15.06.2019 04:17

Hitzeschlacht

Nova Rock: Ein Triumphzug von Slayer und The Cure

Immer dasselbe? Ja, als Festivalbesucher fühlt man sich manchmal wie in „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Während Bill Murray im Filmklassiker allerdings eine winterliche Zeitschleife durchleiden muss, ist es im Fall des diesjährigen Nova Rock das genaue Gegenteil: Hitze, Hitze, Hitze. Deshalb suchten die Besucher am Freitagnachmittag auch gerne die Schattenplätze vor den Bühnen auf.

Wie mit dem Lineal gezogen schien da die Grenze zur sonnenbeschienenen Fläche, als das Tiroler Trio Mother‘s Cake auf der Blue Stage seinen von psychedelischen Ausflügen infiltrierten Stoner Rock servierte. Gerne wurden die Songs in die Länge gezogen, gab es instrumentale Passagen, die zur sommerlichen Atmosphäre passten und natürlich einige launige Ansagen von Sänger und Gitarrist Yves Krismer. „Jetzt spielen wir ‘The Sun‘ als Hommage an die gelbe Sau“, ließ er den harten Kern vor der Bühne wissen. Eine Beschreibung, die dieser Tage so manchem schweißgeplagten Musikfan in Nickelsdorf wohl aus der Seele spricht.

Technische Melodik
Zeitgleich ging es auf der Red Stage äußerst technisch zu: Die britische Prog-Band Tesseract hält nämlich nichts von einfachen Songstrukturen, sondern pflügt gerne durch arhythmische Abschnitte, die es dem geneigten Headbanger wahrlich nicht einfach machen, da irgendwie mitzuhalten. Was man auch an den abgehackten Bewegungen von Sänger Daniel Tompkins erkannte, der die Stücke mit melodischem Ausdruck eine Spur in Richtung Nachvollziehbarkeit rückte.

Dass man es als Musiker auch nicht unbedingt besser hat als der gewöhnliche Nova Rocker, gab Trivium-Bassist Paolo Gregoletto zu. „An solchen Tagen ist es echt schwer“, lachte er im APA-Gespräch vor dem Auftritt seiner Band - immerhin kann es auch Backstage ganz schön warm werden. Für die Gruppe sind die Festivalshows dennoch eine lohnende Angelegenheit. „Es ist eine gute Routine, die man hier ausspielen kann. Du erreichst einfach neue Leute, und natürlich ist das wichtig. Immer, wenn wir in Europa bei Festivals gespielt haben, ist unser Publikum größer geworden.“

Album geplant
Die Band ist immer noch mit dem 2017er Album „The Sin And The Sentence“ unterwegs - für viele ein Schritt zurück zu alten Großtaten der Formation um Sänger und Gitarrist Matt Heafy. „Wir wollen definitiv die Art und Weise, wie wir diese Songs geschrieben haben, beibehalten“, stellte Gregoletto in Aussicht. „Es ist gut, daran anzuknüpfen.“ Derzeit jongliere man mit ein paar Ideen und Riffs herum, wirklich konkret ist die Arbeit am Nachfolger allerdings noch nicht.

Wie aber erkennt die Band, ob etwas entsteht, das funktionieren wird? „Du spürst das einfach, besonders wenn du die Sachen oft spielst. Deshalb ist es sehr wichtig, gemeinsam im Proberaum zu sein. Da stellt sich heraus, was gut ist und was nicht.“ Frischen Wind hat auch der neue Drummer Alex Bent gebracht, „das hat sicher gut getan“, nickte Gregoletto. „Die Herausforderung, interessante Musik zu schreiben, bleibt aber natürlich. Es ist ein Balanceakt, in den viele Faktoren hineinwirken. Aber wenn wir dem folgen, was in unseren Köpfen und Herzen ist, dann stimmt die Richtung meist.“

Vorsicht geboten
Für das Nova Rock versprach Gregoletto jedenfalls eine Mischung aus alten und neuen Stücken. „Wir haben mittlerweile ja acht Alben, da musst du wirklich gut auswählen, was du weglässt. Das wird mit der Zeit immer schwieriger.“ Und ansonsten gelte natürlich: „Nutze deine freien Tage und pass auf dich auf, sonst stirbst du“, lachte der Bassist, „besonders an so heißen Tagen wie heute.“

Ein kontrastreiches Spätabendprogramm kam später auf die Leute zu: Auf der einen Hauptbühne breiteten The Cure ihren Klangteppich aus, auf der anderen knüppelten sich Slayer auf Abschiedstour in Richtung Ruhestand. Hier wurde getanzt, dort geheadbangt. Auch wenn bei The Cure die Publikumsdichte geringer wurde, bot das hymnische „Pictures Of You“ ein paar der schönsten Festivalminuten.

Feines Gegenspiel
Mit „Shake Dog Shake“ eröffneten Robert Smith, wie immer den Anschein erweckend, aus einem Film von Tim Burton gepurzelt zu sein, und seine Band das lange Set. Dichter (Bühnen-)Nebel waberte, musikalisch gab es allerdings nicht nur Düsternis. Gediegenen Synthie-Flächen wurden teils fast epischen Gitarrenparts entgegengesetzt, „Just One Kiss“ von 1982 als Musterbeispiel von Wave-Goth-Punk wirkte genauso wenig in die Jahre gekommen wie der „Lovesong“: Mit Textzeilen wie „Whenever I‘m alone with you, You make me feel like I am home again“ setzte Smith einen lyrischen Gegenpol zu so manch martialischer Metal-„Poesie“.

