10.02.2019 07:00 |

„Krone“-Interview

Hannah: „Man soll vor mir ruhig etwas Angst haben“

„Kinder vom Land“ nennt sich das vierte Studioalbum, das der Tiroler Schlagerstar Hannah vor gut einer Woche veröffentlichte. Die Single-Auskoppelung „Aussa mit de Depf“ sorgte schon letzten Sommer für Aufregung, allgemein eckt die 37-Jährige mit ihren Songs und ihren Aussagen gerne an. Im Interview mit uns sprach sie über den Online-Shitstorm zur Single, warum sie bewusst kantig und unangepasst ist und wieso es genug Platz für die leisen Töne in ihrem Leben gibt.

„Krone“: Hannah, du hast soeben dein neues Studioalbum „Kinder vom Land“ veröffentlicht. Aus der 4.000-Seelengemeinde Mils bei Hall in Tirol stammend, bist du selbst ein waschechtes Landkind.
Hannah:
Das stimmt. Ich wuchs am Land neben dem Wald auf und wir spielten direkt auf der Straße. Das hat mich nie losgelassen. Ein Kind vom Land zu sein, ist ein Wert, den man schätzen wollte. Mein Opa kommt aus der Kriegsgeneration und war Landmaschinenvertreter. Mit ihm bin ich viel herumgefahren, hinten auf der Ablage des Autos - das ist heute auch undenkbar. (lacht) Viele meiner Fans sind auch Kinder vom Land. Wenn man in die Stadt geht, wird man oft von oben herab betrachtet und das hat mich immer gestört. Ich komme vom Land und habe auch maturiert und ein Jus-Studium gemacht, ich bin genauso viel wert wie jeder andere auch. Ich habe den Song für die Leute gemacht, die körperlich arbeiten. Der Handwerksberuf ist ein wahnsinnig wichtiger und man merkt in der Wirtschaft, dass es dort eng wird. Die Handwerker verdienen heute viel zu wenig. Ich bin mittlerweile selber soweit, dass ich meiner Tochter sage, sie soll nicht Frisörin werden, sondern was anderes machen. Einfach deshalb, weil man von dem Verdienst kaum überleben kann.

Im Titelsong singst du beispielsweise über den „Stolz aufs Land“. Darf man denn auf etwas stolz sein, dass man nicht selbst erreicht oder sich selbst erarbeitet hat?
Es ist richtig, dass ich nicht auf etwas stolz sein kann, was ich nicht selbst geleistet habe. Ich bin aber stolz auf meine Großeltern und ihre Leistungen. Das Haus meines Opas steht immer noch und er hat es mit Steinen gebaut. Meine Oma ist 93 und so zufrieden, obwohl sie die größte Armut miterlebte. Sie hat nie geklagt. Damals gab es kein Burn-Out, die Menschen haben einfach das Beste aus allem gemacht. Ich bin so stolz auf sie und das Brauchtum, das sie überliefert haben, wie zum Beispiel die G’stanzl. Die Leute haben sie gesungen, wenn sie im Arbeitsdienst waren. Warum sollte das verloren gehen? Das ist unsere Kultur und das sollen meine Kinder weitergetragen bekommen - und die sollen es dann ihren Kindern weitertragen.

Warum singen Künstler vom Land so oft und gerne über prekäre Begriffe wie Heimat und Heimattreue?
In Wien ist das Multikulturelle so allgegenwärtig, dass es den Menschen gar nicht mehr auffällt. Ich wohnte auch ein Jahr in Wien und weiß, wovon ich rede. Am Land hat man oft Berührungsängste vor dem Neuen. Bei uns heißt es ja immer: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“. Ich sträube mich überhaupt nicht gegen Neues, finde aber nicht, dass man Altes und Traditionelles weglassen muss.

