Mi, 20. Juni 2018

„Krone“-Interview

26.02.2018 07:00

Gaahl: Zwischen Black Metal, Wein und Kunst

Mit Gorgoroth revolutionierte er den norwegischen Black Metal, nach seinem Outing wurde er gleichermaßen angefeindet wie gefeiert und nach einer mehrjährigen Abwesenheit aus dem Metal kehrte er mit unterschiedlichsten Projekten wieder an den Ursprungsort seiner eigenen Legende zurück - Gaahl hat nichts von seiner Faszination eingebüßt. Im Zuge seines letzten Auftritts mit Gaahls Wyrd im Wiener Escape Metalcorner sprach der 42-Jährige mit uns über seine verschiedenen Charaktere, landläufige Missverständnisse und wie sich ein Leben in isolierter Abgeschiedenheit zwischen Metal, Rotwein und bildnerischer Kunst anfühlt.

Kristian Eivind Espedal alias Gaahl gehört zu den schillerndsten Personen der norwegischen Black-Metal-Szene. Wie kaum ein Zweiter schaffte es der 42-Jährige, sich in seiner Rolle als Frontmann bei der legendären Band Gorgoroth selbst zu inszenieren. Der bekennende Satanist, Kunstliebhaber und Rotweintrinker ist eine ambivalente Person mit unterschiedlichen Facetten. Von der viehischen Aggressivität auf der Bühne ist abseits davon nichts zu merken. Im Gespräch begegnet einem ein reflektierter und intelligenter Skandinavier, der lieber Taten als Worte sprechen lässt und sich seiner Rolle in der großen weiten Welt des Extreme Metal bewusst ist.

Die Kunstfigur unterscheidet sich vom Privatmensch Espedal in manchen Bereichen mehr, in anderen weniger. Im Laufe seiner mehr als zwei Dekaden andauernden Karriere als Musiker und Künstler watete der Norweger durch ein Wellental der Emotionen. Insgesamt drei Jahre Haft für verschiedene Delikte stehen ebenso zu Buche, wie ein viel beachtetes, weil in der Black-Metal-Szene nicht übliches Outing als Homosexueller und der temporäre Rückzug von der Musik. Mit seinem Projekt Gaahls Wyrd ist die Szeneikone wieder zurück auf den Bühnen und bald auch im Studio. Wir trafen Gaahl am Rande seines Auftritts im Wiener Escape Metalcorner zum ausführlichen Gespräch, um uns für eine knappe Stunde in sein Leben entführen zu lassen.

"Krone": Gaahl, in einem Interview hast du Gorgoroth als eine aggressive, nach außen gerichtete Band bezeichnet. Das von dir initiierte Nachfolgeprojekt God Seed mehr als spirituell und nach innen gerichtet. Welche Position nimmt nun Gaahls Wyrd ein?
Gaahl:
An dieser Meinung halte ich fest. All diese verschiedenen Projekte sind meine Ko-Produktionen, die ich mit unterschiedlichen Menschen kreierte und die hier jetzt zusammenfließen. Die Songs von Trelldom sind natürlich meines Geistes Kinder, aber die Inspirationen dazu kamen auch aus Proben mit den anderen Projekten. Ich versuche aus diesen drei Projekten eine stringente Linie für Gaahls Wyrd zu erschaffen. Die Ausnahme ist der Song „Incipit Satan“, den ich damals mit dem alten Gorgoroth-Gitarristen Tormentor schrieb. Er sticht auch thematisch aus dem Rest heraus, ist aber ein großartiger Song, der uns gut gelungen ist. (lacht) Es gut einfach gut, diesen Song nach so vielen Jahren immer noch zu spielen.

Wie unterschieden sich all diese musikalischen Facetten von dir zueinander?
Ich mag es, gelangweilt zu sein, aber nicht wenn es um meine kreative Ader geht. Ich mag es zudem nicht, mich zu wiederholen, außer das Thema verlangt es. Ich tendierte schon immer zu verschiedenen Songs und Richtungen und es gibt sehr viele Projekte, die ich niemals veröffentlicht habe und wohl auch nicht veröffentlichen werden. Ich hoffe, dass ich durch diese Vielseitigkeit möglichst viele Energien freisetzen kann.

