06.08.2019 18:09 |

„Gewissen Amerikas“

Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison ist tot

Toni Morrison ist tot. Die 1993 als erste Afroamerikanerin mit dem Literaturnobelpreis gekrönte Schriftstellerin verstarb in der Nacht auf Dienstag im Alter von 88 Jahren. Morrison galt nicht nur als Autorin mit einem millionenfach verkauften Werk, sondern auch als moralisches „Gewissen Amerikas“. So meldete sie sich bis ins hohe Alter zu den Zuständen in den USA zu Wort. „Obwohl ihr Ableben ein gewaltiger Verlust ist, sind wir dankbar, dass sie ein langes, gutes Leben gelebt hat“, teilte die Familie der Autorin mit.

Für die am 18. Februar 1931 in der Kleinstadt Lorain in Ohio als Chloe Wofford geborene Toni Morrison war das Thema Rassismus stets eines der dominanten. Die Diskussion darüber sei noch lange nicht vorbei, meinte sie erst kürzlich: „Ich will sehen, wie ein schwarzer Polizist einen unbewaffneten weißen Teenager in den Rücken schießt. Und ich will sehen, wie ein weißer Mann verurteilt wird, der eine schwarze Frau vergewaltigt hat. Und wenn man mich dann fragt ,Ist es vorbei?‘, dann sage ich ,Ja‘.“

Zugleich beurteilte Morrison die Entwicklung nicht rundheraus negativ. Optimistisch mache sie, dass die Menschen im Ghetto, oder solche, die marginalisiert werden in den USA dennoch eine eigene Kultur in ihrer Sprache oder Musik entwickeln würden, und so eine „Black Culture“ geschaffen hätten, die jetzt auf der ganzen Welt existiere, sagte sie bei einem Wien-Besuch im Jahr 2006.

„Beim Schreiben bin ich frei von Schmerzen“
2015 wurde Morrisons letzter Roman „God Help the Child“ gefeiert. Und auch danach ließ die Autorin, die zuletzt auf den Rollstuhl angewiesen war, nicht vom Schreiben. „Beim Schreiben bin ich frei von Schmerzen“, sagte sie. Zugleich stand bei ihr stets auch der genießerische Effekt ihrer Literatur im Fokus: „Ich schreibe so, dass der Leser meine Worte lustvoll genießen kann, kostet, dann pausiert und schließlich weiter schwelgt.“

Alles hatte 1970 mit „Sehr blaue Augen“ begonnen, dem Buch, das sie immer habe lesen wollen, das es aber noch nicht gab, wie Morrison gerne erzählte. Also stand die geschiedene alleinerziehende Mutter zweier kleiner Söhne jeden Morgen um vier Uhr auf und schrieb es. Danach ging sie zu ihrem Job als Lektorin in einem großen Verlagshaus. „Sehr blaue Augen“ wurde ein von Kritikern gefeierter Erfolg. 2006 wurden in Wien 100.000 Gratisexemplare des Werks im Rahmen der Aktion „Eine Stadt. Ein Buch“ verteilt.

Nach dem Debüt folgten weitere Erfolgsromane wie „Sula“, „Salomons Lied“, „Teerbaby“, der Sklavenroman „Menschenkind“, „Jazz“ und das 500-Seiten-Werk „Paradies“, das viele Kritiker als Morrisons bestes ansehen. Auch neben dem Nobelpreis 1993 wurde Morrisons literarisches Schaffen breit gewürdigt, so wurde sie etwa 1988 mit dem Pulitzer-Preis und dem American Book Award geehrt. Nebenbei lehrte die selbstbewusste Autorin und enge Freundin von Ex-US-Präsident Barack Obama jahrelang an der Eliteuniversität Princeton.

„Eine großartige Frau und eine großartige Autorin“
Nun ist Toni Morrisons literarische Stimme verstummt, was für Trauer in der literarischen Welt sorgt. „Sie war eine großartige Frau und eine großartige Autorin, und ich weiß nicht, welche von beiden ich mehr vermissen werde“, so Morrisons langjähriger Herausgeber Robert Gottlieb vom Verlag Knopf. Und die Nobelstiftung teilte mit: „Toni Morrison war eine der stärksten und einflussreichsten literarischen Kräfte unserer Zeit.“

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