16.03.2019 07:00 |

Brandneues Livealbum

Windhand: Imperfektion als oberste Prämisse

Mit „Eternal Return“ haben die US-Doomer Windhand letzten Herbst eines der spannendsten Metal-Alben des gesamten Jahres vorgelegt. In der Wiener Arena spielten sie Songs daraus live, davor standen uns Sängerin Dorthia Cottrell und Gitarrist Garrett Morris Rede und Antwort zum brandneuen Livealbum, privaten Verpflichtungen und wie die Reduzierung von fünf auf vier Personen Sound und Wesen der Band verändert haben.

Das US-Label Relapse Records ist gemeinhin für eher zünftigere Bands bekannt, die sich vornehmlich im Bereich Grindcore bewegen und meist weder musikalisch, noch textlich Raum für Kompromisse lassen. Doch über die Jahre bewies die Plattenfirma auch immer wieder ein geschicktes Händchen für langsamere und elegische Klänge, die zwar noch immer etwas an der Massentauglichkeit vorbeischrammen, aber auch das Interesse offener Rock- und Metalfans der sanfteren Gangart wecken. Zu diesen Bands zählt unter anderem das Virginia-Kollektiv Windhand, das seit etwas mehr als zehn Jahren zwischen Doom- und Stoner Metal pendelt und sich mit den letzten Alben als Stammgast in den amerikanischen Rockcharts etabliert hat. „Es ist nicht so, dass wir da unbedingt reinwollten“, lacht Gitarrist Garrett Morris im Gespräch mit der „Krone“, bevor Sängerin Dorthia Cottrell hinzufügt: „Mein Dad glaubt eigentlich immer noch, dass wir eine ziemlich beschissene Band wären und lacht darüber, dass uns die Leute in Europa offensichtlich mögen.“

Schneller am Punkt
Wenn man es der getragenen Musik Windhands auch nicht anhört, Humor ist ein wichtiger Bestandteil der Band, die vor allem durch Cottrells Stimme heraussticht, welche sich meist in Blues-Gefilden bewegt und den Amerikanern damit eine einzigartige Note verleiht. Auf ihrem letzten Herbst erschienenen Album „Eternal Return“ hören Fans gar Grunge-Einflüsse heraus, die Gitarrist Morris nicht so direkt erkennen will. „Vielleicht liegt das daran, dass das Album erneut von Jack Endino produziert wurde und der im Grunge kein unbeschriebenes Blatt ist. Eventuell hört man nun die Leadgitarren schöner heraus, was die ganze Sache wohl etwas psychedelischer gestaltet. Zudem sind die meisten Songs etwas kürzer geworden und kommen schneller auf den Punkt.“ Zweitgitarrist Asechiah Bogdan verließ die Band im letzten Jahr nach neunjähriger Zusammenarbeit. „Für das Album hat das wenig geändert, aber live war die Umstellung groß, schließlich blieb alles an mir hängen. Unser Bassist Parker Chandler muss jetzt auch wesentlich rhythmusbasierter spielen.“

Der Songwritingprozess bei Windhand verfolgt keine klare Linie. Morris greift dabei immer wieder auf alte Riffs zurück, die durchaus zehn Jahre auf dem Buckel haben können, in einem neuen Kontext aber trotzdem wieder Sinn ergeben. Meist wird er dann zu einem Songtitel inspiriert, basierend auf dem Dorthia die Texte schreibt, die dann mit den Titeln selbst gar nichts zu tun haben müssen. „Die Texte hängen nur selten mit den Titeln zusammen“, lacht die Sängerin. Auf „Eternal Return“ hörten die Musiker vor dem Aufnahmeprozess erstmals nicht einmal die Vocalspuren ihrer Sängerin. „Normalerweise nehmen wir davor schon Demos auf, aber dieses Mal waren wir so unter Zeitdruck, dass wir gerade noch die Musik auf einem Vierspurgerät aufgenommen haben. Alles andere - inklusive Dorthias Vocals - hörten wir dann erst im Studio, als es an die fertige Aufnahme ging.“ Mit ihrem vierten Studiowerk stießen Windhand bei Fans und Kritikern gleichermaßen auf offene Ohren. Einen genaueren Karriereplan verfolgt das Quartett deshalb aber noch lange nicht.

Nicht sehr fleißig
„Jeder von uns arbeitet in ganz normalen Jobs“, verrät Morris, „die aktuelle Europatour dauert ca. drei Wochen und das ist auch das Maximum, das bei uns möglich ist. Das Reisen ist zwar oft brutal, im Endeffekt ist es aber wie ein gemeinsamer Urlaub und wir sind alle extrem dankbar dafür, dass wir das nach mehr als zehn Jahren noch immer machen können.“ Für Morris ist Windhand neben dem normalen Job noch eine dritte Zusatzbelastung, er ist auch Vater eines Sohnes im Kindergartenalter. Dadurch bekommt er auf Tour mehr Schlaf als zuhause, wie er lachend anfügt. „Wir sind zudem beim Proben nicht die Fleißigsten. Normalerweise sind wir jeden Donnerstag verabredet, aber das hält nicht immer. Wenn eine Probe ausfällt, fahre ich aber trotzdem hin, denn ich brauche diese Freiheit als Ausgleich in meinem Leben.“

Die Ungezwungenheit zieht sich durch die gesamte Karriere der Band. „Als wir die Band starteten, hat ein Freund von uns Demos verschickt. Ich bekam an meine Postadresse die ganze Zeit Absagen von Plattenfirmen und wusste nicht einmal was los ist“, erinnert sich Morris lachend zurück, „er hat das einfach ohne unser Wissen gemacht. Irgendwann hat er das Album einfach selbst veröffentlicht und gemeint, wenn es sonst keiner tut, müsse es eben er tun. Diese Haltung spiegelt unsere Band ziemlich gut wider: Machen wir halt einfach.“

Neues Livealbum
So ähnlich entstand letzten Herbst auch das brandneue Livealbum „Live Elsewhere“, das im November 2018 in Brooklyn aufgenommen wurde. „Wir wussten, dass die Show mitgeschnitten wird, hatten aber keine Ahnung, dass daraus ein Album entsteht. Der Typ ist von einem kleinen Label namens Creep Purple Promotion und macht offizielle Bootlegs - u.a. für Bands wie Electric Wizard. Jedenfalls ist alles echt und rau. Du hörst, wie wir uns verspielen und bei zwei Songs ist Dorthia’s Mikrofon ausgefallen. Normalerweise verbessert man das im Nachhinein, aber diesen Zugang fanden wir spannend.“ Imperfektion als Mantra. Windhand beweisen, dass man auch so Erfolg haben kann.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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