Für das Songwriting brauchst du Ruhe, Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Würdest du dich im Endeffekt trotzdem als Teamplayer bezeichnen?
Ich bin sogar ein guter Teamplayer, aber erst beim finalen Prozess und nicht davor. Ich habe ein sehr gutes Team, bei dem auch das Vertrauen passt. Ich veröffentliche nichts, wenn ich mir nicht zu 100 Prozent sicher bin, dass es meinen Erwartungen entspricht. Ich glaube, dass es sehr frustrierend ist, mit mir zusammenzuarbeiten, weil niemand die Entwicklung meiner Arbeit sieht. Ich zeige einfach nichts her und lasse mir auch nicht dreinreden. Es hängt aber auch damit zusammen, mit wem ich zusammenarbeite. Mit Einar Selvik von Wardruna kann ich wesentlich enger zusammenarbeiten als mit anderen.Es kommt immer auf die Art von Kommunikation an. Bei Trelldom wussten wir noch nicht, wie wir am besten arbeiten, also entstand einfach alles im Proberaum. Heute sitzen alle nur mehr vor ihren Computern. (lacht) Die Menschen sind einfach viel isolierter. Gaahls Wyrd zu starten hatte mitunter auch den Grund, dass ich wieder zurück wollte zu den alten Wegen, Musik zu erschaffen. Und ich wollte mir in Erinnerung rufen, warum ich überhaupt mit der Musik begann. In gewisser Weise schließe ich damit meinen persönlichen musikalischen Kreis.

Deine Bandkollegen wollten, dass dieses Projekt nur nach dir benannt wird, aber du wolltest dich nicht so sehr in den Fokus stellen. Gaahls Wyrd ist jetzt aber auch nicht die allergrößte Veränderung vom Ursprungsgedanken…
Natürlich wäre die Vermarktung des Projekts unter dem Namen Gaahl noch viel einfacher gewesen, aber das wollte ich nicht. Ich wollte den Namen Gaahl raushaben, aber Gaahls Wyrd war im Endeffekt die Kompromisslösung, mit der alle leben konnten. Ich bin aber in so vielen Bereichen meines Lebens verwurzelt, dass ich mich nicht ausschließlich darüber definiere. (lacht) Ich mag die Idee nicht, den Fokus nur auf mich gelegt zu haben. Alles, was hier passiert, findet sich in der Band und formt sich aus den Persönlichkeiten, die sich in der Band befinden. Es ist keine Ein-Mann-Show, die hier abgezogen wird.

Wie geht es dir damit, dass du seit mittlerweile über mehr als 20 Jahren zu einer der größten Ikonen des norwegischen Black Metal hochstilisiert wirst?
Es ist ein bisschen seltsam, wie die Dinge so passiert sind. Ursprünglich habe ich Gorgoroth damals nur bei einer Tour ausgeholfen und zu all ihren Anfragen nein gesagt. (lacht) Irgendwie blieb ich dann in der Band stecken. Wenn du einmal so tief in einem Projekt bist und so viel Einsatz und Ideenreichtum reinsteckst, dann wirst du quasi von dir selbst gefangen genommen. Es besteht aber immer die Gefahr, dass die Menschen sich an einzelnen Phrasen meiner Interviews festhalten, denn üblicherweise wird alles aus dem Kontext gerissen. Meistens kommt nur etwa ein Prozent eines Themas an die Oberfläche, deshalb gebe ich auch keine schriftlichen Interviews. Es gibt dort kein Gespräch, du kannst auf keine Frage oder Antwort reagieren und das ist sinnlos. Es geht nicht immer nur um die Headlines, die leider sehr oft einen ganzen Menschen in der Öffentlichkeit prägen. Ich habe sehr oft seltsame Leute getroffen, die sich ihre eigene Wahrheit aus irgendwo aufgeschnappten Gerüchten zusammenbauten.

