06.09.2019 07:00 |

Neues Album „404“

Barns Courtney: Ein Rockstarleben als Peter Pan

Den Mund von Mick Jagger, die Haare von Keith Richards, die Attitüde eines coolen Rockstars - der junge Brite Courtney Barns ist nicht nur aufgrund seiner Optik, sondern auch durch sein musikalisches Talent ein Superstar der Zukunft. Anlässlich seines zweiten Albums „404“ gab er uns im Interview einen Einblick in sein alles andere als geradliniges Leben.

Etwas verkatert erscheint Barns Courtney samstagnachmittags im schmucklosen Interviewkämmerchen ohne Möbel und Interior, während es von der Hauptbühne des Frequency Festivals ohne Unterlass Technobeats hämmert. Bevor er sich mit der „Krone“ auf ein Gespräch einlässt, nimmt er (kurz) die Sonnenbrille ab, um auf seinem Handy ein kurzes Video zu zeigen. Dave Grohl, bei einer Party in London vor etwa 100 Fans, insgesamt mehr als zwei Stunden musizierend. „Sieh dir den Typen an“, kommentiert er seine Aufnahme mit leuchtenden Augen, „Grohl ist ein wunderbarer, generöser und unglaublich netter Mensch und nebenbei noch ein waschechter Rockstar. Das respektiere ich in höchstem Maße, denn man sollte niemals zu cool sein, um anderen Menschen zuvorkommend und freundlich zu begegnen.“

Bewegte Jugend
Die einen könnten sich darüber mokieren, dass sich Courtney damit perfekt in die Riege der ungefährlichen Pseudo-Rocker der Gegenwart reiht, andere wiederum erkennen im lederjackentragenden Wuschelkopf durchaus das Feuer des anarchischen Rock’n’Roll, nur eben versetzt mit guten Manieren und einer würdevollen Erziehung. Dabei war das Leben nicht immer gut zu ihm, der im britischen Ipswich geboren wurde, im zarten Alter von 4 mit den Eltern nach Seattle zog und als 15-Jähriger wieder nach England zurückkam. So ist es auch zu erklären, dass sich in seiner Auffassung von Rock auch „best of both worlds“ befindet. Nicht nur die Generation Spotify-Playlist weiß schließlich: wer die Rolling Stones verehrt, der kann auch Aerosmith zitieren. In der britischen Indie-Szene bekam Courtney mit seiner Band Dive Bella Dive direkt nach der High School einen Majorlabelvertrag. Drei Jahre später wurde jener, ohne Album-Release, aufgelöst und Courtney stand vor den Trümmern seiner jugendlichen Existenz.

„Ich war völlig am Boden und total depressiv. Ich hatte keine Ahnung, wie ich aus dieser Spirale wieder rauskommen sollte. Ich hatte kein Geld und keine Ausbildung, machte die beschissensten Jobs. Einen Plattenvertrag zu haben ist fast so viel wert wie ein Universitätsabschluss. Und dann wird dir das einfach genommen.“ Courtney verkaufte Zigaretten und stand hinter der Theke des berühmten britischen Megastores PC-World. Dass sein dieser Tage erscheinendes, zweites Album „404“ (eine Hommage an die Fehlermeldung für eine nicht mehr existente Webseite) darauf hinweist, wird ihm erst nach einem kleinen Erinnerungsanstoß gewahr. „Unterbewusst entwickeln sich Dinge immer in solche Richtungen. Eigentlich gehe ich mit dem Album aber zurück in meine Kindheit, um zu bemerken, dass ich dort nichts mehr finde. ,404‘ ist für mich als Kind der 90er-Jahre einfach eine nette Metapher für all die Emotionen, die heute mitschwingen, wenn ich an meine eigene Kindheit zurückdenke.“

