10.07.2019 01:08

Ausverkaufte Metastadt

Greta Van Fleet: Die Geister, die sie riefen

Bei ihrer Österreich-Premiere füllten die gehypten US-Rocker und Grammy-Gewinner Greta Van Fleet das neue Open-Air-Gelände der Wiener Metastadt bis auf den letzten Platz. Die gitarrenlastige Revue bot aber nicht nur nostalgische Momente, sondern versprühte auch eine sanfte Form von Zeitgeistigkeit.

„Das ist ein Wahnsinn, was die jungen Buam da auf der Bühne aufführen. Unglaublich, dass sowas geht.“ Was sich kurz vor Konzertende im beschaulichen Ambiente des männlichen Festival-Urinals an Analyse und Besucherresümee erweist, subsummiert den zweiten Open-Air-Abend der brandneuen Wiener Metastadt-Location mehr als adäquat. Vor ausverkauftem Haus, also rund 5000 Fans, liefern die gehypten US-Rocker Greta Van Fleet ihre langersehnte Österreich-Premiere ab und verzücken Fans aller Generationen. Das große Geheimnis des familiären Hippie-Gespanns ist nicht nur ihre geschmackliche Streitbarkeit, die sich mittlerweile seit Jahren durch Foren, Kommentarspalten und Magazinseiten der Branche zieht, sondern auch ihre verbindende Wirkung. „Love, Peace & Rock’n’Roll“ ist bei diesem Quartett kein biederes Stehmantra, sondern eine Lebenseinstellung, die aus der Einöde des beschaulichen Michigan-Dörfchens Frankenmuth resultiert. Dort wurden drei der vier von ihren weltoffenen Eltern definitiv für das raue Leben und definitiv nicht für den großen Erfolg vorbereitet.

Soundprobleme
Mit ebenjenem können Greta Van Fleet nach einem Grammy und ausverkauften Hallen quer über den Globus noch immer erstaunlich gut umgehen. Auch wenn Umfeld und Management oft pikiert reagieren, strahlen die jungen Musiker eine ungebrochen unschuldige Lockerheit aus, wie sie nur aus einer herzhaften Einstellung zum Tun heraus kommen kann. Zum famosen Opener „When The Curtain Falls“ werden als Zeichen der gegenseitigen Liebe gleich einmal Rosen im Publikum verteilt, am furchtbar stumpfen und viel zu leisen Sound kann diese nette Geste allerdings wenig ändern. Es dauert schon eine gute halbe Stunde, bis aus dem klanglichen Lüftchen ein akustischer Sturm werden soll, den sich die Fans mithilfe der mitreißenden Gitarren, des pulsierenden Drummings und Josh Kiszkas eindringlicher Stimme erhoffen und erwarten. Gerade das viel zu pauschal mit Led-Zeppelin-Legende Robert Plant verglichene Organ des Fronters hebt die derzeit zweitpopulärste Greta aus dem Gros der Mitbewerber hervor.

Der Vergleich mit der vielleicht größten Rockband aller Zeiten war zu Zeiten des Grammy-geadelten Albums „From The Fires“ noch legitim, was Tracks wie das flotte „Highway Tune“ oder die Hippie-Hymne „Flower Power“ auch beweisen, nach harscher und anhaltender Medien- und Rezipientenkritik hat sich die Band auf dem aktuellen Werk „Anthem Of The Peaceful Army“ aber bewusst von ihrem eigenen Stigma gelöst. Abseits der auffallenden Soundprobleme funktioniert das Set der Jungspunde aber superb. Mühelos changieren sie zwischen eruptiven Rockpassagen und andächtigen Balladen, hasten prägnant durch die Riffskalen und geben sich gleich darauf wieder die nötige Zeit, um sich in breitwandigen Refrains zu suhlen. Diese selbstsichere Großspurigkeit verleiht dem Auftritt der milchgesichtigen Vollblutmusiker einen beneidenswerten Rock-Gestus der alten Schule. So müssen sich wohl Zeppelin, The Who und die Stones in den seligen 60er-Jahren aufgeführt haben, denkt der überwiegend junge Teil der Zuseher. Dass sie keine Zeitzeugen der großen Rock-Revolution waren, macht gar nichts. Sie sind die Gegenwart und Zukunft - und fürchten sich nicht vor der Vergangenheit.

Kein Nostalgie-Geschunkel
Die Experten tun sich schwer. Dass sie den Classic Rock einem jüngeren, mit dieser legendären Szene oftmals unbedarften Publikum näherbringen, wird Greta Van Fleet oftmals in negativer Art und Weise vorgehalten. Dabei sind hier weder Kalkül, noch formelhafte Präsentation auszumachen. Songs wie „You’re The One“ oder „Black Smoke Rising“ mag es an Authentizität mangeln, für die Band gilt das nicht. Das merkt man vor allem dann, wenn sich Josh in stimmliche Höhen schwingt, die Gläser zum Zerbersten bringen können und Zwillingsbruder Jake in ausufernden Gitarrensolos Leib und Seele steckt. Das Gemecker im Publikum erhöht sich vor allem im Schlussdrittel, was daran liegt, dass die Band Songs wie „Black Flag Explosion“ oder das abschließende „Lover, Leaver (Taker, Believer)“ in ausufernde Jamsessions dreht. Der Spaß des Dargebotenen schwappt aber direkt auf das Publikum über, nur wenige ganz strenge Geister und Verfechter der alten Tage können das Feuerwerk an zeitgemäßem Nostalgie-Rock mit Ignoranz strafen. Was an Eigenständigkeit fehlt, macht die Spielfreude wett. Greta Van Fleet revolutionieren den Rock nicht, sie halten ihn aber mit Liebe und Kompositionsgeschick für eine künftige Generation am Leben.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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