Du hast aber vor allem in deinen frühen Karrierejahren sehr harte, teilweise wirklich fragwürdige Interviews gegeben und ein unfassbar böses Image nach außen getragen. Eigentlich hast du dir deine eigene Legende schon selbst zusammengebaut.
Oh ja, das ist natürlich nicht falsch. Wenn ich als Gorgoroth-Bandmitglied Interviews gab, dann sprach ich auch mit der Zunge von Gorgoroth. Ich habe sehr viele Facetten meiner wahren Persönlichkeit ausgeklammert, weil die Band nur eine Agenda hatte: sehr böse und in gewisser Weise auch engstirnig zu sein.

Du hast also einen Charakter dargestellt, der du gar nicht warst?
Es waren nur ein paar Prozent meiner wahren Persönlichkeit in diesen Gesprächen vorhanden. Die Aggression war aber echt, nur der ganze Hass war sicher etwas aufgeblasen, aber er war nicht gelogen. Man muss diese Dinge nicht immer wiederkäuen, sie wurden hinreichend geklärt. (lacht)

War in diesen Interviews auch Ehrlichkeit, oder ging es da mehr um Selbstvermarktung und das Einnehmen des Bandgedankens?
Ich habe das niemals als Eigenwerbung gesehen, aber in der Umgebung, in der wir uns damals befanden, haben sich viele Dinge verselbstständigt. Es kam immer darauf an, mit wem du gesprochen hast. Manche wollten nur die Headlines, nur wenige wollten wirklich dahinter blicken. Wir haben uns bei Gorgoroth nie ohne Make-Up gezeigt und das Image sehr ernst genommen. Damit haben wir uns natürlich die Aufmerksamkeit der Fans, aber auch der Polizei und vieler Gegner der Band zugezogen. Die Zeiten waren damals anders als heute. (lacht)

Wie würdest du dich heute mit deinem 20-jährigen Ich vergleichen? Ich denke, bei dir und in deiner Gedankenwelt und deinen Ansichten gab es viele Änderungen.
Wir alle entwickeln uns doch stetig weiter. Vielleicht nicht immer zum Besseren, aber es kann nicht darum gehen, stehenzubleiben. Stagnation ist das furchterregendste, das ich mir vorstellen kann.

Alles in allem hast du rund drei Jahre deines Lebens im Gefängnis verbracht als Resultat unterschiedlicher Delikte. Hast du aus dieser Zeit essenzielle Lehren gezogen?
Eine ganze Menge sogar. Ich kann mittlerweile wesentlich besser mit Menschen umgehen. Das Soziale lag mir früher überhaupt nicht. Im Gefängnis bist du zwar die meiste Zeit isoliert, aber doch in einer gezwungenen Umgebung, wo du mit bestimmten Leuten interagieren musst. Es hat sicher eine Menge von Dunkelheit von mir genommen und war im Endeffekt wohl sehr hilfreich.

Hat diese Wesensveränderung auch deinen Zugang zu Musik und Kunst im Allgemeinen verändert?
Möglicherweise, aber wohl eher unterbewusst. Man lernt im Gefängnis sehr viele gute Menschen und Märtyrer kennen, die sehr aufopferungsvoll mit sich selbst umgegangen sind. Es hat ganz sicher die Sichtweise auf mein Leben verändert und meine Malerei entscheidend beeinflusst. Ich bin hauptsächlich von den Dingen beeinflusst, die mir die Menschen nicht sagen, die man quasi unter der Oberfläche findet. Da gibt es sehr viel zu entdecken und sehr viele Menschen im Gefängnis haben mich dort direkt inspiriert, ohne dass sie es heute wissen. (lacht) Es geht stark darum, was ich in gewissen Situationen sehen würde und nicht, was ich direkt sehe. Meine besten Zeichnungen fangen genau diese Beobachtungen ein, die mir das Gegenüber nicht vermitteln will. Ich bin wohl ein nach innen gekehrter Expressionist. (lacht)

Musik zu kreieren, auf der Bühne zu stehen und Bilder zu malen sind völlig unterschiedliche Formen künstlerischen Ausdrucks. Wie passt das bei dir alles zusammen und hast du eine gewisse Präferenz für eine Kunstform entwickelt?
Es gibt keine Präferenz für etwas Wichtigeres oder weniger Wichtiges. Alles hat dieselbe Bedeutung und fordert denselben Einsatz von mir. Ich forciere keine Art der Kunst. Die Musik als auch die Malerei sagt mir, wann ich etwas zu tun habe – das passiert ohne Zwang und mein aktives Zutun.

