Fr, 14. Dezember 2018

„Krone“-Interview

15.04.2018 06:00

Was war los mit Ihnen, Frau Reiterer?

Am heutigen Sonntag kehrt ORF-Moderatorin Claudia Reiterer (49) nach langer Pause auf den Bildschirm zurück. Mit Conny Bischofberger spricht sie über ihre Krankheit, Momente der Ruhe und ihren „wurlaten“ Kopf.

Völlig entspannt sitzt sie auf der gußeisernen Bank im Garten der verträumten Villa Aurora am Wiener Wilhelminenberg und genießt die Sonnenstrahlen. Sie und ihre beiden Männer wohnen nicht weit von hier. „Da drüben im ehemaligen Stall habe ich Abschied von ,Konkret‘ gefeiert“, erzählt Claudia Reiterer und nimmt einen Schluck von der Hollerlimonade. Sie mag das romantische Ambiente - im Sommer die blühenden Bäume, im Winter den Eislaufplatz. „Und da unten steht ein altes Schiff mitten am Berg!“ Das sei immer auch ein Motto ihrer Arbeit gewesen: Scheinbare Gegensätze in unmittelbaren Bezug zueinander zu stellen.

Acht Wochen lang konnte Reiterer die ORF-Diskussionssendung „Im Zentrum“ nicht moderieren, weil sie nach einem schweren Unfall auch noch mit weiteren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Jetzt strahlen ihre blauen Augen wieder vor Energie und Übermut.

„Krone“: Frau Reiterer, haben Sie schon die Tage gezählt, in denen Sie nicht am Bildschirm waren?
Claudia Reiterer: Nein, aber die Wochen. Es waren genau acht Wochen und acht Sendungen, die ich nicht moderieren konnte.

Was war los mit Ihnen?
Man könnte sagen, ich habe gleich ein paar Mal aufgezeigt. - Lacht. - Erst hatte ich in einem Restaurant am Fuß einer Skipiste in Leogang einen ganz banalen Unfall. Ich bin mit den Skischuhen auf dem nassen Holzboden ausgerutscht, wollte mich an einem Sessel festhalten, der ist natürlich umgekippt und ich habe mir seine scharfe Kante in die Seite gerammt. Brustkorbprellung! Im Spital bekam ich einen Rippengurt und hatte starke Schmerzen. In der Nacht sind die Schmerzen stärker geworden, ich konnte kaum atmen, hatte Schüttelfrost und hohes Fieber. Zur Verletzung kam, im selben Atemzug quasi, eine schwere echte Grippe dazu.

Was ist Ihnen als erstes durch den Kopf gegangen?
Dass ich ausfallen werde. Ich dachte aber nicht, dass es gleich zwei Monate sein würden. Ich war zweimal eine Woche im Spital, dazwischen lag ich zu Hause im Bett und dachte: Welches Thema wäre für die Sendung das Beste, welche Gäste würde ich einladen? Es war schwer, Ruhe zu geben. Ich bin ja so ein Energiebündel … Wenn ich nicht arbeiten und dabei sein kann, werde ich ganz „wurlat“.

Das heißt, der Kopf war „wurlat“ und der Körper müde?
Genau. Aber ich weiß ja aus meiner Zeit als Krankenschwester, wie das ist. Ich habe mich fast zurückversetzt gefühlt in die Zeit, als ich noch auf der Herzchirurgie gearbeitet habe. Da hat die Krankenschwester von früher der Moderatorin von heute gesagt: Jetzt musst du Ruhe geben! Ich habe versucht, die Energie im Kopf zu drosseln und der Schwäche im Körper anzupassen.

Handy aus?
Zumindest habe ich es oft weggelegt. Man merkt erst, wenn man krank ist, wie oft man im Büro aufs Handy schaut. Alle paar Sekunden! Das Gute war, weil ich ja so ein „Tatort“-Fan bin, dass ich am Sonntag „Tatort“, „Anne Will“ und „Im Zentrum“ schauen konnte. Ich habe auch viel gelesen, unter anderem die düstere Vision des Technologiezeitalters „Homo deus“ des israelischen Historikers Noah Harari und über die sieben Weisheiten des Lebens im Buch „Der Mönch, der seinen Ferrari verkaufte“ von Robin Sharma, das ist eine Parabel vom Glück.