Keine Verleugnung
Im Gegensatz zu seinem sehr stark im Rock und Blues verankerten Major-Debüt „The Attractions Of Youth“ (mit dem er sich aus dem Tal der Depressionen befreien konnte), setzt Courtney nun auf Synthie-Pop und mehr Eingängigkeit. „Ich hatte anfangs überhaupt keinen Plan für das Album. Die Fans sollen jetzt nicht denken, ich würde sie ignorieren, aber als Künstler muss ich nun mal eben schreiben, was mir in den Sinn kommt. Bin ich nicht offen und ehrlich, könnte ich es bleiben lassen. Mein Debüt entstand aus einer wirklich harten und schwierigen Zeit, die in meiner Gegenwart zum Glück nicht mehr existiert. Es wäre verlogen gewesen, mich so eindeutig zu wiederholen.“ Mit Songs wie „Hollow“ oder „99“ ist die Hittauglichkeit enorm gestiegen. Mit seiner charismatischen Aura, den memorablen Riffs und den dezenten Synthie-Einsätzen kreiert der 28-Jährige einen Sound, der zwar niemals die schroffe Härte der Stones erreicht, aber auch nicht in klebrige Sphären der Marke Coldplay abgleitet. Somit gelingt ihm auf „404“ das Kunststück originär zu klingen, ohne das Rad wirklich neu zu erfinden.

„,404‘ ist sehr nostalgisch ausgefallen. Es gibt keine zusammenhängende Story. Das Album startet mit eher Synth-Pop-basierten Songs und endet mit wesentlich mehr Gitarren und Blues. Ich wollte schon immer ein Werk produzieren, das denselben Vibe in unterschiedlichen Facetten transportiert. So, wie es auch David Bowie immer gemacht hat.“ Bowie ist nicht nur deshalb Courtneys wichtigstes Idol. Auch seine optische Wandlungsfähigkeit und den steten Mut, sichere Häfen zu verlassen, imponieren den jungen Briten. „Er besaß eine Art von musikalischer Intelligenz, die endlos war. Wenn ich nur halb der Mann sein könnte, der Bowie früher war, wäre ich schon der glücklichste Mensch auf Erden.“ Den Reiz des Albums macht auch die juvenile Stimmung darauf aus. Courtney versucht erst gar nicht, sich als „Elder Statesman“ des jungen Britrock auszugeben. „Seien wir doch ehrlich, als Musiker lebst du ein Peter-Pan-Leben. Du musst niemals wirklich erwachsen werden und kommst mit allem durch. Es gibt definitiv schlimmere Schicksale.“

Zwischen Gitarre und Netflix
Über die letzten Jahre hinweg trat Courtney im Vorprogramm von so unterschiedlichen Künstlern wie Ed Sheeran, den Lumineers oder den Rock-Legenden The Who auf. Eine wichtige Schule, die dem nur nach außen hin obercoolen Musiker Lektionen in Demut lehrte. „Erfolgreiche Musiker beschweren sich selten und geben niemals anderen die Schuld für Fehler. All diese Künstler, die du hier aufgezählt hast, haben eine beneidenswerte Arbeitsethik. Wenn du die richtige Attitüde an den Tag legst und eine gewisse Obsession für dein Tun entwickelst, dann ist wirklich alles möglich. Aber ich gebe zu, meine Ethik könnte etwas besser sein. Ich liebe Musik wirklich über alles“, lacht er, „aber ich liebe auch Videospiele und Netflix.“

Nach den harten Jahren der Selbstfindung und Entbehrung lässt sich Barns Courtney in seiner bereits zweiten Karriere aber nicht mehr aus der Bahn werfen. „Es ist hart einzusehen, dass man sich selbst aus dem Dreck ziehen muss, doch wenn du das erkannt hast, ist es der Schlüssel zu allem. Wenn ich etwas aus den harten Jahren mitgenommen habe, dann das Wissen, dass einen die Verbitterung nur noch weiter zurückwirft.“ „404“ ist auf jeden Fall der nächste Schritt Richtung Dave Grohl. Das Fundament für weitere Großtaten ist bereitet, umsetzen muss sie Courtney selbst.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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