Viele Musiker müssen aber einen gewissen Druck verspüren, zu ihrer Kreativität gezwungen werden. Kannst du das für dich völlig ausschließen?
Möglicherweise am Ende, wenn es um das Finalisieren eines Produkts geht. Wenn nur mehr der Mix fehlt, dann gibt es noch so viele offene Fragen, dass du an einem gewissen Tag einfach einmal entscheiden müssen. Das muss dir dann einfach jemand sagen, aber ich würde das nicht aushalten. Deshalb finalisiere ich all meine Projekte, bevor mir das jemand sagen kann. Ich will die Entscheidungsgewalt darüber haben, wann etwas zu Ende ist oder wann nicht. Es ist immer sehr leicht, zu viel zu wollen, dann ruinierst du meist den gesamten Prozess. (lacht)

Relativ schnell nach deinem Outing im Jahr 2008 hast du dem Metal für einige Zeit den Rücken gekehrt. Woran lag das? Hattest du die Nase voll von der ganzen Szene?
Ich war zumindest sechs Jahre völlig weg vom Fenster, aber die Passion dafür hat mich nicht in Frieden gelassen und es ging 2015 wieder los. Ich liebe diese Ausdrucksform immer noch, aber nicht immer alles, was damit mitschwingt. Wenn dir aber die innere Stimme sagt, dass du einmal aufhören musst, dann höre lieber darauf. Nach meinem Outing hat sich die gesamte Medienlandschaft auf mich fokussiert und ich bin nicht gut darin, Schlagzeilen zu liefern. Ich bevorzuge es, gemütlich bei einem Glas Rotwein in einer Weinbar zu sitzen und mich in Ruhe darüber zu unterhalten, als über alles andere. (lacht) Mir war es schon nach dem Vorfall in Polen 2004 zu viel. (Anm: Gorgoroth hatten auf der Bühne Schafsköpfe, gekreuzigte Nacktmodelle, satanische Symbole und etwa 80 Liter Schafsblut und geriet mit den dortigen Gesetzen in Konflikt. Am Ende wurde die Band von allen Vorwürfen freigesprochen, aber das Konzertlivematerial wurde von der Polizei konfisziert und die Band flog von der Tour.) Anstatt einer guten Zusammenarbeit ging damals alles eher immer mehr auseinander.

Hattest du in dieser metalfreien Zeit auchden  Gedanken, dass du es vielleicht bereust, jemals mit Corpsepaint auf die Bühne gegangen und ein Teil Gorgoroths gewesen zu sein?
Eigentlich nicht. Ich bin sehr selbstsicher und zufrieden mit dem Weg, den mir das Schicksal bereitgestellt hat. Jeder hat selbst die Kraft, seine Richtungen zu wählen und zu entscheiden, was er in seinem Leben macht. Das gilt natürlich auch für mich. Es gibt keine Entscheidung, die ich nicht aus bestimmten Gründen getroffen habe.

Kurz vor deinem temporären Ende mit dem Metal warst du noch für drei Monate in Spanien, um an Songs für das damals noch nicht existente God-Seed-Projekt zu schreiben.
Das war so beabsichtigt, aber auch um dem ganzen Trubel zu entkommen. Nicht nur meine Heimatstadt Bergen ist viel zu klein gewesen, auch Norwegen selbst schnürte mir den Hals zu. Ich musste einfach ausbrechen, um wieder zu klaren Gedanken zu kommen. Ich war mit meinem Freund in einem Naturreservat und konnte Abstand von allen Dingen gewinnen. Es war notwendig, aber wenn du von der norwegischen Westküste stammst, dann hältst du es dort nicht lange aus. (lacht) Es gibt keine Jahreszeiten und das Wetter war immer sonnig und nahezu unverändert. In Spanien gibt es Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge präzise wie bei einem Uhrwerk, das ist nicht sonderlich inspirierend. (lacht)

