Do, 20. September 2018

Bald live in Wien

28.05.2018 07:00

Isolation Berlin: In der Wiener Melancholie suhlen

Wenn es um bleierne Schwere und zigarettenstängeverglimmte Alltagsromantik geht, führt seit knapp drei Jahren kein Weg an Isolation Berlin vorbei. Das deutsche Quartett verbindet in seinem Indie-Seelenschmerzpop britische Instrumental- mit deutscher Dichtkunst und trifft damit die Sorgen einer ganzen Generation. Vor seinem nächsten Wien-Gastspiel hat uns Sänger Tobias Bamborschke über Sein und Wesen der „deutschen Wanda“ aufgeklärt.

Langsam wird es eng, am deutschen Hipster-Pop-Firmament. Machten sich dort in den letzten Jahren die deutschen Junggenerationsversteher AnnenMayKantereit breit, gibt es spätestens seit dem Herbst 2015 ernsthafte Konkurrenz aus der Hauptstadt. Mit der Single „Annabelle“ schossen Frontmann Tobias Bamborschke und seine wehmütigen Spießgesellen von Isolation Berlin direkt ins Herz verträumter Großstadt-Melancholiker. „Ich will mit dir spazieren gehen / Zigaretten und Schnaps mitnehmen / dann im Park auf einer Bank / nimmst du plötzlich meine Hand.“ Nach den flachen Allerweltstexten von Andreas Bourani, Adel Tawil und Co. ein ernsthaftes lyrisches Aufbäumen. Der langersehnte Beweis, dass man in der Bundesrepublik auch ohne dürre Baukastenreime für großflächige Aufmerksamkeit sorgen kann.

Länderübergreifende Melancholie
„Und aus den Wolken tropft die Zeit“ nannte sich das Debütalbum folgerichtig. Eine Ansammlung melancholisch bis morbider Texte aus einer alten Seele, gefangen in einem jungen Körper. Die hierzulande getätigten Vergleiche mit dem Pop-Phänomen Wanda kommen nicht von irgendwoher. Schwermut mit viel Lokalkolorit verbindet sich bei beiden Bands mit einer kräftigen Portion weltlicher Desillusionierung, die nicht nur einer zukunftsunsicheren Generation Praktikum aus der weingetränkten Seele spricht. Als Brüder im Geiste sieht Bamborschke seine Band mit Wanda aber nicht, wie er der „Krone“ im Interview erzählt. „Das ist vielleicht doch etwas zu weit gegriffen. Ich gebe aber zu, dass ich Parallelen zwischen uns sehe. Wir auch schon mit ihnen gespielt und uns gut verstanden. Bei beiden Bands geht es um Melancholie und ehrliche Instrumentierung, aber wenn es eines Vergleichs mit Österreich bedarf, sehen wir uns eher beim Nino aus Wien verortet.“

Die Melancholie sieht Bamborschke als kreativen Antrieb. „Ich hatte immer einen Hang zur Schwermut und mir war die melancholische Dichtung wichtig.“ Hermann Hesse und seine eigenwillige Wortwahl hat den Sänger schon sehr früh gepackt und damit selbst in die Welt der Lyrik eingeführt. So war es nur folgerichtig, dass er sich nicht nur als Songtexter, sondern auch als Gedichteschreiber in die deutschen Kulturannalen eintrug. „Mir platzt der Kotzkragen“ lautet der erste und bislang einzig veröffentlichte Gedichtband des Vollblutkünstlers, doch die Kunst der Poesie ist auch ein wichtiger Bestandteil des diesen Februar erschienenen, zweiten Isolation-Berlin-Albums „Vergifte dich“. „In der Kunst kann man Schmerz filtern, wodurch er etwas völlig Befreiendes an sich hat. Der Song ,Melchiors Traum‘ etwa entstand aus einer Rollenarbeit. Melchior ist eine Figur aus dem Theaterstück ,Frühlingserwachen‘, woraus schlussendlich der Song entstand. Es ist ein Irrglaube, dass man jeden Text mit mir selbst in Verbindung setzen kann.“

Schmerz und Schwere
Gemeinhin gilt in der ernsthaften Populärmusik die Prämisse, dass die allerbesten Texte und Songs immer aus einem Schmerz, zumindest aber einer bestimmten Schwere entstehen. „Eine interessante Geschichte entsteht immer aus einem Konflikt, ansonsten ist sie nicht erzählenswert. Zuerst kommt der Instinkt, dann die Analyse, das Sortieren hat da Zeit. Beim Texten hinterfrage ich mich oft selbst, gehe dann von dort weiter und wechsle immer wieder die Perspektive. Ich bin nicht dafür da, Parolen zu schmettern oder jemandem meine Meinung aufzudrücken, viel lieber schreibe ich eine Szene, von der aus sich der Hörer weiterarbeiten kann.“ „Vergifte dich“ ist alles andere als eingängig und zieht den Weg von Isolation Berlin fort. Ob man das Gespielte Indie-Chanson oder Seelenschmerz-Pop nennt, ist sekundär. Das große Licht und ein Happy End wird man beim Quartett jedenfalls nicht finden - das sagt schon eine unzweideutige Nummer wie „Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben“.