Für deine erste Single „Aussa mit de Depf“ hast du letzten Sommer einen Online-Shitstorm abbekommen, gegen den du dich auf deinen Social-Media-Portalen teilweise selbst vehement gewehrt hast. Fühlst du dich falsch interpretiert?
Natürlich provoziert man mit so einem Song ein bisschen. Hannah hat auch einen sozialkritischen und vielleicht sogar politischen Aspekt in sich. Ich habe eine humanistische Ausbildung genossen und muss gewisse Dinge ankratzen. Wer mich genauer hört, wird merken, dass die Texte, die oberflächlich als lapidar erscheinen, schon eine gewisse Zweideutigkeit haben. Bei dem Shitstorm war mir schon klar, warum das passierte. Ich sah das Ganze eher mit einem Augenzwinkern. Begonnen hat es damit, dass eine Freundin von mir ein T-Shirt mit der Aufschrift „Aussa mit de Depf, heut gibt’s Nudeln“ trug. Wenn das eine Frau sagt, dann ist das schon cool und so wollte ich ein Lied daraus machen. Was mir dann alles vorgeworfen wurde, ist wieder typisch für unsere Zeit. So als hätte ich die Frauenwelt um 200 Jahre zurückversetzt. Dagegen verwehre ich mich. Ich bin selbst Mutter von zwei Kindern, stehe voll im Berufsleben und bin total emanzipiert, aber ich koche trotzdem sehr gerne und fühle mich überhaupt nicht unterdrückt. Es ist schade an der heutigen Zeit, dass man sich dafür rechtfertigen muss, dass man Mutter und Hausfrau ist. Hausfrau zu sein ist ein Vollzeitjob, das muss man nicht unterm Scheffel stellen. Von dem her kann ich mich nur dagegen wehren.

Wenn man sich aber das Video zu dem Song anschaut, kann man nicht wirklich eine Botschaft erkennen, die in irgendeiner Art und Weise tiefer blicken ließe…
Klar, aber damit haben wir auch bewusst provoziert. Provokation ist für mich ein Stilmittel. Was wäre Kunst ohne Provokation? Es wäre nur mehr Oberflächlichkeit. Ich könnte sonst diese Themen gar nicht ankratzen und würde von der Öffentlichkeit auch gar nicht wahrgenommen werden, wenn ich sowas nicht machen würde.

Fehlt es dir in der Gesellschaft allgemein und bei deinem Song hier im Speziellen am Diskurs? Fühlst du dich vorverurteilt?
Auf jeden Fall. Wenn man in eine politische Ecke gedrängt wird, wo man gar nicht bewusst dahintersteht, ist das einfach nicht okay. Wenn man heimatbezogen ist und bestimmte Werte hat, dann ist es einfach so, aber das hat nichts mit einer gewissen politischen Ausrichtung zu tun. Gerade deshalb braucht es Leute, die sagen „so nicht“. Wenn ich mich überall fügen und nachgeben würde, wäre ich nicht glücklich. In Österreich herrscht freie Meinungsäußerung und das soll auch so sein.

Provokation bedeutet natürlich auch gute Promotion. Gibt es Bereiche oder Themengebiete, die du partout nicht streifen würdest?
Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Wenn ich Texte schreibe, habe ich ein Thema oder eine Zeile im Kopf und ich denke mir dann, darüber sollte man schreiben. Ich habe auf dem Album auch eine Ballade namens „Die Karte“, wo mich alle fragen, warum ich sie geschrieben habe. Ich habe in die Gefühlswelt einer Frau geschaut, die ihren Lebenspartner verliert. Es gibt viele Songs über den Tod, die ausschließlich traurig sind oder man hofft, sich wiederzusehen. Wenn mein Partner oder Mann sterben würde, hätte ich auch eine Riesenwut. Er lässt mich alleine zurück, wir hätten ganz viel vorgehabt und er wich aus dem Leben. Ich versuchte mir diese Situation vorzustellen und das ging so weit, dass ich echt im Studio heulte. Ich merke dann die Schwere und das ist ein gutes Zeichen. Wenn dann Leute sagen, sie könnten sich damit identifizieren, dann habe ich was richtiggemacht. Vielleicht ist das auch für mich selbst ein Aufarbeitungsprozess.

Wenn du dich so intensiv in einen Song hineinlebst, ist es dann umso schwieriger, mit Kritik von außen umzugehen?
Sagen wir so: es gibt Tage, da tut es mir nichts und dann gibt es Tage, wo man es nicht so leicht wegsteckt. Die YouTube-Kommentare lese ich mir gar nicht erst durch. Wenn man anfangs viel geklickt wird, rutscht man in Trend-Charts und dann sieht das jeder. Leute, die einen Scheißkommentar abgeben müssen, sollen es machen. Wenn es etwas persönlich wird, dann kann ich meinen Mund oft nicht halten. Es belastet mich schon oft, aber ich stehe auch dazu. Wenn dann Leute kommen, denen ich offenbar aus den Herzen gesprochen habe, dann ist das Negative wieder aufgehoben. Ich empfand diesen Shitstorm letzten Sommer auch nicht als so schlimm. Ich ahnte, dass es so kommen könnte, aber die Discos und Hallen sind voll und die Leute, die da sind, geben mir Recht. Die anderen müssen ja nicht hinhören.