Warum genau Spanien und nicht irgendein anderes Land?
Das hatte keinen bestimmten Grund. Der Gitarrentechniker, der damals immer mit Gorgoroth auf Tour war, hatte dort ein Haus. Er war nicht da und wir haben in dieser Zeit auf sein Haus aufgepasst und alles in Ordnung gehalten. Es war ein reiner Zufall, der aber zu dieser Zeit sehr angenehm war. (lacht)

Wenn du auf der Bühne stehst, mit dem Corpsepaint auf deinem Gesicht und verschiedenste Songs aus deiner langen Schaffensphase rezitierend, wie viel von dieser Person da oben ist Gaahl und wie viel Kristian Espedal, der Mann hinter der Maskerade?
Es sind 100 Prozent Gaahl und 99 Prozent Kristian und ein Prozent lasse ich backstage, damit ich dort wirklich zu mir zurückkehren kann. (lacht) Ich versuche wirklich so gut wie möglich, die Dinge fließen zu lassen und mir zu erlauben, mich in kein Korsett zu zwängen. Wir wechseln auch die Setlist Abend für Abend, wodurch keine Routine eintreten kann. Man muss also immer fokussiert sein, was als nächstes passiert und welcher Song als nächster kommt. Es hält die Spannung aufrecht. Manchmal ist es sehr schwierig, auf der Bühne authentisch zu sein, an anderen Tagen bist du innerhalb von Sekunden im Flow. Ich glaube mit dieser Problematik kann sich aber jeder Mensch in jedem Job auf seine Weise identifizieren.

Wo liegen denn die größten Unterschiede zwischen der Bühnenpersönlichkeit und dem echten Menschen dahinter?
Die Musik und die Texte sind da natürlich hilfreich. Ich kann nicht einfach ungeschminkt auf die Bühne gehen, das wäre unmöglich. Die Songs fangen mich und meine Persönlichkeit in einem gewissen Moment ein und ich versetze mich dadurch selbst in einen bestimmten Zustand der Erinnerung. Es ist leider nicht immer leicht und vor allem am Ende meiner Gorgoroth-Zeit konnte ich das fast nicht mehr machen. Wir haben über Jahre hinweg immer dieselben Songs gespielt, kaum variiert und es fiel mehr schwer, authentisch und echt zu sein. Das war auch ein Mitgrund, warum ich für sechs Jahre aus dem Geschäft verschwunden bin. (lacht)

Hast du nach einer Show bestimmte Rituale oder Dogmen, die du brauchst, um aus dieser Form von Persönlichkeit und Charakter rauszuwachsen?
Es kommt auf so viele Dinge an. Wie zufrieden bin ich mit dem Auftritt, wie ist die Location, wie war der Kontakt zum Publikum? Üblicherweise ist es in erster Linie wichtig, die Stimme danach zu schonen, damit ich auf Tour auch am nächsten Tag noch singen kann. (lacht) Es gibt keine bestimmten Rituale, aber wichtig ist eben, die Songs zu variieren und prinzipiell die Spannung aufrechtzuerhalten. Das erhöht die Qualität von Konzerten.

Speziell in Norwegen warst du schon ein Celebrity und auf Magazincovers zu sehen. Wie bist du damit umgegangen, als du das erste Mal gemerkt hast, viele Menschen interessieren sich mehr für die Person als für die Kunst, die dahintersteckt?
Am Wichtigsten war immer, dass ich an einem fantastischen Platz am Land lebe, stundenlang von Bergen entfernt, wo Menschen für gewöhnlich nicht hinkommen. (lacht) Ich verbringe sehr viel Zeit dort und es ist eine gute Fluchtmöglichkeit. Ich folge den Artikeln im Internet nicht wirklich. Ich weiß, dass es all diese Geschichten über mich gibt, aber sie würden mich nur verwirren und meine Kreativität stören. Ich erlaube mir also, aus dieser Welt auszubrechen.

Fühlst du dich unwohl, wenn du auf Tour oft wochenlang in großen Städten unterwegs bist und eigentlich viel lieber deine Ruhe am Land genießt?
Das kann sehr ärgerlich und anstrengend sein. Ich trinke auf Tour auch nichts, außer an freien Tagen vielleicht ein paar Gläser Wein, aber nicht vor und nach der Show. Das muss schon ein sehr interessanter Wein sein, den ich dafür probieren müsste. (lacht) Viele meiner Kollegen haben die Tendenz, sich volllaufen zu lassen und große Partys zu feiern und das kann für jemanden, der lieber seine Ruhe haben will, extrem belästigend sein.

