23.01.2019 15:24 |

Ärztemangel

Rendi-Wagner warnt vor „Versorgungslücke“

Österreich droht ein Ärztemangel - und zwar bei den Hausärzten. Die Politik müsste dringend Maßnahmen setzen, „damit wir nicht in eine gefährliche Versorgungslücke schlittern“, warnt SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner. Weil die Regierung wenig Willen zeige, sich der Sache anzunehmen, werde die SPÖ nun eine Sondersitzung des Nationalrates beantragen, kündigte Rendi-Wagner am Mittwoch bei einem Hintergrundgespräch mit Journalisten an. Schon jetzt gibt es einige Gemeinden ohne Hausarzt, lange Wartezeiten beim Arzt oder auf einen Facharzttermin. In den nächsten Jahren könnte die Situation schlimmer werden.

„Vor 20 Jahren haben die Ärzte auf Jobs gewartet, jetzt warten die Patienten auf die Ärzte. Österreich droht ein akuter Ärztemangel. Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind die Patienten. Gemeinden ohne Hausarzt, lange Wartezeiten, wochenlanges Warten auf Facharzttermine sind Probleme, die immer größer werden. Die Gesundheitspolitik ist dringend gefordert, jetzt gegenzusteuern, sonst schlittern wir in eine massive Versorgungslücke“, lautet der dramatische Befund der ehemaligen Gesundheitsministerin.

SPÖ vermisst versprochene Primärversorgungszentren
Nächste oder übernächste Woche will Rendi-Wagner an ihre Nachfolgerin als Gesundheitsministerin, Beate Hartinger-Klein (FPÖ), eine Dringliche Anfrage stellen. Denn der Regierung sei das Problem des drohenden Ärztemangels offensichtlich nicht bewusst, vermisste die SPÖ-Chefin etwa Nachdruck beim Ausbau der von ihr 2017 initiierten Primärversorgungszentren.

Warum sich ein weiterer Ärztemangel abzeichnet? Von den 18.287 niedergelassenen Ärzten erreichen in zehn Jahren 48 Prozent das Pensionsalter, von den 7099 Ärzten mit Kassenvertrag sogar 55 Prozent. 39 Prozent aller Hausärzte sind älter als 60 Jahre, nur acht Prozent unter 45. Laut Ärztekammer liegt der jährliche Nachbesetzungsbedarf bei 938 Ärzten. „Die Scheune brennt jetzt“, verwies Florian Stigler von der Meduni Graz darauf, dass die Zahl der unbesetzten Hausarzt-Stellen - nach dem früheren Überangebot - bereits steigt, aktuell sind es 87. Das sind zwar nur 2,3 Prozent, aber es bedeutet, dass 200.000 Personen eigentlich unversorgt sind.

Bürgermeisterin: „Gelegentlich müssen Patienten auf Straße warten“
Was es bedeutet, wenn eine Hausarztstelle nicht nachbesetzt werden kann, schilderte die Bürgermeisterin von St. Valentin, Kerstin Suchan-Mayr (SPÖ): „Jetzt hat ein Arzt in der Gemeinde 3200 statt früher 2300 Patienten zu betreuen, pro Tag bis zu 120 - und gelegentlich müssen Patienten auf der Straße warten, weil die Praxis zu klein ist. Für gemeindeärztliche Tätigkeiten (Schularzt, Totenbeschau) finde sich kaum jemand mehr, und es können nicht alle Wochenenddienste besetzt werden.“

Eigentlich müsste es keine Nachwuchsprobleme bei den Ärzten geben, deren Zahl seit Jahren steigt und derzeit bei fast 45.000 Medizinern angelangt ist - aber davon sind keine 4000 Hausärzte. Dabei sei der Hausarzt die wichtige erste Anlaufstelle und „Drehscheibe“, die viel an Ambulanz-oder unnötigen Facharztbesuchen sparen könne.

Rendi-Wagner lieferte beim Hintergrundgespräch auch ein paar Lösungsansätze. Wichtig wäre, dass der Beruf des Hausarztes attraktiver gestaltet wird. Dazu gehörten Unterstützung bei Praxisgründungen und eine Entlastung, zum Beispiel durch die Möglichkeit, mit Pflegekräften zusammenzuarbeiten. Aber auch bei den Patienten könnte man ansetzen: Mehr Prävention und eine bessere Lenkung der Patientenströme. Hier ist von der Vermeidung unnötiger Arztbesuche die Rede.

FPÖ sieht Schuld bei SPÖ
Die FPÖ sieht die Ursachen für den Ärztemangel in der Vergangenheit begraben - und zwar im Verantwortungsbereich der SPÖ. „Die SPÖ hat die Probleme im Gesundheitssystem jahrelang negiert, anstatt sinnvolle Maßnahmen zu setzen“, erklärte Gesundheitssprecherin Brigitte Povysil am Mittwoch in einer Aussendung. „Nun, da sie nicht mehr Teil der Bundesregierung ist, weist sie lautstark auf diese hin und verschweigt dabei den Umstand, dass es ihre eigene Untätigkeit war, die zu den bestehenden Schwierigkeiten geführt hat", meinte Povysil, die gleichzeitig ihre Skepsis zum Ausdruck brachte, dass die drohende Versorgungslücke eine Problematik sei, „die sich innerhalb von wenigen Monaten ergeben hat“.

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