Du bist im Schlagersegment prinzipiell ein rebellischer, nicht angepasster Charakter. Ist das notwendig, um authentisch zu sein?
Meine Mama stammt aus einer Generation, in der es bestimmte Sprüche gab. Zum Beispiel: „Der, der sich hintenanstellt, ist der Klügere“ oder „Das tut man nicht“. Damit wuchs ich auf und in der Schule war ich eher die Schüchterne. Ich hatte dann den Schicksalsschlag, dass der Vater meiner Kinder einfach verschwand. Ich hatte nie geplant, allein dazustehen, mit zwei Kindern im Alter von zwei und fünf. Wir hatten ein gemeinsames Konto, das er leergeräumt hatte und dann verschwand er über alle Berge. Da wusste ich, ich müsste mich alleine durchsetzen. Damals ging es mit der Musik so richtig los und ich habe nur an die Kinder gedacht. Ich habe auf jedem Biertisch gesungen, auch für ein paar Euro, weil ich einfach kämpfen musste und daraus entstand das Rebellische. In der Musikbranche kriegt man auch nichts auf dem goldenen Tablett serviert. Ich bin sehr dankbar, dass ich mich schon im Vorfeld stählen konnte. Manchmal fehlt mir ein bisschen die Naivität von früher. Ich nehme natürlich den Rucksack der schlechten Erfahrungen mit und bin vorsichtig geworden. Ich beneide manchmal Leute, die einfach frei durch die Welt laufen. Andererseits gewinnt man an Lebenserfahrung und Stärke, das macht dich reifer und schlagfertiger. Meine Kinder sind jetzt 11 und 14 und es ist zum Glück alles gutgegangen.

Folgen die auch in deine Fußstapfen und interessieren sich für die Musikwelt?
Meinte Tochter hat mein Rampensau-Gen geerbt und ist schon fest am Tanzen in Musicals. Der Bub möchte lieber Büchsenmacher werden, der tendiert ganz woanders hin. Er nimmt dafür sogar auf sich, dass er die ganze Woche in Ferlach im Schülerheim ist. Wer so einen Ehrgeiz für etwas hat, den muss das Thema einfach interessieren.

Es wird sehr oft bekrittelt, dass in deinen Texten eine latente Männerfeindlichkeit stattfinden würde. Könnte das ein unbewusstes Resultat aus deiner schockierenden Erfahrung von damals sein?
Wäre ich männerfeindlich, hätte ich nicht noch einmal geheiratet. Da gibt es keinen Zusammenhang. Wir Frauen sind noch immer nicht total gleichberechtigt, etwa beim Gehalt. Heute etwa hat sich ein Mann gewundert, dass ich ein großes Auto einparkte. Man muss das Thema schon ein bisschen anschneiden, aber das ist nicht männerfeindlich. Ich liebe Männer über alles. (lacht)

Melissa Naschenweng besingt die „Bergbauernbuam“, du in einem Song die „Dieselbrüder“. Was zieht euch denn so an, an den klischeehaft kantigen Landburschen?
(lacht) Alles. Ein gestandener Mann ist einfach ein gestandener Mann. Dieses Bild des metrosexuellen Mannes ist so weichgespült, dass ich mir oft denke, ob das sein muss. Ich stehe auf einen richtigen Mann, der anpacken kann und ich glaube, dass jede Frau auf einen kernigen Burschen steht.

Inwieweit haben all diese Erfahrungen und die dadurch gewonnene Robustheit deinen Erfolg in deiner Karriere geprägt?
Ich musste mich immer durchsetzen und brauchte viel Durchhaltevermögen. Heute ist es im Schlager nicht mehr wichtig, ein großes Gesangstalent zu haben oder nur hübsch zu sein. Das sind alles Komponenten, aber es gehört weit mehr dazu. Es ist manchmal schon ein bisschen krank, dass nur wunderschön zu sein auch für Karrieren reicht. Ich habe mich aber immer bewiesen und darauf bin ich stolz. Es geht im Leben immer bergauf und bergab, aber man muss einfach weitergehen.