Damit führst du mich zur nächsten Frage – wie tourt eine so nachdenkliche und ruhige Person wie du? Vor allem auf Festivals, wo sich umso mehr feierwütige Musiker in kleinen Backstageräumen versammeln?
Es ist nicht immer leicht, aber ich versetze mich so gut wie möglich in eine Stimmung voller Ruhe und innerer Ausgeglichenheit. Es fordert aber viel Energie, aus dieser Partyblase auszubrechen und fokussiert zu bleiben. Auf der Bühne zu stehen und die Songs zu performen ist in gewisser Weise wie ein Boxkampf. Du kannst dort sehr viel Energie rauslassen und die Livekonzerte sind wahrscheinlich der Hauptgrund dafür, dass ich diese Musik mache.

Wählst du selbst sehr vorsichtig, mit welchen Bands und Musikern du reist und dich umgibst? Dass du eben bewusst solche wählst, die dir nicht nur ideologisch nahe stehen, sondern auch nicht auf Party aus sind?
Manchmal wirst du vor vollendete Tatsachen gestellt, da kannst du es dir nicht richten, aber wir waren letzten Herbst mit Audn aus Island unterwegs und das sind wirklich fantastische Leute. Ich habe sie erst ein paar Monate davor bei der Hochzeit eines sehr guten Freundes kennengelernt. Ich habe mich mit dem Gitarristen Adalsteinn unterhalten und dann beschlossen, mir ihre Musik anzuhören. Der Sänger ist unglaublich vielseitig und einzigartig. Drei Monate später waren wir schon auf Tour, weil sie mich fragten, ob wir zusammen fahren könnten. Die Tour mit ihnen war wirklich fantastisch und hat einiges extrem erleichtert. Bei der letzten Show, beim Eindhoven Metal Meeting im Dezember, hatte ich endlich auch Zeit, mir sie anzusehen, weil sie das Festival als letzte Band beschlossen. Sie haben einen großartigen Job hingelegt. Ich bin froh, dass sie endlich einen guten Sound hatten und von den Leuten gefeiert wurden – es war absolut verdient. Ihre Tour entwickelte sich von extremem Chaos hin zu einem fantastischen Ende.

Als der Weinliebhaber, der du offenkundig bist, würde es dich nicht interessieren, in das Weingeschäft einzusteigen? So wie es etwa Satyricon-Sänger Sigurd Wongraven schon seit Jahren macht?
Das haben mich schon viele Leute gefragt, auch Weinproduzenten. Aber es ist dasselbe, wie wenn ein Weinproduzent zu mir kommt und mir sagt, dass er meine Musik mag und ich ihm dann den Ratschlag geben würde, er solle das einfach tun. (lacht) Es ist verdammt viel Arbeit und in Norwegen ist das auch gar nicht so leicht wie woanders.

Oder fürchtest du auch, dass du die Passion dafür verlieren würdest, weil aus einem geliebten Hobby ein Job werden würde?
Das ist kein unwichtiger Mitgrund. Vielleicht würde ich auch nur mehr meine eigenen Weine trinken und überhaupt keine anderen. (lacht) Vielleicht kann ich mit Zeichnungen für Produkte helfen, aber anders sehe ich mich nicht in dieser Welt. Sigurds Rotwein wird hauptsächlich von Luca Roagna gemacht und die beiden sind in alle Schritte des Weinbaus eingebunden. Er hat großes Talent dafür und macht das verdammt gut. Es gibt so viel guten Wein auf dieser Welt – ich bin mir sicher niemand braucht einen weiteren, der diesen Ruf mit seinem Wein zerstört. (lacht) Schauen wir einmal – vielleicht kann ich guten Freunden aus dem Weingeschäft helfen. Das wäre wohl sinnvoller, als etwas ganz Neues zu starten.

