Sa, 23. Juni 2018

Türkei verlassen

16.02.2018 23:12

Nach Jahr in Haft: Deniz Yücel wieder in Berlin

Nach einem Jahr in türkischer Haft ist der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel wieder in Deutschland! Der deutsch-türkische Journalist war nur Stunden zuvor aus dem Gefängnis Silivri bei Istanbul entlassen worden und reiste umgehend aus der Türkei aus. Die deutsche Regierung reagierte erleichtet auf die Freilassung des 44-Jährigen, dessen Haft zu einer diplomatischen Eiszeit zwischen Berlin und Ankara geführt hatte.

Yücels Anwalt Veysel Ok veröffentlichte am Nachmittag auf Twitter ein Foto, das den deutsch-türkischen Journalisten in Freiheit zeigt. 

Die deutsche Regierung bestätigte die Freilassung, die ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Beziehungen sei. Außenminister Sigmar Gabriel erklärte: "Das ist ein guter Tag für uns alle." Er danke der Regierung in Ankara für die Unterstützung bei der Beschleunigung des Verfahrens.

Yücel verließ noch am Freitagabend die Türkei und flog nach Berlin
Noch am Freitagabend verließ Yücel die Türkei. Wie ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP in Istanbul berichtete, hob ein Flugzeug mit dem "Welt"-Korrespondenten an Bord am Atatürk-Flughafen ab. Kurz nach 22 Uhr landete die Maschine in Berlin-Tegel.

In Flörsheim, wo Yücels Eltern und seine Schwester leben, gab es eine spontane Freuden-Demonstration und einen Autokorso.

Yücel: "Weiß nicht, warum ich heute freigelassen wurde"
Yücel selbst meldete sich in einer Twitter-Botschaft zu Wort: "Ich weiß immer noch nicht, warum ich vor einem Jahr verhaftet wurde, genauer, warum ich vor einem Jahr als Geisel genommen wurde - und ich weiß auch nicht, warum ich heute freigelassen wurde." Eine Anklage habe er immer noch nicht. "Natürlich freue ich mich, aber es bleibt etwas Bitteres zurück. So wie meine Verhaftung nichts mit Recht und Gesetz und Rechtsstaatlichkeit zu tun hatte, hat auch meine Freilassung nichts mit alledem zu tun", sagte der 44-Jährige sichtlich bewegt in dem Statement.

Anklageschrift eingereicht
Yücel hatte sich am 14. Februar 2017 freiwillig der Polizei in Istanbul zur Befragung gestellt und war daraufhin in U-Haft genommen worden. Erst am Freitag reichte die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift ein. Sie fordert zwischen vier und 18 Jahren Haft wegen "Volksverhetzung" und "Terrorpropaganda". Das Gericht nahm die Anklage an, ordnete für die Dauer des Prozesses aber Yücels Freilassung an.

Nach Angaben der "Welt" wurde keine Ausreisesperre verhängt. Der sichtbar erschöpfte Journalist kehrte nach seiner Freilassung zunächst in seine Wohnung im Istanbuler Stadtteil Besiktas zurück. Begleitet wurde er von seiner Frau Dilek Mayatürk.

Dank der Kanzlerin an "alle, die sich für Freilassung eingesetzt haben"
Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich erfreut: "Ich freue mich natürlich für ihn, ich freue mich für seine Frau und die Familie, die ja ein sehr sehr schwieriges Jahr der Trennung aushalten musste", sagte sie in Berlin. Die Kanzlerin, die erst am Donnerstag den türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim empfangen hatte, dankte Außenminister Gabriel und "allen, die sich dafür eingesetzt haben", dass Yücel freigekommen sei.

Die Freilassung Yücels dürfte zu einer Entspannung der deutsch-türkischen Beziehungen führen. Allerdings sitzen nach wie vor fünf Deutsche nach Einschätzung des Auswärtigen Amtes aus politischen Gründen in der Türkei in Haft. Gabriel äußerte die Hoffnung, dass auch sie freikommen könnten.

Sechs Journalisten wegen Putschversuch zu lebenslanger Haft verurteilt
Während Yücel am Freitag das Gefängnis verlassen konnte, befand ein Istanbuler Gericht die renommierten Journalisten Mehmet und Ahmet Altan sowie Nazli Ilicak der Beteiligung am Putschversuch von Juli 2016 schuldig und verurteilte sie zu lebenslanger Haft. "Diese Urteile verhöhnen rechtsstaatliche Prinzipien und die Europäische Menschenrechtskonvention", kritisierte Amnesty International. Die Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen zeigte sich "entsetzt über das harte Urteil". Auch drei weitere Angeklagte wurden am Freitag verurteilt.

 krone.at
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