Du bist musikalisch von allen in der Schlagerwelt befindlichen Künstlerinnen wohl am weitesten vom Grundgenre entfernt. Songs wie „Du bist so schön“ klingen sogar eins zu eins wie kommerziell ausgerichteter Deutschpop.
Ich sehe mich schon im Genre Schlager. Da bin ich als Hannah groß geworden. Es wäre ein Fehler zu sagen, ich würde Deutschpop machen. Momentan fließen diese Grenzen ineinander und alles passt zusammen. Ich schreibe darüber, was mir Spaß macht und so wie ich hier im Interview sitze, bin ich auch privat. So kann ich mich in der Früh im Spiegel anschauen und das ist ungemein wichtig. Pop- und Rockeinflüsse sind natürlich drinnen, weil ich gerne mit dem Kontrastklischee spiele. Das mache ich auch oft mit dem Outfit. „Dieselbrüder“ ist ein reiner Klischeetext und deshalb versuche ich auch Gegenpole zu setzen.

Zum Beispiel eben mit dem Song „Du bist so schön“, der vor allem die innere Schönheit der Menschen streift. Es gibt also auch die ruhige, nachdenkliche, nicht provozierende Hannah?
Jeder Künstler möchte so wahrgenommen werden. An den Klickzahlen sieht man aber, dass diese tiefergehenden Songs noch nicht so gut angenommen werden. Zumindest jetzt noch. Im Endeffekt ist das egal, denn jemand, der diese Songs hören möchte, der wird auch von ihnen gefunden. Diese Nummer war mir wichtig, weil jeder als schön empfunden werden will und jeder schön ist. Ich finde es schlimm, wenn man sofort schubladisiert und wegen des Äußeren beurteilt wird. Im Video spielt auch die RollOn-Austria-Obfrau Marianne Hengl mit, die mit verkrüppelten Extremitäten auf die Welt kam. Sie ist eine normale, nette Frau. Sie würde sich auch gerne die Fußnägel lackieren und High Heels tragen wie jede andere Frau auch und deshalb habe ich mich dazu entschieden, komplett ungeschminkt diesen Song zu schreiben. Gerade in unserer Showbranche ist so viel Fake dabei. Wir haben aufgeklebte Wimpern, Schminke und Extensions, aber wenn man am Abend ins Hotelzimmer geht, ist man der echte, richtige Mensch. Es ist wichtig, dass man sieht, dass man auch das ist und mehrere Facetten hat - und all diese Facetten sind gut.

Ist es aufgrund deiner vielen Termine dann umso wichtiger, aus der Rolle der Künstlerin rauszuschlüpfen und einfach durchatmen zu können?
Die Showbranche ist mein Beruf. Ich sage den Leuten immer, dass sie mich anreden sollen und keine Angst vor mir haben brauchen. Ich bin gleich wie alle anderen und der Beruf ist genauso viel wert wie jeder andere. Es gibt für mich nichts Schlimmeres, als wenn ich in einem Geschäft bevorzugt werde, weil man mich von der Bühne oder aus dem Fernsehen kennt. Das ist absolut nicht okay. Meine Erdung ist die Familie. Wenn ich heimkomme, die Waschmaschine einschalte und die Kinder schreien, weil sie was brauchen, da liegt mein wahres Leben.

Wie passt eine Person wie du mit dem rebellischen Charakter in diese oft so glitzernde und durchgeplante Schlagerwelt?
Wir sind natürlich nicht alle die allerbesten Freunde oder eine große Familie, aber das ist doch in jeder Firma und in jedem Beruf genauso. Es ist ganz gut, wenn man vor mir ein bisschen Angst hat, weil ich einfach direkt sage, was ich mir denke und nicht in dieser scheinheiligen Welt mitspiele. Das möchte ich mir auch bewahren, denn nur so kann ich in der Früh ungeschminkt in den Spiegel schauen.

Wie geht es heuer bei dir weiter?
Jetzt bin ich mal gespannt auf die Verkaufscharts und dann geht es mit 130 bis 150 Auftritten weiter. Ende Februar bin ich eine Woche auf einer Musikkreuzfahrt nach Kuba, was meine bis jetzt weiteste Reise ist. Ich bin jemand, der immer Veränderung braucht und ich bin immer dann glücklich, wenn etwas passiert. Sonst wird es mir schnell zu langweilig. Deshalb suche ich mir immer neue Ziele und Herausforderungen.

Alle weiteren Infos und auch alle Live-Termine von Hannah finden Sie unter www.hannah-musik.com

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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