Es gibt ja das bekannte Vorurteil, dass kreative Menschen ganz schlecht in wirtschaftlichen Belangen sind. Ist das bei dir auch so?
Absolut, ich bin ganz furchtbar darin. Ich war schon immer bei den eher armen Typen. (lacht) Üblicherweise haue ich mein ganzes Geld für guten Wein und Kunst auf den Putz. Ich habe alles was ich brauche, führe ein wirklich gutes Leben, auch wenn mein Konto die meiste Zeit leer ist. (lacht)

Du bist auch Kunstsammler? Welche Art von Kunst ist in deinem Besitz?
Die letzten Jahre habe ich etwas nachgelassen, den letzten Kauf habe ich vor ca. einem Jahr getätigt. Ich glaube, ich lüge wohl etwas, denn so viel besitze ich leider auch nicht. (lacht) Das letzte Bild habe ich einem talentierten Freund von mir abgekauft – eigentlich über einen weiteren Freund, der das Geschäft ausmachte. Es war nicht ausschließlich nur der Kunst wegen, sondern auch weil ich ihn finanziell unterstützen wollte. Ich wusste, dass er das Bild nie verkaufen wollte, obwohl er in Geldnöten steckte, also mussten wir etwas tricksen. Ich weiß, dass alles gut ist und ich habe mittlerweile alle Bilder, die er nie verkaufen wollte. (lacht) Er war übrigens Schlagzeuger auf dem Gorgoroth-Album „Incipit Satan“. Erlend Erichsen, ein Autor, der auch malt und Musiker ist. Er ist einer meiner zwei besten Freunde und ich kenne ihn sicher schon mehr als 20 Jahre.

In dem harten und umkämpften Musikgeschäft ist es nicht immer leicht, wirklich gute Freunde zu haben…
Ja, das ist absolut richtig. Ich kann es gar nicht genug schätzen, einen kleinen Kern ehrlicher und guter Freunde um mich zu haben. Sie sagen dir manchmal auch harte Dinge, aber sie sind ehrlich und das ist wichtig. Es ist nicht einfach, mein Vertrauen zu gewinnen. Paranoia ist etwas ganz Normales in Norwegen. (lacht) Sie hält uns aber wachsam.

Gibt es ein bestimmtes Kunstwerk, dass du, egal ob für dich leistbar oder nicht, unbedingt gerne dein Eigen nennen würdest?
Nicht, weil es mich besonders anspricht, aber weil es einfach wunderschön ist würde ich sagen „øye i øye“ von Edvard Munch. Es strahlt gleichzeitig eine gewisse Ruhe und auch Schüchternheit aus.

Was bedeutet dir Black Metal heute?
Ich kann dir das wirklich nicht genau sagen, denn ich höre zuhause absolut keine Musik. Ganz selten lege ich mal etwas auf. Natürlich gibt es gute Alben, aber ich habe den Anschluss verloren und höre mir aus verschiedenen Gründen so gut wie keine neue Musik an – wenn, dann erklingt es irgendwo im Hintergrund. Ich bin der Falsche wenn es darum geht, YouTube einzuschalten.

Wird es mit Gaahls Wyrd auch ein Album mit selbstgeschriebenen Songs geben?
Ja, wir haben schon sehr viel Material und wollten das alles im September aufnehmen, aber konnten den Zeitplan nicht halten. Ich bin aber sehr stark darauf fokussiert. Wir arbeiten derzeit nicht mit einem Label, wollen aber ins Studio und endlich loslegen. Wir werden bald ein paar Songs präsentieren, bevor wir das Album herausbringen. Auch, um uns und die Band einmal zu präsentieren. Wir haben von unserer ersten Show in Bergen 2015 eine Live-EP veröffentlicht, aber es wird bald wirklich neues Material geben. Ich glaube, wir werden das Album selbst veröffentlichen, bevor wir es anderen erlauben, ihre Finger daran zu legen. Vielleicht wird es auch eine Art Demo-Album.

Gibt es irgendeinen Ratschlag, den du dir mit dem Wissen von heute für deine jugendliche Sturm-und-Drang-Phase geben würdest?
Ja, sei einfach du selbst und ich das habe ich immer beherzigt und mache ich immer noch. (lacht) Alles in meinem Leben passt sehr gut.

 

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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