Was haben Sie von diesem Mönch mitgenommen?
Dass man seinen Geist als Garten betrachten sollte und dass man selber dafür verantwortlich ist, wie prachtvoll dieser Garten aussieht, was man dort pflanzt und gedeihen lässt und was man nicht im Garten haben will. Das soll jetzt nicht esoterisch klingen, aber ich glaube, weil ich Gärten auch sehr liebe, dass es genau darum geht. Welche Gedanken lasse ich zu? Denn sie bestimmen, wie mein Leben sein wird.

Glauben Sie, dass eine Krankheit dem Menschen etwas sagen will?
Ja, daran glaube ich ganz fest. Vielleicht war es in den vergangenen Jahren manchmal ein bisschen zu viel. Dann sagt der Körper „Stopp!“ und du stolperst … Bei mir dürfte durch die Rippenprellung meine Immunabwehr zusammengebrochen sein, und dann war viel Platz für die Viren, die vorbeigeflogen sind. - Lacht. - Ja, und dann habe ich noch eine Lungenentzündung dazubekommen und noch andere Sachen, aber ich möchte das jetzt nicht alles ausbreiten.

Kommt in diesen Momenten der Ruhe auch der Gedanke, dass man austauschbar ist? Dass es mehr ums Thema geht bei einer Talksendung als um den Moderator oder die Moderatorin?
Gott sei Dank ist man ersetzbar. Jeder ist ersetzbar. Das ist eine wichtige Erkenntnis, wenn man ausfällt. Ich wusste das aber immer schon, da musste ich nicht erst krank werden. Wir haben beim ORF so viele gute Moderatoren und Moderatorinnen, die können das genauso. Und für meinen Sohn war es super, weil die Mama immer zu Hause war, wenn er nach der Schule heimgekommen ist.

Hat Ihnen das auch ein schlechtes Gewissen gemacht?
Nein, weil ich ja sonst auch allen Frauen, die als Kellnerinnen oder Krankenschwestern arbeiten, ein schlechtes Gewissen machen würde. Die meisten Frauen brauchen das Einkommen, um ihr Leben zu finanzieren, und das schlechte Gewissen würde uns daran hindern, die Momente zu genießen, die wir haben mit unseren Kindern.

Am Sonntag geht es „Im Zentrum“ um Syrien, aber oft geht es um innenpolitische Themen. Wie schwer ist es für Sie, Distanz zu allen Parteien zu wahren?
Gar nicht schwer, weil mich wirklich interessiert, wer warum wie denkt und wie er es argumentiert. Mein Interesse macht da keine Unterschiede. Ich glaube auch, dass die Zuseher und Zuseherinnen das spüren.

Wenn Ihr Mann Lothar Lockl - dieses Gerücht gab es ja - Chef der „Grünen“ nach Eva Glawischnig geworden wäre …
Ach so? Davon weiß ich nichts! - Lacht.

… hätten Sie die Sendung dann noch moderieren können?
Die Frage hat sich nicht gestellt. Aber es ist völlig klar, dass nur einer von uns beiden in diesem Bereich tätig sein kann.

Also nein?
Also hätte vielleicht mein Mann es nicht machen dürfen. Es kann ja auch einmal umgekehrt sein. Dass der Mann auf die Frau Rücksicht nehmen muss.

Sie haben 2009 ein Buch über Heinz-Christian Strache geschrieben, der heute Vizekanzler ist. Wie neutral können Sie ihm da gegenüberstehen?
Das Buch, das ich mit Nina Horaczek gemeinsam geschrieben habe, ist ein von allen Seiten - auch von der FPÖ - gelobtes Nachschlagwerk geworden. Es geht um die Geschichte der FPÖ, des BZÖ und die Biografie von Heinz-Christian Strache. Wenn ich zu anderen Gästen deren Biografien lese, geht es am Schluss um mehr Wissen und Information, um gute Fragen zu stellen.

Beneiden Sie manchmal Privatsender, die ein bisschen freier sind bei der Einladungspolitik?
Sie sind nicht freier. Nein, ich beneide sie nicht. Ich finde es super, dass es viele Diskussionssendungen gibt, und versuche, das als Mehrwert zu sehen. Ich hatte aber noch nie das Gefühl, dass die Privaten Leute einladen können, die wir nicht einladen können. Es gibt vielleicht manchmal Leute, die ich auf keinen Fall einladen würde.

Zum Beispiel?
Ich würde niemanden von den Identitären einladen.

Wer sind Ihre Lieblingsmoderatorinnen?
Denkt lange nach. - Maybrit Illner, die schaue ich mir wirklich jede Woche an. Ich mag auch Bettina Böttinger sehr. Und natürlich Ingrid Thurnher auf ORF 3, aber auch Corinna Milborn und Sylvia Saringer.

