So, 19. November 2017

Der Twitter-Mönch

08.10.2017 08:01

Wie finden wir unseren Frieden, Bruder Haemin?

Der Zen-Mönch Haemin Sunim, weltbekannt durch seinen Bestseller "Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst", auf Wien-Besuch: Conny Bischofberger sprach mit ihm über Achtsamkeit, Liebe und Glück.

Er hat schon einen langen Morgenspaziergang durch die Stadt hinter sich, als er zurück ins Hotel "Sans Soucis" hinter dem Wiener Volkstheater kommt. "Ich liebe das", sagt Haemin Sunim - sein Name bedeutet "spontane Weisheit" - "einfach durch die Straßen zu schlendern und darauf zu warten, was einem begegnet." Begegnet sind ihm koreanische Touristen, die nicht glauben konnten, dass sie in Wien ihren "Nationalheiligen" treffen würden. Der Zen-Mönch ist in Südkorea eine spirituelle Autorität.

Bruder Haemin trägt einen silbergrauen Umhang und den typischen runden Hut der buddhistischen Alltagsrobe, darunter Pulli, Jeans und graue Sneakers. Das türkise Titelbild seines Welt-Bestsellers - ein blühender Baum vor dem vollen Mond - korrespondiert mit dem türkisen Samt des Sofas.

Die Fröhlichkeit des Zen-Mönchs ist ansteckend. Selbst wenn er über den vergifteten österreichischen Wahlkampf spricht, klingt es tröstlich. Nach unserem Interview signiert er noch eines seiner Bücher für die "Krone"-Leser: "Möget ihr immer glücklich, gesund, friedlich und beschützt sein, egal wohin ihr auch geht", schreibt er in Druckbuchstaben auf die erste leere Seite. "Haemin Sunim, im Oktober 2017."

"Krone": Der Titel Ihres Buches - "Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst" - ist einer Ihrer Impulse für ein glücklicheres Leben. Warum ist Entschleunigung wichtig?
Haemin Sunim: Weil wir Menschen uns in unseren Aktivitäten leicht verlieren können. Wir arbeiten, sind rund um die Uhr online, wir machen Sport, wir treffen Freunde, aber wir empfinden dabei keine Freude mehr. Deshalb sind Pausen wichtig. Durchatmen. Überlegen. Achtsam sein.

Wie kann man Achtsamkeit lernen?
Indem man sich Zeit nimmt. Immer wieder darauf Acht gibt, was man gerade denkt und fühlt. Wer zu beschäftigt ist, kann das Zusammensein mit Menschen, aber auch Dinge wie ein schönes Essen oder ein Konzert nicht mehr genießen. Dann kommt die Freude im Leben zu kurz. Weil sie Zeit braucht und Aufmerksamkeit. Die höchste Form der Aufmerksamkeit ist die Liebe. Wenn wir jemanden lieben, schenken wir ihm unsere ganze Aufmerksamkeit.

Achtgeben, was man denkt. Warum ist das so wichtig?
Weil wir uns mit unseren Gedanken die eigene Welt erschaffen. Negative Gedanken schaffen eine negative Welt. Gute Gedanken schaffen eine friedliche, eine positive Welt. Das ist im Grunde ganz einfach zu lernen, und deshalb sollte Achtsamkeit auch an unseren Schulen unterrichtet werden.

Wie fängt man am besten an?
Mit einem Lächeln. Wer spürt, dass er gestresst ist, der lächle. Wenn wir lächeln, wird unser Puls langsamer, unsere Gesichtsmuskeln entspannen sich. Lächeln ist außerdem ansteckend. Wenn wir lächeln, dann lächeln andere Menschen zurück, wir fühlen uns angenommen und verbunden.

