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24.05.2017 - 19:15
Le Pens Kopf auf der zentralen Figur des Gemäldes "Die Freiheit führt das Volk" der Julirevolution
Foto: thinkstockphotos.de, krone.at-grafik

Jetzt zieht Le Pen in ihre Entscheidungsschlacht

07.05.2017, 08:00

Es ist in Frankreich doch noch sehr spannend geworden. Schließlich stünden das Land und ganz Europa kopf, würde morgen eine Frau Präsidentin Marine Le Pen die traditionelle Republikfeier zur deutschen Kapitulation 1945 dominieren. Eine Überraschung ist noch immer möglich. Die Rechtspopulistin legte eine leidenschaftliche Aufholjagd hin und zieht nun in ihre finale Schlacht. Ihr linksliberaler Konkurrent Emmanuel Macron, der sich einen Tag vor der Wahl mit einem "massiven, koordinierten" Hacker- Angriff herumschlagen musste , liegt Umfragen zufolge allerdings klar voran.

Am Freitag, dem letzten Tag eines turbulenten Wahlkampfs, lag Macron 24 Prozentpunkte vor der Kandidatin des Front National.  Unsicherheiten birgt allerdings die Wahlbeteiligung. Meinungsforschern zufolge könnte diesmal ein Viertel der Wähler den Urnen fernbleiben - das wäre der zweithöchste Wert seit 1965. Mindestens 15 Prozent der rund 47 Millionen Wahlberechtigten sind noch unentschlossen. Doch: Jeder Nichtwähler erhöht in der Stichwahl die Prozentzahl von Le Pen.

Video: Macron knapp vor Le Pen in Präsidenten- Stichwahl

Video: AFP

Wen wählen die Melenchon- Wähler diesmal?

Zünglein an der Waage könnten deshalb die im ersten Durchgang  19 Prozent ausmachenden Wähler des ultralinken Jean- Luc Melenchon sein. Zwischen der Rechtspopulistin Le Pen und dem Linkspopulisten Melenchon gibt es erstaunliche Gemeinsamkeiten: Auch Melenchon ist "gegen das System", gegen Euro und EU, gegen die Bankenwelt. Auch er wettert gegen den kalten Ultraliberalismus, den er auch Macron unterstellt. Also kann es Melenchon- Wählern gar nicht schwerfallen, zu Le Pen zu wechseln. Oder sie bleiben zu Hause. Aber sie werden kaum Macron wählen.

Diesen Zwang zur Entscheidung zwischen zwei Kandidaten hatte General Charles de Gaulle bei der Gründung der Fünften Republik "erfunden", um es Extremisten so schwer wie möglich zu machen. Damals sollte die mächtige Kommunistische Partei von der Macht ferngehalten werden. Die KP zerschellte an der Erfolglosigkeit, und ihre Wähler wechselten ohne Zögern zur anderen Anti- System- Partei, der von Le- Pen- Vater gegründeten Nationalen Front.

Frankreich wählt: Emmanuel Macron oder Marine Le Pen
Foto: AFP

Macron vielen zu unerfahren, Le Pen zu extremistisch

Zurück zur Schicksalswahl 2017: Auch viele Bürgerliche stehen ratlos vor der Stichwahl und fühlen sich politisch heimatlos. Ihr Kandidat Francois Fillon war in Skandalen untergegangen, Macron ist ihnen zu jung, zu unterfahren und viel zu links, Marine Le Pen ist ihnen zu extremistisch.  Werden also auch sie zu Hause bleiben?

Eine niedrige Wahlbeteiligung sagt noch lange nichts aus über Politikmüdigkeit. Wer hitzige französische Demokratie erleben möchte, konnte das am Mittwochabend im großen TV- Duell sehen. In dieser TV- Schlammschlacht stellten beide Präsidentschaftskandidaten die Franzosen vor die Wahl einer Richtungsentscheidung zwischen zwei Weltanschauungen. 

Le Pen und Macron trafen einander beim einzigen TV-Duell im Wahlkampf.
Foto: AFP

Die Hälfte der Franzosen hat Vorbehalte gegen EU

Umfragen zeigen immer wieder: Die Hälfte der Franzosen ist EU- feindlich oder zumindest -skeptisch. Im ersten Wahlgang hatten 40 Prozent für die beiden EU- Gegner Le Pen und Melenchon votiert. Ob beim Streitthema EU, dem Verhältnis zu Deutschland oder dem Kampf gegen den Terrorismus: Die Positionen von Le Pen und dem Sozialliberalen Macron könnten gegensätzlicher nicht sein.

Was steht auf dem Spiel? Macron und Le Pen haben komplett unterschiedliche Weltbilder. Ex- Wirtschaftsminister Macron will die Franzosen von Europa und der Globalisierung profitieren lassen. Le Pen setzt hingegen auf Abschottung und einen staatlichen Schutz der Wirtschaft, um das Land wieder in Schwung zu bringen. Auch von Europa und dem Euro will die 48- Jährige sich lösen, um Frankreich wieder groß und mächtig zu machen. Zu Macron sagte sie: "Das Frankreich, das Sie verteidigen, das ist nicht Frankreich, das ist ein Börsensaal."

Le Pen bei einer Kundgebung am 1. Mai
Foto: Associated Press

Und sie stritten immer wieder über Deutschland. Le Pen nutzt das gute Verhältnis Macrons zu Deutschland, um ihn anzugreifen. Sie wirft ihrem Gegner vor, sich Berlin unterwerfen zu wollen. Frankreich müsse seine Unabhängigkeit wiederfinden, lautet ihr Credo.

Le Pen wies später Kritik an ihrem aggressiven Auftreten in diesem einzigen TV- Duell mit Macron zurück. Sie habe nur "die Wut der stillen Mehrheit ausgedrückt", was "das System weder sehen noch hören will". "Meine Worte waren nur das Echo der sozialen Gewalt, die in diesem Land explodieren wird", sagte sie.

Ein Großteil von Macrons Wählern erklärte in einer Umfrage des Cevipof- Zentrums, nur mangels Alternative für ihn zu stimmen. Und 29 Prozent der Franzosen wünschen sich weder einen Sieg Le Pens noch Macrons. Begeisterung sieht anders aus.

Emmanuel Macron
Foto: AFP

46 Prozent der Katholiken wollen Le Pen wählen

Die katholischen Bischöfe haben im Gegensatz zu Vertretern anderer religiöser Gruppen wie Juden und Muslimen nicht zur Wahl von Macron aufgerufen, und unter bekennenden Katholiken (außerhalb der Städte) ist die Zustimmung zu Le Pen überraschend hoch. Laut einer in der Zeitung "Le Monde" veröffentlichten Umfrage wollen bis zu 46 Prozent der bekennenden Katholiken ihre Stimme für Le Pen abgeben.

Hängt das zusammen mit der Schwäche der politischen Mitte in Frankreich? Laut Umfrage der Bertelsmann- Stiftung ordnen sich nur 36 Prozent der Franzosen als "Mitte- links" oder "Mitte- rechts" ein. EU- weit sind es immerhin 62 Prozent. Zugleich neigen die Franzosen zu extremen Ausschlägen nach rechts oder nach links.

In der Stichwahl nach der Geldbörse?

Ein alter Spruch lautet: Im ersten Durchgang wählen die Franzosen nach dem Herzen, in der Stichwahl nach der Geldbörse. Bleibt nur die Hoffnung, dass diese Leitlinie in der Wahlschlacht nicht untergegangen ist.

Kurt Seinitz, Kronen Zeitung, und krone.at

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