Di, 18. September 2018

Die Tragödie von Genua

15.08.2018 13:56

Blitz, Kälte, Wasser: Was hat das Drama ausgelöst?

Nach dem verheerenden Einsturz einer Autobahnbrücke in Genua mit Dutzenden Toten am Dienstag wird über die Ursachen für das Unglück spekuliert. Dass ein Blitzschlag beim Einsturz eine Rolle gespielt haben könnte, schloss am Dienstagabend der Zivilingenieur Helmut Wenzel in der „ZiB 2“ aus. Der Ex-Vorstand des Institutes für Betonbau an der TU Graz, Lutz Sparowitz, glaubt, dass es entweder Probleme mit einem Tragseil oder mit dem Fundament eines Pfeilers gegeben haben könnte. Und es gibt auch schon die ersten Schuldzuweisungen. Italiens Verkehrsminister Danilo Toninelli forderte am Mittwoch die Führung des Autobahn-Betreibers zum Rücktritt auf.

Nachdem Augenzeugen berichtet hatten, dass kurz vor dem Einsturz während eines heftigen Unwetters ein Blitz in die Brücke eingeschlagen habe, gab es auch Spekulationen, dass dies bei der Tragödie eine Rolle gespielt haben könnte. Dem widersprach am Dienstagabend in der „ZiB 2“ der Zivilingenieur Prof. Helmut Wenzel, der weltweit bei der Planung, Sanierung und Inspektion großer Bauprojekte tätig ist. „Ein Blitz verursacht einen kleinen lokalen Schaden, den kann man dann lokal reparieren“, sagte er. Trotzdem könnte das Unwetter eine Rolle gespielt haben, so der Experte.

Temperatursturz und Wind als Auslöser?
„Ich war gerade in Italien, es war sehr, sehr heiß und dann ist diese Front hereingekommen, mit minus zehn Grad Temperaturunterschied. Das ist noch die größere Wirkung. Und zudem ein sehr starker Wind“, so Wenzel. In Kombination mit einer schlechten Konstruktion und schlechtem Material - auf Fotos im Internet sei zu sehen, dass der Beton schlechte Qualität gehabt haben müsse - sei es irgendwann zu viel. Wer schlussendlich für das Unglück verantwortlich sei, werde sich aber wohl nie feststellen lassen, weil es immer viele Verantwortliche gebe, so der Ingenieur.

Der frühere Leiter des Instituts für Betonbau an der TU Graz, Lutz Sparowitz, der einen Konstruktions- oder Statikfehler ausschließt, sieht zwei mögliche Ursachen für den Einsturz. Er glaubt, dass es entweder ein Problem mit einem Tragseil der sogenannten Zügelgurtbrücke oder mit dem Fundament des Pfeilers gegeben habe. Man müsse sich die Brücke wie einen stehenden Menschen vorstellen, der die Arme ausbreite. Diese beiden Arme seien durch ein Seil über den Menschen miteinander Verbunden, erläutert er. „Versagt ein Seil, dann bricht das Ganze zusammen.“ Die Arme sind die Brücke. „Bei dieser Brücke ist es so, dass der Mensch alleine dasteht.“ Ein Nachbarpfeiler könne bei einer gewissen Schwäche dieses Pfeilers nicht ausgleichend wirken. „Die Brücke ist statisch bestimmt, es gibt keine Umlagerungsmöglichkeit, sagen wir“, betonte der Experte. „Das würde man heute so nicht mehr bauen.“

Die zweite Möglichkeit betreffe den Pfeiler. Dieser könnte unterwaschen worden sein (zum Zeitpunkt der Katastrophe ging ein heftiges Unwetter über der Brücke nieder, Anm.), dem sprichwörtlichen Menschen mit den ausgebreiteten Armen könnte es damit das Fundament unter den Füßen weggezogen haben, wodurch er bzw. der Brückenpfeiler umgefallen sei, erläutert Sparowitz.

Unglück eine „vorhersehbar Tragödie“?
Die Ingenieurswebseite ingegneri.info nennt das Unglück eine „vorhersehbare Tragödie“ - es habe schon immer „strukturelle Zweifel“ am Bau des Ingenieurs Riccardo Morandi gegeben. Dieser war für seine Brückenbauten, bei denen er eine spezielle Konstruktionsweise mit Spannbeton - also Beton mit gespannten Stahleinlagen - verwendete, berühmt. Schon lange seien allerdings die Probleme dieser Bauart bekannt, kritisierte Antonio Brencich, ein Experte für Betonbau von der Universität Genua.

„Morandi wollte eine Technologie verwenden, die er patentiert hatte und die danach nicht mehr benutzt wurde“, sagte er dem Sender Radio Capitale. Diese Technologie habe „versagt“, so Brencich, der schon vor einigen Jahren Bedenken über das 1,18 Kilometer lange Bauwerk geäußert hatte.

Staatsanwalt glaubt an menschliches Versagen
Der zuständige Staatsanwalt Francesco Cozzi ließ im Gespräch mit dem Sender RaiNews24 erkennen, dass die Ermittler von menschlichem Versagen als Ursache ausgehen. Zum jetzigen Zeitpunkt von einem Unglück zu sprechen, obwohl es sich bei der Brücke um ein „Werk von Menschen“ handle, das Instandhaltungen unterzogen worden sei, „erscheint mir ziemlich gewagt“, sagte Cozzi.

Die italienische Regierung will den Autobahnbetreiber, Autostrade per l‘Italia, zur Rechenschaft ziehen. Verkehrsminister Danilo Toninelli (Bild unten) erklärte am Mittwoch auf Facebook, gegen das private Unternehmen seien Schritte eingeleitet worden, um ihm die Lizenz für die Straße zu entziehen und eine Strafe von bis zu 150 Millionen Euro zu verhängen. Er forderte das Management zum Rücktritt auf. Auch der Chef der Fünf-Sterne-Partei, Vize-Ministerpräsident Luigi Di Maio, machte Autostrade per l‘Italia für die Tragödie in Genua verantwortlich.

Autostrade per l‘Italia wies den Vorwurf von Pflichtverletzungen bei der Überwachung des Bauwerkes umgehend zurück. Man habe die Brücke auf vierteljährlicher Basis entsprechend den gesetzlichen Vorgaben kontrolliert, erklärte das Unternehmen am Mittwoch. Sogar zusätzliche Prüfungen seien vorgenommen worden, unter Nutzung modernster Technologien und der Hinzuziehung eines externen Expertenrates. Das Ergebnis dieser Kontrollen zum Zustand der Brücke sei Basis für ein von der Regierung abgesegnetes Wartungs- und Instandhaltungsprogramm gewesen, heißt es.

 krone.at
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