22.06.2019 17:05 |

Umstrittene Studie

Wachsen Smartphone-Nutzern Hörner am Hinterkopf?

Wachsen Smartphone-Nutzern Hörner? Eine Studie, die bereits 2018 veröffentlicht wurde, legt dies nahe - und sorgt jetzt weltweit für Schlagzeilen. Forscher in Australien fanden bis zu 30 Millimeter große Hörner an der Schädelbasis von 400 Menschen. Der umstrittenen These der Wissenschaftler zufolge könnte dies mit unserer problematischen Nutzung von Smartphones zusammenhängen - auch weil die „Hörner“ bei jungen Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren besonders ausgeprägt seien. Bei den Experten gehen die Meinungen auseinander.

„Kopfhörner“, „Telefonknochen“, „Smartphones lassen Menschen Hörner wachsen“ oder „Handygucken lässt Nackenhorn wachsen“ sind nur eine kleine Auswahl der Schlagzeilen zu der australischen Studie, die eigentlich schon im Vorjahr im Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht, aber kaum beachtet wurde. Dies änderte sich nun, als die britische „BBC“ die Studie Mitte Juni in einem Bericht über die Evolution der menschlichen Knochen aufgriff. Schlagartig wurde der Untersuchung weltweite Aufmerksamkeit zuteil. Doch was hat es damit wirklich auf sich?

Forscher werteten 1200 Röntgenaufnahmen aus
Durchgeführt wurde die Studie von den Medizinern David Shahar, Chiropraktiker, und Mark G.L. Sayers, Professor für Biomechanik, von der Universität der Sunshine Coast, einer der modernsten Universitäten im australischen Bundesstaat Queensland. Die Wissenschaftler hatten bei rund 400 Probanden auffällige Hörner an der Schädelbasis entdeckt. Dies, so die These der Forscher, könnte mit der problematischen Nutzung von Smartphones zusammenhängen.

Konkret hatten die Wissenschaftler über einen Zeitraum von drei Jahren insgesamt 1200 Röntgenaufnahmen des Schädels und der Halswirbelsäule von Patienten im Alter zwischen 18 und 86 Jahren ausgewertet. Dabei stellten sie ein Knochenwachstum von drei bis fünf Millimetern bei rund 40 Prozent der untersuchten Personen fest. In manchen Fällen wurden zehn, in extremen Fällen gar bis zu 30 Millimeter gemessen.

Solche Veränderungen treten eigentlich nur im hohen Alter bei Menschen auf, die über einen langen Zeitraum hinweg starken körperlichen Belastungen ausgesetzt sind. Doch die Studie kam zu dem Ergebnis, dass die knöchernen Auswüchse, in der Fachsprache auch Exostose genannt, bei jungen Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren besonders ausgeprägt seien. Zum einen seien die knöchernen Veränderungen bei dieser Altergruppe in 50 Prozent aller Fälle vorhanden. Zum anderen seien sie deutlich größer als bei älteren Probanden, so die Erkenntnisse der Australier.

Den Wissenschaftlern zufolge könnte diese Horn-Vorwölbung jedenfalls Folge der zunehmenden Nutzung von Smartphones und Tablets - meist bei gebeugter Kopfhaltung - geschuldet sein. Die Belastung sei in dieser Position sechs Mal so hoch, wie bei aufrechter Kopfhaltung. Die Bildung von Horn-Vorwölbungen sei in etwa vergleichbar mit der Bildung von Hornhaut - der Körper reagiere auf die hohe Belastung und versuche, zu entlasten.

Deformierung als Zeichen für ernsthafte Fehlhaltung
„Ganz egal, wie es genannt wird: Es sieht aus wie ein Vogelschnabel, ein Horn, ein Haken“, wird Studienleiter Shahar von der „Washington Post“ zitiert. Die Deformationen seien ein Zeichen für eine ernsthafte Fehlhaltung, die zu chronischen Kopfschmerzen und Schmerzen im oberen Rücken und Nacken führen können. Shahar ist der Ansicht, dass unsere Handy-Nutzung für den Knochen-Stachel verantwortlich sein könnte. „Während wir uns über sie (Smartphones) beugen, strecken wir unseren Hals und halten unseren Kopf nach vorne. Das ist problematisch, da der durchschnittliche Kopf etwa 4,5 Kilogramm wiegt - ungefähr so ​​viel wie eine große Wassermelone.“

Bekannt ist in diesem Zusammenhang bereits das Text-Hals-Syndrom (englisch „Text neck“; Anm.) genannte Krankheitsbild. Langfristig treten durch den Blick nach unten auf die elektronischen Geräte Nackenbeschwerden, Nackenschmerzen, Steifheit und Kopfschmerzen auf. Kein Wunder, können doch die physische Hebelwirkung und die Schwerkraft bei Fehlhaltung die Last des Kopfes auf die Nackenmuskeln auf bis zu 25 Kilogramm und mehr erhöhen.

„Das Horn an sich ist keine Gefahr“
„Das Horn an sich ist keine Gefahr“, betont indessen Shahars Studienpartner Mark G.L. Sayers. Es sei vielmehr ein Anzeichen dafür, dass etwas Falsches anderswo vor sich geht, ist auch er überzeugt. Die Vermutung der Wissenschaftler: Der Körper reagiert, indem er frische Knochenzellen an der Druckstelle ablegt, die helfen sollen, die zusätzliche Belastung zu bewältigen. Doch diese Theorie ist noch lange nicht bewiesen, und einige Experten lehnen die Schlussfolgerungen aus den Beobachtungen der Australier schlichtweg als unwissenschaftlich ab. Ob und wie die Ergebnisse der Studie auf die Gesamtbevölkerung übertragbar sind, bleibt vorerst unklar.

Ein nachweisbarer Zusammenhang zwischen der Bildung des Knochens am Hinterkopf und der Nutzung bzw. Nutzungsdauer von Smartphones oder Tablets lässt sich aus der Studie jedenfalls nicht herauslesen. So erklärte etwa der Mediziner Evan Johnson gegenüber der „New York Times“ zu der australischen Studie befragt, dass sich derartige „Knubbel“ theoretisch bilden können, wenn Menschen den Kopf für längere Zeit nach vorne beugen. In dieser Position drückt ein Band, das dabei hilft, den Kopf zu halten, gegen den Schädelknochen. „Der Knochen passt sich an, indem er einen kleinen Hügel oder Höcker ausbildet.“ Der Höcker stelle aber auch Johnsons Meinung nach keine Gefahr dar: „Die Tatsache, dass Sie diesen kleinen knöchernen Vorsprung in Ihrem Schädel haben, bedeutet nichts“.

Fazit: Die Studienergebnisse der Australier reichen nicht aus, um zu belegen, dass die Vorwölbung mit der intensiven Smartphone-Nutzung zusammenhängt. Bevor sich jetzt also alle ernsthafte Sorgen über ihr „Handyhorn“ machen, sollte man wohl weitere Untersuchung abwarten. Was nicht heißen soll, dass es nicht sinnvoll wäre, sich Gedanken über Risiken und Gefahren der Smartphone-Nutzung auch unter dem Gesichtspunkt orthopädischer Auswirkungen zu machen.

Harald Dragan
Harald Dragan
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