Waren Sie enttäuscht, dass es mit der „Romy“ nicht geklappt hat?
Überhaupt nicht, ich habe mich so gefreut für Nadja Bernhard.

Kennen Sie etwa gar keine Neidgefühle?
Na sicher! Ich bin neidisch, wenn jemand zehn Kilo weniger hat und essen kann, was er will, und ich brauche nur einen Käse anzuschauen und der ist schon auf der Hüfte oben. Und natürlich bin ich neidisch, nein, ich ärgere mich, wenn eine Kollegin einen Gast hat, den ich auch gerne hätte, oder wenn sie ihn früher bekommt. Ich denke mir dann aber immer, dass diese Leute nicht dem ORF weh tun oder mir, sondern einer halben Million Menschen, die im Schnitt bei uns zuschauen.

Wie gehen Sie mit Lob und Kritik um?
Ich kriege sehr viel Post und ich habe ein paar echte Fans, die mir oft schreiben und auch Fotos schicken oder Zeichnungen. Ganz lieb. Aber natürlich bekomme ich auch Hass-Mails. Deshalb lese ich aus Gründen der seelischen Hygiene 48 Stunden vor und nach einer Sendung nichts auf Social Media. Ich will das Gift nicht in meinen Kopf lassen.

Als Sie letztes Jahr das Angebot bekamen, „Im Zentrum“ zu übernehmen, haben Sie da sofort gewusst: „Ja, das kann ich und das will ich“? Weil Frauen nachgesagt wird, dass sie zu zögerlich sind, und Männern, dass sie sich alles zutrauen.
Ich bin risikofreudiger beim Ja-Sagen geworden, je älter ich wurde. Ich würde mich freuen, wenn das bei unseren weiblichen Gästen auch so wäre. Die meisten Frauen, die wir anrufen, wollen zuerst wissen, worum es geht, und dann erzählen sie uns, warum sie nicht kommen wollen oder nicht kommen können. Die Männer, die wir anrufen, sagen zuerst „Ja“ und dann „Worum geht es?“ Deshalb tun wir uns wirklich schwer, genügend Frauen in die Sendung zu bekommen. Aber ich kämpfe weiter.

Und wie war es bei Ihnen?
Mir wurde keine Sekunde Zeit gegeben, um zu überlegen oder um meinen Mann anzurufen. Frau Zechner meinte, ich müsse sofort „Ja“ oder „Nein“ sagen. Da habe ich „Ja“ gesagt und mir gedacht, „Nein“ kannst du noch immer sagen! - Lacht. - Aber ich glaube, es war ein Test. - Lacht noch mehr.

Wo sehen Sie sich in zwanzig Jahren?
In zwanzig Jahren? Da bin ich ja schon bald siebzig! Ich sehe mich arbeitend. Die Frage ist, wo. Ich habe so viele Interessen. Bücher schreiben, Garten, Architektur. Mit wird bestimmt nicht fad.

Frau Reiterer, Sie sind als Pflegekind aufgewachsen. Inwiefern hat Sie das geprägt?
Das hat mich stark geprägt. Aus dir kann nichts werden! Das musste ich oft hören, weil viele Pflege- und Heimkinder in dieser Zeit Kinder zweiter Klasse waren und so behandelt wurden. Ich habe das umgedreht und zu meinem Motto gemacht. Aus dir kann alles werden! Immer vorausgesetzt, dass man gesund ist und in einem freien Land lebt. Aus dieser Zeit habe ich auch meinen großen Gerechtigkeitssinn mitgenommen, vor allem, wenn es um Kinder geht.

Zur Person: Pflegekind, „Dancing Star“, Mutter 
Geboren am 5. Juli 1968, aufgewachsen als Pflegekind in Sankt Johann in der Haide (Steiermark). Ausbildung zur Krankenschwester. Nach einem medienkundlichen Lehrgang studiert sie Pädagogik (in Kombination mit Psychologie und Sozialmedizin). 1998 kommt Frau Magistra Reiterer zum ORF (Landesstudio Steiermark, „ZiB 1“, „Pressestunde“, „Hohes Haus“, „Report“, „Konkret“), 2009 wird sie „Dancing Star“. Seit Jänner 2017 leitet sie die Diskussionssendung „Im Zentrum“. Verheiratet mit Strategieberater Lothar Lockl, ein Sohn (Julian, 13).

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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