02.05.2019 00:10 |

Live in der Stadthalle

Elton John: Abschiedsfest mit Glanz und Gloria

50 Jahre nach seiner ersten Tour und 35 Jahre nach seiner ersten Wien-Show sagte Sir Elton John Mittwochabend der Stadthalle das erste Mall „goodbye“. Zweieinhalb Stunden ließ er es krachen und ließ keine Wünsche offen. Ein letztes da capo gibt es heute und im Juli in Graz.

Mit angekündigten Abschieden ist das immer so eine Sache. Die Scorpions sagen strenggenommen schon seit knapp zehn Jahren Goodbye, auch andere verdiente Haudegen aus der „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“-Ära haben sich zum Ankurbeln des Ticketverkaufs ein „Farewell“ in den Tournamen geritzt, nur um dann doch nicht so würdevoll abzutreten, wie man es geplant hatte. Solche Schmähs hat Sir Elton John aber gar nicht nötig. Der verkauft die Hallen weltweit auch so mühelos aus, die Spielfreude des 72-Jährigen ist gerade in den letzten Jahren exorbitant gestiegen. So sieht er seinen Abschied von den Bühnen dieser Welt auch mit einem wehmütigen Auge. Die zwei Kinder, heute sechs und acht Jahre alt, würden einfach gerne mehr Zeit mit beiden Daddys verbringen, wodurch sich der Vollblutmusiker schweren Herzens dazu breitschlagen ließ, die Reiseaktivitäten auf ein Minimum zurückzufahren. Zumindest in Bälde, denn bei mehr als 300 geplanten Gigs bis tief ins Jahr 2021 hinein bleibt noch genug Zeit, um der großen Leidenschaft zu frönen.

Auftakt in Wien
Das Programm dafür ist ein durchaus opulentes. Wien ist nach dem Nordamerika-Leg im Herbst 2018 der Auftakt zur kompletten Europatour und wie in nur ganz wenigen anderen Metropolen gibt sich Elton hier sogar zweimal die Ehre. Jeweils rund 11.000 Fans versammelt er zu seiner großen Abschiedsrevue. Viele der Besucher sind erst einmal mit der schweizerischen Pünktlichkeit des Protagonisten überfordert, aber bei einer gut zweieinhalbstündigen Show gilt es eben keine Zeit zu verlieren. Frei nach dem Tourmotto „Farewell Yellow Brick Road World Tour“ ist die riesige Bühne mit gelben Steinen ausgekleidet. Vor einer gigantischen Videowall sitzt der Star in gewohnt glitzernder Aufmachung vor seinem Piano an der Bühnenfront, die siebenköpfige Backing-Band voller Virtuosen nimmt hinter ihm auf insgesamt zwei Stöcken Platz. Einspielen müssen sich die Könner längst nicht mehr, dass hier und heute der allererste Tourabend stattfindet, fällt auch zu keiner Sekunde auf.

Rund 350 Millionen Tonträger soll er in seiner mehr als 50-jährigen Karriere verkauft haben - wer sich der endlosen Aneinanderreihung an Hits hingibt, weiß auch, warum. Schon zu Beginn schüttelt er die Highlights mühelos aus dem Ärmel. Beim flotten „I Guess That’s Why They Call It The Blues“ verneigt sich gar ein devoter Herr in der erste Reihe demütig - es sollte nicht die letzte Ehrerbietung gegenüber dem Meister bleiben. Es menschelt heute in der Stadthalle, denn Elton John ist trotz seiner schrillen Optik und des theatralischen Gehabes vor allem ein Künstler, der längst wieder mit beiden Beinen fest am Boden steht und weiß, dass die Liebe des Publikums keine Selbstverständlichkeit ist. Immer wieder verneigt er sich vor seinen Jüngern, reckt den prägnanten Daumen in die Höhe und lässt ein „thank you“ durch das Mikro rutschen. „Es sind meine letzten Shows hier in Wien und wir versuchen jetzt so viel Spaß wie nur möglich zu haben.“ Als müsste er das extra betonen…

Balladeske Schönheit
Auf der Videowall prangen wichtige Botschaften in Bildform auf die Zuseher herab. Etwa deutliche Zeichen gegen Rassismus während des „Border Song“ oder Marilyn Monroe, für die er die unsterbliche Schmachtballade „Candle In The Wind“ ursprünglich schrieb, bis sie posthum von Lady Diana annektiert wurde. Elton John und sein ewiger Songwriting-Partner Bernie Taupin sind immer dann besonders durchschlagskräftig, wenn die Balladendichte zunimmt. Das herzerwärmende und nur mit seiner Stimme eingeleitete „Indian Sunset“ ist ein großer Gewinner des Abends, das bekannte „Sorry Seems To Be The Hardest Word“ sowieso von zeitloser Schönheit. Geduld braucht man vorwiegend dann, wenn sich John mit seiner genialen Combo in Jamsessions verzettelt und die Songs gar nicht erst zu Ende bringen will (u.a. bei „Levon“ oder „Funeral For A Friend/Love Lies Bleeding“). Am Flügel dominiert er mit seinen Nummern noch immer wie kein Zweiter, die Stimme mag nach seiner Kehlkopf-OP in den 80er-Jahren aber nicht mehr immer so gut mithalten. Beim herzhaften „I‘ Still Standing“ droht sie im Refrain gar zu brechen, doch der Entertainer lässt sich ebensowenig davon beirren wie sein umjubelndes Publikum.

Neben Geschichten über seine Karriere und den drohenden Abschied bewegt auch eine Selbsterkenntnis, die schließlich zum Song „Believe“ führt, in besonderem Maße. Bis 1990 war er Alkoholiker und schwer drogensüchtig, habe sich als Schwuler nicht ausreichend um das grassierende AIDS-Problem gekümmert. Er war sich aber nicht zu schade, um Hilfe zu bitten, wurde clean und nüchtern und gründete seine ganz eigene AIDS-Foundation, die rasant zu einem wichtigen Lebensprojekt erblühte. „Heute muss kein Mensch mir an HIV sterben und dieses Lied handelt davon.“ Bei den seltenen Gitarrensoli holt John Jorgensen die Doppelhalsige raus, Percussionist Ray Cooper ist mit seiner angeborenen Coolness mehr im Rampenlicht, als nur unterstützend tätig.

Zweimal geht’s noch
Vor „Don’t Let The Sun Go Down On Me“ dankt er Wien und seinen Fans noch einmal für all die Liebe, Unterstützung, Freundlichkeit und Hingabe. Mit Goldkonfettiregen und „Your Song“ darauf ergibt das ein Übermaß an Kitsch, das aber akkurat zum Abschied passt. Ein letztes da capo gibt es noch heute in der Stadthalle (Restkarten an der Abendkassa vorhanden), am 3. Juli gibt’s noch einen Graz-Open-Air-Gig am Messegelände (Karten: www.oeticket.com.). Ende Mai kommt der „Rocketman“ gespielt von Taron Egerton in die Kinos, im Herbst folgt der heiß ersehnte 800-Seiten-Wälzer „Ich. Die Autobiografie“. Doch wer weiß - angekündigte Schlussstriche wurden doch oft nicht gezogen…

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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