Es störte kaum, dass allein der Bassist sich mehr als einen Meter auf der Bühne bewegte. Smith‘ ausgelassene Tänzchen zwischendurch waren Show genug. Der Sound ließ ebenso wenig zu wünschen übrig wie sein Gesang, das Gitarren- und zwischendurch auch Flötenspiel. Die Hits und Crowdpleaser „Friday I‘m In Love“ und „Boys Don‘t Cry“ haben sich The Cure für den krönenden Abschluss aufgehoben. Diejenigen, die geblieben waren, hatten einen feinen Ausflug quer durch die Geschichte der Poplegende miterlebt.

Verpasste Chance
Ein leider nur müder Abklatsch vergangener Glanzzeiten waren die Smashing Pumpkins: Die US-Alternative-Gruppe, die in den 1990ern zu den prägendsten Acts des Genres zählte, lieferte eine Darbietung, die die Bezeichnung „Show“ kaum verdiente. Zwar gab es dank legendärer Nummern wie dem Schnellschuss „Zero“, dem mächtigen „Bullet With Butterfly Wings“ oder dem melancholischen „Disarm“ einige schöne Momente zu erleben. Aber bei Billy Corgan und Co war an diesem Abend lediglich Dienst nach Vorschrift angesagt - abgedroschene Publikumsanimation und ein deplatziertes „Vienna!“ inklusive. War schon die aktuelle Platte „Shiny And Oh So Bright“ eine Enttäuschung, so entschädigten diese 90 Minuten leider nicht wirklich dafür.

Wirklich nostalgisch wurde es dann bei Slayer: Man mochte kaum glauben, dass dies das letzte Österreichkonzert der US-Band gewesen sein soll. Sänger und Bassist Tom Araya und seine drei Mitstreiter befinden sich was den Livegenuss betrifft definitiv auf einem Höhepunkt, stürzten sich mit dem wütenden „Repentless“ in ein ebenso kurzweiliges wie unbarmherziges Set und ließen schlussendlich die Frage offen, wer diese Lücke jemals schließen soll. Kaum eine Band kann Slayer in dieser Form das Wasser reichen, so mächtig und kompromisslos ging der Vierer zu Werke. Ein lachendes und ein weinendes Auge waren da garantiert.

Noch lange nicht genug
Neben Slayer war mit Anthrax eine weitere Band der „Big Four“ des Thrash Metal, zu denen man noch Metallica und Megadeth zählt, am Festival vertreten. Im Gegensatz zu den erstgenannten Kollegen ist man aber nicht auf Abschiedstour. „Wir gehen noch nicht in Pension! Das kann man den Fans weitersagen“, lachte Gitarrist Scott Ian im Gespräch mit der APA. „Sollten wir wirklich irgendwann aufhören, hätte ich gerne, dass wir einfach verschwinden und ein Mysterium daraus machen. Die Leute sollten sich den Kopf darüber zerbrechen, was mit Anthrax passiert ist. Aber vermutlich würden wir auch auf Farewell-Tour gehen. Aber ehrlich, es gibt dazu keine Pläne. Wir schreiben auch gerade neues Material. Wir haben bereits vier, fünf starke Skelette, wie ich diese Fragmente nenne. Sie brauchen nur noch Muskeln und Fleisch.“

Auf der Red Stage brachte die US-Band mit viel Energie ihre bekanntesten Songs wie „I Am The Law“ und „Indians“. Für Ian nur logisch: „Wir sind nicht hier, um ein Album zu verkaufen und zu promoten. Unser Programm besteht auf Festivals aus unseren Klassikern. Aber wir haben auch einen Song ausgegraben, ‘Now It‘s Dark‘, den wir seit 1991 nicht mehr gespielt haben.“ Auch „Caught In A Mosh“, quasi die musikalische Visitenkarte von Anthrax, durfte nicht fehlen. Diesen Thrash-Klassiker gab es gleich zum Start. „Dieser Song war bei jedem Konzert zu hören, das wir seit 1987 gespielt haben“, erzählte Ian. „Andere kamen und gingen, aber ich bin nie überdrüssig geworden, ‘Caught In A Mosh‘ zu spielen. Dieser Song weckt mich auf, weil er nach all den Jahren noch immer eine technische Herausforderung ist.“

Einzigartigkeit
Anthrax haben in ihrer langen Karriere mitgeholfen, die Genre-Grenzen aufzubrechen und Crossover im Heavy Metal salonfähig zu machen. „Ein Musikstil muss wachsen, sich verändern“, sagte dazu Scott Ian. „Auch das Universum expandiert. Niemand will, dass unser Universum schrumpft und verschwindet. So verhält es sich auch mit einer Szene oder einer Kunstform. Es wäre doch fad, wenn alle wie Black Sabbath klingen würden. Es gibt 20 Bands, die wie Black Sabbath klingen, das reicht.“

Definitiv mehr Crossover als Black Sabbath sind die Dropkick Murphys. Die Folk-Punk-Hardcore-Band gehört längst zum Festival-Inventar, und Gassenhauer wie das Dudelsack-getriebene „Rose Tattoo“ oder die Liverpool-Hymne „You‘ll Never Walk Alone“ wirbelten mächtig Staub vor der Blue Stage auf. Ähnliches galt auch für Idles am späten Nachmittag, wenngleich die Briten nur mit einem Bruchteil des Publikums belohnt wurden. Aber wie sich das Quintett ins Zeug legte, immer wieder mitten unter den Leuten ihre Instrumente malträtierte und vor allem auch politische Botschaften nicht scheute („Fuck Nigel Farage!“), machte einfach Laune. Was naturgemäß für die zeitgleich auf der Red Stage aufspielenden Polen von Behemoth galt: Aushängeschild Nergal und seine Kollegen lieferten eine Black-Metal-Show vom Feinsten, mit reichlich Feuer und viel böser Energie. Immer wieder ein Erlebnis!

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