Umjubelte Premiere

"Wiens erste Grätzel-Soap" im neuen Vindobona

Wien
18.10.2009 13:11
Albert Schmidleitner dürfte erleichtert sein: Mit der flott inszenierten ersten von vorerst vier geplanten Folgen der "Jägerstraße", die im Vorfeld als "Wiens erste Grätzel-Soap" beworben worden war, ist dem Betreiber des neuen Vindobona am Samstagabend ein heftig beklatschter Einstandserfolg für sein wiedereröffnetes Haus gelungen.

In mitunter brachial komischen Szenenfolgen karikiert die multikulturelle Besetzung Klischees über "Hiesige und Zuagraaste" - für die die Comedybühne am Wallensteinplatz laut Slogan Programm machen will -, und feiert das pralle Leben im Biotop Nachbarschaft.

Im Mittelpunkt der rund zweieinhalbstündigen Lokalposse aus der Feder von Johannes Glück, der auch Regie führt, steht die Maturantin Aline. Aus gutem Döblinger Hause kommend, bezieht sie ihre erste Wohnung in der titelgebenden Jägerstraße in Brigittenau - jenem Bezirk, in dem im Übrigen auch das Vindobona beheimatet ist. Kaum noch die Umzugskartons in die neue Bleibe geschleppt, macht die junge Frau bereits unfreiwillig Bekanntschaft mit einigen Originalen aus der kunterbunten Grätzel-Bewohnerschaft.

Männlich besetzte Türkinnen-Rolle als Publikumsliebling
Da ist einerseits die eben von der Baumgartner Höhe zurückgekehrte und vor sich hinmonologisierende und -schimpfende Frau Krc, die später noch vom aus Simbabwe stammenden Koks-Nahversorger Henry umgarnt werden wird. Da ist andererseits die aus Sarajevo kommende Svetlana, die im Cafe Srebrenica serviert und sich im "Studio Elysium" mit ihrem goldkettenbehängten und hawaiihemdtragenden Zuhälter sowie zahlungsunwilligen Freiern herumschlagen muss.

Als eindeutiger Publikumsliebling entpuppte sich die männlich besetzte Rolle der türkischen Frau Serduk, die - mit Plastiksäcken, Kopftuch und krächzendem Organ ausgestattet - über die Bühne hinkt und fortwährend mit ihren beiden Töchtern meckert, wobei sich die aufmüpfigere Cennet noch dazu gegen die Zwangsverheiratung mit einem jemenitischen Fleischhauer wehren muss.

Schwule Bauarbeiter und Sliwowitz schmuggelnde Mechaniker
Alines größtes Interesse gilt indes dem jungen Musiker Angelo. Das sich anbahnende Liebesglück wird kurzfristig nur durch Patrick, Mitglied der Burschenschaft "Siegheilia", gedämpft, der seiner Angebeteten im affektierten Schönbrunner-Deutsch von Gelagen auf der "Grinzinger Bude" vorschwärmt, dank seiner Spinnenangst aber schließlich doch die Flucht ergreift.

Schwule Bauarbeiter, Sliwowitz schmuggelnde Mechaniker und grantelnde Sozialfälle ergänzen das üppige Figureninventar, wobei jeder Darsteller in mehrere Rollen schlüpft. Durch die teils starke Überzeichnung der Charaktere werden migrantische Stereotypen mit viel Witz, Charme und - aufgrund der multiethnischen Schauspielerriege - durchaus selbstironisch ad absurdum geführt. Allzu aufgesetzte und altbekannte Kalauer wie im Fall der deutschen Teilzeitaushilfe, die vom türkischen Marktstandler beigebracht bekommt, dass Kartoffel hierzulande Erdäpfel, Blumenkohl Karfiol und Auberginen Melanzani heißen, sind dabei verzeihlich. Der beim Thema Migration oftmals erhobene Zeigefinger wird jedenfalls ausgespart.

"Ein Schock fürs Leben" mit minimalistischem Bühnenbild
Minimalistisch gibt man sich bei der ersten "Jägerstraße"-Folge ("Ein Schock fürs Leben") in Sachen Bühnenbild. Eingespielte Fotografien auf zwei Leinwänden markieren die Schauplätze. Die - nach knapp drei Jahren erstmals wieder bespielte - Bühne ist mit einer Handvoll Requisiten möbliert, wobei die Umbauten vor offenem Vorhang und mit unterlegter Balkanmusik erledigt werden.

Musikalisch wird es auch beim Showdown, nachdem sich alle Figuren selbst in Alines Wohnung eingeladen und dort spontan zur Party gerufen haben: "Mei Grätzel is leiwand, Oida! I stehs ma auf die Jägerstraße", wird die lokale Umgebung noch einmal besungen. Nur Aline muss von den Vorzügen einer großen Nachbarschaftsfamilie noch überzeugt werden. Sie sitzt am Ende weinend auf ihrer Couch und wünscht sich "Mama" zurück. Fortsetzung folgt - ab 9. November mit der zweiten Folge "Sterben Gratis".

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