Di, 21. November 2017

Live in Wien

13.11.2017 00:37

The Darkness: Der Schmerz der verpassten Chance

Sonntagabend spielten die britischen Glam Rocker The Darkness vor einer gut gefüllten Simm City nicht nur ihre unzähligen großen Hits aus der ersten Phase ihrer Karriere, sondern auch brandneues Material des Albums "Pinewood Smile". Justin Hawkins und Co. zeigten sich wieder als geborene Entertainer, doch immer noch umweht die Band der Mief der verpassten Karrierechance.

Es gehört gewiss zu den größeren Ungerechtigkeiten in der modernen Rock-Historie, dass die britische Hit-Maschinerie The Darkness niemals den großen Durchbruch schaffte. Wobei - so ganz auf das Schicksal rausreden darf sich das Quartett nicht, denn dass man in Wien nicht in der Stadthalle, sondern nur in einer zu etwa zwei Drittel gefüllten Simm City rockt, ist den sympathischen Witzbolden durchaus auch selbst geschuldet. Als die Band 2003 mit "Permission To Land" wie ein Feuerball auf die Erdoberfläche einschlug, gab es kein Publikum mehr für den feurigen Glam Rock. Nahezu jeder Song hatte uneingeschränkt Hit-Single-Charakter - 15 Jahre früher hätten die Hawkins-Brüder Justin und Dan samt Belegschaft wohl den ganzen Markt erobert. Nach dem gutklassigen Nachfolger "One Way Ticket To Hell… And Back" (2005), wohlweislich immer noch ein Kracher vor dem Herrn, versank der charismatische Frontmann Justin aber endgültig im Spiegel seines eigengelebten Klischees - Alkohol und Kokain brachten ihn in die Reha und die Band ins Koma.

Geborene Entertainer
Nach der Reanimation 2011 folgten Tour um Tour, wichtige Festival- und Supportslots und insgesamt drei Studioalben, die allesamt zwischen durchschnittlich und gutklassig verbucht werden dafür, aber niemals mehr an die jugendliche Frische und kompromisslose Unverbrauchtheit der ersten Ära heranreichen konnten. So sind The-Darkness-Konzerte auch anno 2017 immer noch gelebte Nostalgie - unerheblich davon, dass die Band mit "Pinewood Smile" erst vor einem Monat ein ruhigeres und überraschendes sperriges Album veröffentlichte. Justin Hawkins beschwört dann doch lieber die Geister der Vergangenheit und mit Songs wie "Love Is Only A Feeling", "Black Shuck" oder "Givin' Up" hat man das Allerbeste nun einmal ganz früh in die Welt geboren. Auch 14 Jahre später steigt dem gemeinen Fan noch immer die Gänsehaut zu Berge, wenn er jeden Refrain inbrünstig mitgrölen kann und die maturaballsaalartige Location in einen Tempel der Hochstimmung verwandelt. The Darkness sind geboren, um maßlos zu entertainen. Und das kann man in Zeiten von überzogener Political Correctness oder grassierender Indie-Schüchternheit gar nicht hoch genug schätzen.

Wer sonst außer Justin Hawkins kann es sich erlauben stolzen Schrittes wie ein eitler Pfau die Bühne auf- und abzutraben, eingezwängt in einer hautengen Goldlegging, die zwischen ihr und dem Gemächt gewiss keinen Platz für unnötige Zwischentextilien lässt. Manch weibliche Besucherin attestiert ihm gar Verstärkung durch die in Rockerkreisen so populäre Socke, die das Kronjuwelenerbe besonders üppig erscheinen lässt. Abseits dieser mehr oder weniger gustiösen Analyse ist es jedoch vor allem die gewohnt unbändige Spielfreude, die sich innerhalb kürzester Zeit wie ein unsichtbarer Schleier über alle Anwesenden legt. Der Frontmann hat den Captain-Jack-Sparrow-Look der letzten Tour wieder gegen eine konventionellere Haapracht getauscht, Bruder Dan gibt den souveränen und so gar nicht glitzernden Rhythmusgitarrist, Bassist Frankie Poullain sieht noch immer so aus, als wäre er direkt einer Blaxploitation-Produktion entsprungen und Drummer Rufus Taylor - ja genau, der Sohn von Queen-Drummer Roger - hat sich mittlerweile so kongruent in das Bandgefüge eingegroovt, als wäre er schon in den fetten Jahren ein essenzieller Teil der Band gewesen.

Großer Glam-Zirkus
Der Gigantismus, den The Darkness so gerne als ihre Karriere gehabt hätten, zieht somit nur auf der visuellen Ebene ein. Bei den großen Gesten mit dem Stromruder, bei den aufgetürmten Marshall-Verstärkern oder bei der für eine solche Location viel zu überzogenen Stroboskop-Lichtshow. Dazwischen vermischen die Briten geschickt Ohrwurmklassiker wie "One Way Ticket" oder "Friday Night" mit härteren Songs ("Barbarian") und dem bislang noch kaum bekannten, brandneuen Material á la "All The Pretty Girls" oder "Solid Gold", einer knallharten, aber auch humorigen Abrechnung mit dem Musikbusiness und seinen arroganten Mechanismen. Gut 80 Minuten lang hat Justin sein Publikum voll im Griff. Er wirft Plektren auf die von der Decke hängende Discokugel, gewinnt Pluspunkte mit gebrochenem Deutsch und beweist, dass auch ein langjähriges Drogenwrack absolute Fitness haben kann, indem er während "Get Your Hands Off My Woman" eine halbe Minute lang souverän im Handstand verharrt. The Darkness sind immer noch zu gleichermaßen Zirkus wie Glam Rock und diesbezüglich gar nicht so weit von den US-Comedy-Rockern Steel Panther entfernt. Zum großen Sprung wird es in diesem Leben leider trotzdem nicht mehr reichen, denn strenggenommen spielen die Briten für eine Szene, die es nicht mehr gibt.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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