„Diese Nummer entstand tatsächlich aus einem tiefen Schmerz, aber bis ein Song wirklich fertig ist, durchlebe ich verschiedenste Phasen. Ich besinge immer eine Vergangenheit oder oft auch eine Person, die ich glaube gewesen zu sein. In der Dichtung, der Musik und der Kunst im Allgemeinen kann man über Dinge sprechen und sie gemeinsam in einem sicheren Rahmen erleben. Für viele Themen ist die Kunst der einzig zulässige Ort und oft ist ein Text für beide Seiten nur sehr schwer zu ertragen.“ Das aktuelle Werk ist dennoch von Vielseitigkeit durchzogen. So klingt etwa „Marie“ zumindest im instrumentalen Sinne lebensbejahend und positiv. „Wir achten schon darauf, dass die Songs in einen Dialog treten und zueinanderpassen. Vor dem eher positiven Song ,Marie’ steht bewusst die Nummer ,Vergeben heißt nicht vergessen‘, wo es grob darum geht, dass man aus seiner Misere nicht mehr rausfindet. Gerade die Zusammensetzung dieses Albums finde ich unheimlich spannend.“

Offen für Komplimente
Dass die Band offenbar perfekt das Lebensgefühl einer ganzen Generation trifft, ist umso verwunderlicher, als das Bamborschke gar kein gebürtiger Berliner ist, sondern erst mit 13 von seiner eigentlichen Heimatstadt Köln in die Metropole zog. “Natürlich gibt es Dinge, die ich heute anders machen würde, aber ich schäme mich für keinen Text von früher. Das größte Kompliment ist immer noch, wenn wir Songs schreiben, die Menschen etwas bedeuten. Vielleicht ändert sich bei mir aber sowieso alles und ich bin in 20 Jahren Gangsta-Rapper“, lacht der im Gespräch ganz und gar nicht schwermütige Sänger. In der Alte-Seelen-Alltagslyrik finden sich auch die deutschen Chef-Melancholiker Element Of Crime wieder, doch Bamborschke ist generell von der dunkleren Seite der Musik infiziert. “Als Gitarrist Max Bauer und ich die Band gründeten haben wir viel Nina Hagen und The Jesus And Mary Chain gehört. Später kamen noch Grauzone, Lou Reed, Velvet Underground und natürlich Element Of Crime dazu. Auch die New Yorker Punkszene und britische Garage-Bands haben uns begeistert. Musikalisch kommen wir eher aus dem Englischsprachigen, textlich aus der deutschsprachigen Gedichtwelt.“

Wer sich bei einer guten Tasse Tee oder einem edlen Glas Rotwein der Schwere von “Vergifte dich“ hingibt, der wird die Band instinktiv aber tatsächlich eher im morbiden Wien als im brodelnden Berlin verorten. Wohl nicht zuletzt auch durch den Song “Serotonin“, der die Textzeile “Mitten in Berlin, träume ich von Wien“ enthält. “Beides sind Künstler- und Musikerstädte. Ich war bislang nur mit der Band in Wien und habe leider noch nicht viel davon gesehen, aber es kommt einfach unheimlich viel von hier und die Stadt hat eine spannende Geschichte. Ich glaube auch tatsächlich, dass wir sehr gut hierher passen. Nicht zuletzt hat das Wienerlied einen sehr großen Einfluss auf mich.“ Dunkler Humor steht schließlich auch den Deutschen gut - wenn er mit dem nötigen Respekt stattfindet.

Live in Wien
Am 2. Juni gibt es die nächste Chance, Isolation Berlin live in Österreich zu sein. Da spielen sie im Zuge des Wiener Donaukanaltreibens ab 18 Uhr an der Strandbar Herrmann, um die poetische Melancholie mit sommerlichen Strandgefühlen zu verbinden. Alle Infos dazu gibt es unter www.donaukanaltreiben.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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