Und als Nächstes?
Tief einatmen. Die Frische der Luft genießen. Einatmen, ausatmen. Da kann man beobachten, dass augenblicklich ein Gefühl der Entspannung eintritt. Dieses Gefühl kann man abrufen, das dauert nur eine Minute! Und wer 15 Minuten hat, sollte einen Spaziergang machen. Ich empfehle den Menschen immer, auf dem Nachhauseweg schon zwei Stationen früher aus der U-Bahn oder dem Bus auszusteigen und das letzte Stück zu Fuß zu gehen. Bevor man zum Partner und zum Kind geht und sich um sie kümmert, sollte man sich selbst ungeteilte Aufmerksamkeit schenken - dabei vielleicht seine Lieblingsmusik hören, einfach das Gehen genießen.

Und wenn negative Gedanken einfach nicht weggehen?
Da gibt es eine schöne Übung. Notieren Sie jeden Abend vor dem Schlafengehen drei Dinge, für die Sie dankbar sind. Dieses Ritual hat die Kraft, den Geist in nur drei Wochen umzuprogrammieren.

Trotzdem dreht sich die Welt immer schneller, es geht oft um Äußerlichkeiten und materiellen Erfolg. Wie finden wir da unseren inneren Frieden?
Oft ist nicht die Welt so hektisch, sondern nur unser Geist. Wir sind sehr oft Sklaven unserer Emotionen. Ein Trick, sich nicht in negativen Emotionen zu verlieren, ist, einen Schritt zurückzutreten und den Ärger, die Enttäuschung, die Angst zu beobachten. Wie eine Wolke am Himmel. Wir sind der Himmel, nicht die Wolke! Wenn wir uns dessen bewusst sind, wird unser Geist frei, wir können die Wolke vorbeiziehen lassen und kommen so zur Ruhe.

Sie teilen Ihre Gedanken mit 1,3 Millionen Menschen auf Twitter. Wie ist es dazu gekommen?
Ich war Professor in den USA, als ich das erste Mal von Twitter und Facebook gehört habe. Da wollte ich das ausprobieren und ich habe mir angeschaut, was andere so schreiben. Berühmte Leute. Und dann hab' ich es gemacht wie sie: Ich hab' also geschrieben, wie das Wetter war, wen ich getroffen und was ich gegessen habe. Aber ganz ehrlich: Wen interessiert das schon? Also habe ich begonnen, meine Erfahrungen zu teilen. Gedanken, die anderen Menschen vielleicht helfen können. Das wollten ganz viele lesen. Trotzdem versuche ich immer wieder, meine Follower bei Offline-Treffen persönlich kennenzulernen. Nur so erfahre ich, was ihr Sorgen und Nöte sind. Diese Gespräche inspirieren mich in meiner Arbeit auf Twitter und Facebook. So ist dann auch mein Buch entstanden.

Die sozialen Medien, sind Sie nicht mehr Fluch als Segen?
Ich denke, es kommt auf unseren Umgang damit an. Ein Messer in den Händen eines Arztes kann Leben retten, ein Messer in den Händen eines Verbrechers kann töten. Das Internet kann viel Gutes bewirken, es kann aber auch sehr viel Schaden anrichten. Ich glaube, meine Posts stechen gleich hervor, einfach weil sie nett sind.

Bekommen Sie trotzdem auch negative Reaktionen?
Oh ja, denn Menschen, die sehr unglücklich sind, reagieren auf alles mit ihrem Unglück. Ich schaue mir dann andere Posts von diesen Leuten an, und meistens sind sie auch negativ. Das heißt, ich bin nicht schuld an deren Unglück, und deshalb nehme ich es auch nicht persönlich.

Wie viel Zeit verbringen Sie in den sozialen Medien?
Ich nutze sie nur zwischendurch. Ich finde, wir sollten nicht zu viel Zeit auf Facebook verbringen, denn die Beziehungen dort sind doch sehr oberflächlich. Wir sehen die Gesichter unserer "Freunde" nicht wirklich, wir hören ihre Stimmen nicht, wir können sie nicht umarmen. Der tiefe Wunsch nach Verbundensein birgt eine große Gefahr. Digitale Vernetzung kann nämlich sehr einsam machen. Deshalb ist es wichtig, in die Welt hinaus zu gehen. Wenn wir in die Welt außerhalb des Internets eintauchen, dann kommt auch unser Geist in Bewegung.

