahlsieg verhelfen. Auf Facebook werden Echokammern kultiviert und Verschwörungstheorien in die Welt gesetzt.

Die Macht von Facebook überfordert Gesellschaft und Politik. Ist Mark Zuckerbergs Imperium gar demokratiegefährdend? Die Zahlen um Facebook sind schier unvorstellbar: 2,4 Milliarden Nutzer weltweit (2004 war es noch 1 „winzige“ Million) bei 7,7 Milliarden Erdenbewohnern. Was zu Beginn der 2000er-Jahre von Mark Zuckerberg als digitales Bilderbuch für Kontakte unter Studenten erfunden worden war, ist in historisch kurzer Zeit zu einem der größten Geschäftsmodelle der Welt aufgestiegen. Der Profit 2018: 55,8 Milliarden Dollar. Marktwert 2019: 500 Milliarden Dollar. (Erst 2009 hatte Facebook den ersten Profil eingefahren).

Neues Hauptquartier der Superlative
Dementsprechend stattlich ist auf 40.000 Quadratmetern das neue Facebook-Hauptquartier in Menlo Park südlich von San Francisco, selbstverständlich bio und klimaneutral mit üppiger Parklandschaft auf dem Dach. Zuckerberg wählte den Stararchitekten Frank Gehry, der für extravagante Bauwerke bekannt ist. Gehry setzte – betont flach und fast versteck hinter 400 angepflanzten Bäumen – Mark Zuckerbergs Vision einer milieugerechten „Arbeitswelt 4.0“ um. Sie soll jene Werte symbolisieren, für die das Unternehmen stehen will.

Das ist die eine Seite von Facebook. Die andere Seite ist das Sündenregister unumschränkter Marktmacht: Datenklau, Datenverkauf an die Werbewirtschaft und an die Politik zur Profitmaximierung, kreative Steuersparmodelle, offene Herausforderung der „realen“ Welt mit der Ankündigung einer eigenen digitalen Krypto-Währung namens „Libra“.

Das sind schon Anzeichen von „Hybris“ (altgriechisch für Anmaßung, Verblendung). Es ist schon grotesk, wie öffentlichkeitsscheu, ja verschlossen diese Internet-Giganten sind, wo doch ihr Geschäftsmodell die maximale Kommunikation zwischen Menschen ist. Die Eigen-Kommunikation, das Verheimlichen etwa vor den Finanzämtern und Parlamentsausschüssen, wurzelt in der besessenen Hütung von Betriebsgeheimnissen.

Da muss schon ein Ex-Kanzler wie Sebastian Kurz kommen, damit sich diese Türen öffnen. Die Internet-Giganten sind im Umgang mit der Politik – aus gutem Grund – nun doch hellhörig geworden. Ihre Sorge gilt nur indirekt der Digitalsteuer. Die ist für sie ein Klacks und steht in keinem Vergleich etwa zu der 5-Milliarden-Dollar-Strafe, die Facebook in den USA wegen Verletzung des Schutzes von Privatdaten zahlen muss. Im Mittelpunkt der Sorge der IT-Giganten steht vielmehr, dass ihr Geschäftsmodell von der Politik eingeschränkt wird und dass die Digitalsteuer nur der Anfang davon ist.

Denn Facebook bleibt ein Nimmersatt. Immer deutlicher stellt sich in der Politik die Frage, ob die Internet-Giganten zerschlagen werden müssen wie einst Rockefellers Standard Oil. Monopole sind mit einer gesunden Marktwirtschaft unvereinbar. Ihre erdrückende Marktmacht birgt nicht nur die Gefahr politischer Willkür, sondern behindert zusehends weitere Innovation.

Facebook kauft wie ein Staubsauger Start-ups auf
So hat Mark Zuckerberg schon Instagram oder WhatsApp seinem Imperium einverleibt. Das erinnert an die alte Bauernweisheit: Im Schatten großer Bäume können sich keine anderen Bäume entwickeln. Facebook besinnt sich langsam seiner Verantwortung. Jüngst sperrte der Konzern 200.000 Fake-Konten des chinesischen Polizeistaates, die nur der Propaganda gegen die Demokratiebewegung in Hongkong dienten. Und nach den Skandalen um den Verkauf von Daten von 87 Millionen Usern an politische Parteien für Wahlkampfzwecke in den USA und Großbritannien plant Facebook einen Vorstoß für die Aufstellung globaler Standards für den Schutz privater Daten.

Facebook hat sich in seiner kurzen Geschichte von einem Tratsch-Portal zum politischen Schwergewicht aufgeschwungen: Ist den angeblich so mächtigen Politikern eigentlich bewusst, dass es sich um ein privates Netzwerk handelt, von dem sie auch jederzeit „abgedreht“ werden können? Wenn dieses Sprachrohr fehlte, stünden sie nackt da wie der Kaiser ohne Kleider.

Kurt Seinitz, Kronen Zeitung

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