08.08.2009 17:36 |

Beten statt U2-Show

Massentaufe beim Kongress der Zeugen Jehovas

"Ab ins kühle Nass!", hat es am Samstag für mehr als 200 Gläubige im Wiener Ernst-Happel-Stadion geheißen. Doch nicht der körperlichen Erfrischung wegen: Sie haben sich beim internationalen Kongress der Zeugen Jehovas taufen lassen. Die Täuflinge wurden dabei in eigens im Stadion aufgestellten Swimmingpools komplett untergetaucht. Die schlichte Zeremonie dauerte etwa eine Stunde (siehe Video). "Krone"-Reporterin Doris Vettermann besuchte den Kongress der Zeugen Jehovas im Praterstadion, wo am Samstag auch die Rockband U2 spielen wollte.

So ruhige Zeiten erlebt das Wiener Happel-Stadion wohl selten – andächtig sitzen 40.000 Menschen still auf ihren Plätzen und lauschen einem Vortrag. Kein Gejohle, kein Gekreische, keine Beifallsstürme, dort wo normalerweise Fußballspiele oder Konzerte die Massen begeistern. Der Enthusiasmus ist dieser Tage aber nicht geringer, er zeigt sich eben nur anders.

U2 wollten Stadion-Konzert geben
20.000 Zeugen Jehovas und noch einmal so viele Gleichgesinnte aus den verschiedensten Ländern halten hier seit Donnerstag einen riesigen  Bibelkongress ab. Und sie haben damit etwas geschafft, was nicht vielen gelingt: Sie haben U2 verdrängt. Denn die irischen Superstars wollten ausgerechnet an diesem Wochenende ihr einziges Österreich-Konzert geben – doch die Zeugen Jehovas waren schneller und hatten das Stadion bereits reserviert. "Wir haben alle U2-Fans, die nun kein Konzert ihrer Lieblingsband erleben können, eingeladen, zu unserem Kongress ins Stadion zu kommen. Wir singen ja auch", meint Bernd Gsell von den Zeugen Jehovas.

Primär allerdings geht es beim Kongress aber ums Beten sowie um die in – je nach Sektor – mehrere Sprachen übersetzten Vorträge. Am Sonntag heißt es zum Abschluss der Veranstaltung: "Wie kann man das Ende der Welt überleben?" Bereits mehrmals sagten die Zeugen Jehovas den Weltuntergang voraus. Nachdem aber doch nie etwas daraus geworden ist, sind sie mittlerweile vorsichtiger geworden und legen sich nicht mehr auf ein bestimmtes Datum fest. "Wir sprechen von einer Wende, das Konzept dazu ist in der Bibel festgehalten. Dafür ist es erforderlich, an Christus zu glauben und beständig zu wachen. Wenn alle Menschen Zeugen Jehovas wären, hätten wir eine bessere Welt", so Gsell.

Gegen Homosexualität und Bluttransfusionen
Die Religion ist der Mittelpunkt des Lebens jedes Zeugen Jehovas, dementsprechend werden auch Ehepartner und Freunde hauptsächlich innerhalb der Glaubensgemeinschaft gesucht. Homosexualität gilt  als unnatürlich. "Ganz sicher" sei unter den 40.000 im Stadion kein einziger Homosexueller, so wie übrigens auch "bestimmt kein Raucher".

Für heftige Diskussionen sorgt immer wieder die Ablehnung von Bluttransfusionen. Gsell: "Es ist unser Patientenrecht, nein zu sagen. Blut ist heilig. Jesus ist gestorben, und sein Blut reinigt symbolisch die Sünden der Menschen. Deshalb verwenden wir es nicht." Schon öfter wurde Eltern im Ernstfall aus diesem Grund das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen, heute gibt es beschwichtigendere Töne: Man versuche, "gemeinsam mit dem Arzt einen Konsens zu finden".

"Unser Widersacher, der Teufel, geht um"
Samstagmittag werden kämpferische Töne laut: Die Ansprache vor der Massentaufe warnt die Gläubigen vor Satan, "dem brüllenden Löwen", dem es zu widerstehen gilt. Der Teufel gehe um und sei verärgert, weil ihm so viele entsagen. Fest halten die Zuhörer ihre Bibel in der Hand, lesen immer wieder nach und beten schließlich mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen. Dann ist es soweit: Mehr als hundert Gläubige werden in zwei großen Becken untergetaucht und somit getauft.

Auch nach der Taufe gilt es für die Zeugen Jehovas, nach ihren strengen moralischen Regeln zu leben. Hannes Weinberger: "Wer sich danebenbenimmt, wird als letzte Konsequenz aus der Gemeinde entfernt. Und dann wird natürlich auch der Kontakt gemieden, denn die Gesinnung soll ja nicht überspringen."

von Doris Vettermann, KronenZeitung, und krone.at

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