In Österreich sind nächsten Sonntag Wahlen. Der Wahlkampf ist geprägt von gegenseitigen Vorwürfen, verursacht durch Fake-Facebook-Seiten, mit der ein Kandidat beschädigt werden sollte. Was sagt der Zen-Mönch dazu?
In Korea hatten wir eine ähnliche Situation. Die Regierung hatte eine Black List mit Oppositionellen, die sie versuchten, bewusst niederzumachen. Jetzt hat die Regierung ernste Probleme deswegen und sie werden möglicherweise alle ins Gefängnis wandern. Ich glaube, auch in Österreich wird die Wahrheit ans Licht kommen. Es ist das Gesetz des Karmas. Wenn du Unredliches getan hast, wird es letztlich auf dich zurückfallen. Alles hat Konsequenzen, das Gute wie das Schlechte.

Sind Sie selbst ein glücklicher Mensch?
Ja, im Großen und Ganzen bin ich glücklich.

Was würden Sie Ihrem Kind mitgeben wollen, wenn Sie eines hätten?
Das Gefühl, geliebt zu werden dafür, was es ist, nicht dafür, was es tut. Ich habe auf meinen Reisen um die Welt viele erfolgreiche Menschen kennengelernt. Das sind sehr oft Workaholics, weil sie von ihren Eltern vor allem für ihre Leistungen geliebt wurden. Diese Menschen fühlen sich wertlos, wenn sie nichts leisten.

Was kann so ein Erwachsener tun?
Er muss Mitgefühl für sich selbst praktizieren. Sein inneres Kind lieben, ihm Energie geben. Auch ein liebevoller Partner kann ein großer Liebesspender sein. So finden solche Menschen trotz ihrer Kindheit den inneren Frieden, die Erkenntnis: "Ich bin es doch wert, geliebt zu werden."

Erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem Sie wussten, dass Sie ein spirituelles Leben führen wollen?
Ja, das war schon während meiner Studienzeit in den USA. Ich wohnte in einem Studentenheim, der Lebensstil dort war sehr rau. Party, Alkohol, Drogen. Ich sehnte mich nach einem ruhigen Ort und habe ein Zimmer in einem Zen-Zentrum gefunden. Dort war es perfekt für mich. Wir standen früh auf, meditierten und gingen früh schlafen. Dazwischen haben wir gesundes Essen gekocht. Da wusste ich, dass das viel eher meinem Lebensgefühl entspricht.

Haben Sie nie Drogen und Alkohol konsumiert?
Nein, das hat mich nicht interessiert.

Ihr Buch wurde vier Millionen Mal verkauft, was machen Sie mit dem vielen Geld?
(lacht) Geld brauche ich eigentlich nur fürs Reisen. Deshalb habe ich in Korea die "Schule der gebrochenen Herzen" gegründet. In diese Schule laden wir Menschen ein, die Krebs haben, oder einsame Leute, Eltern mit behinderten Kindern, trauernde Menschen. Wir machen Tanz- und Kunsttherapie mit ihnen, verbringen gemeinsam Zeit. Als Nächstes planen wir einen Strickkurs. Weil Stricken eine der kontemplativsten Tätigkeiten ist, die es gibt. Diese Schule ist mein Baby.

Buddhist mit Millionenpublikum
Geboren am 12. Dezember 1973 in Südkorea. In den USA studiert er Film an der University of Berkeley, Religionswissenschaft in Harvard und Psychologie in Princeton. Dann kehrt er nach Korea zurück und wird Mönch. Sein Buch "Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst" (Scorpio Verlag, 18,50 Euro) wurde mehr als vier Millionen Mal verkauft. Haemin Sumin (43) ist Zen-Meditationslehrer und Professor an einem Liberal-Arts-College in Korea. Er hat 1,3 Millionen Follower auf Twitter.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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