18.01.2007 17:07 |

Famoser Nonsens

Helge brakes together

Der Großmeister der Nonsens-Künstler hat wieder zugeschlagen. Im Rückenwind von „Mein Führer – die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ hat Helge Schneider sein neues Album auf Kurs gebracht. „I brake together“ – sinngemäß: Ich breche zusammen – heißt das Werk. Und dabei spricht der Mann, der sein Debütalbum „Seine größten Erfolge“ nannte, nicht nur von sich - wer diese Platte bis zum bitteren Ende durchhält, knickt selbst ein. Vor Lachen, natürlich.

Helge Schneider könnte (könnte!) ja eigentlich auch ganz „normalen“ Jazz ohne Fitze und Fatze machen. Der 1955 geborene Musiker aus Leidenschaft spielt neben Klavieren in allen Variationen auch Saxophon, Vibraphon, Akkordeon, Gitarre (E- und Akustik), Geige, Blockflöte, Schlagzeug, Trompete, Cello und sämtliches instrumentales Kleinod à la Mundharmonika, Flöte, Kamm, Oberschenkel-Schlagzeug etc. Er war es aber, der Anfang der Neunziger den Jazz zur Komik zerrte und damit sein eigenes Musik-Genre schuf - und fast 18 Jahre nach dem ersten Tonträger, nach „Katzeklo“, „Es gibt Reis, Baby“, „Fitze Fitze Fatze“ und zuletzt dem „Mörchen-Lied“ fällt ihm noch immer haufenweise Unsinn ein.

Leute, die auf Verkehrsinseln ihre Notdurft verrichten
Wer Helge Schneiders bisherige Werke kennt, wird auf „I brake together“ demnach keine Überraschungen finden. Herrliche Nonsens-Texte mit etwas Tiefgang, ein bisschen Swing, ein bisschen Rock’n’Roll und die üblichen Zwischenlacher von Helge, wenn er sich sich selbst nicht mehr halten kann. Dreimal hat er gecovert und einmal hat er sich Udo Lindenberg als Gesangs/Gesprächspartner an Bord geholt.

Herr Schneider führt den Hörer behutsam in seine Welt ein. Für seine Supermaus backt er zunächst Kuchen und bringt Semtex mit. Es folgt mit der Single Käsebrot, ein gemütlich spazierender Swing mit anschließendem Saxofon-Solo. Auf I brake together mokiert sich Mister Snyder übers Fernsehen, Leute, die auf Verkehrsinseln ihre Notdurft verrichten, und darüber, dass es in Afrika keine Affen mehr gibt. 

Ich sitz zuhaus' und weine mir die Hühneraugen aus
Mit Lady Suppenhuhn folgt ein hatscherter Blues, der erste Symptome von akutem Unsinnsbefall aufweist. Kostprobe aus dem Text: „Als ich dich in die Arme nahm, da wusste ich nicht, dass ein anderer Gockel kam.“ Oder: „Ich sitz zuhaus' und weine mir die Hühneraugen aus.“

Absolutes Highlight der Platte sind Die Trompeten von Mexiko. Es plärren drei aufs Gröbste verstimmte Tröten herzhaft im Stil eines 60er-Jahre-Schlagers, während Sombrero-Helge „Ai-ai-ai“ kreischt. Und wir lernen: „Die Trompeten von Mexiko… äh… kommen aus Kakteen.“ Zum Schluss gibt’s noch eine kurze Salsa-Einlage – spätestens dann folgt dem Griff an die Stirn, der Griff ins Tempo-Packerl.

Nach dem Hoch folgt allerdings gleich das Tief: Auf Pinguine können nicht fliegen führt Helge Schneider eine Zwie-Gesprächs-Gesangs-Mischkulanz mit Udo Lindenberg, wobei er Udo vorher vermutlich dasselbe Zeugs hinter die Unterlippe geschüttet hat, mit dem er sich selbst immer auf Touren bringt. Herrn Lindenberg bekam’s anscheinend nicht so gut, denn die Nummer ist einfach zu langweilig im Vergleich zum Rest der Platte. Und außerdem muss man dauernd an „Eisbär“ (Eisbären müssen nie weinen…) denken.

Nimm den Rüden da... der ist noch nicht ganz durchgesessen!
Mit Texas geht „I brake together“ in seine absolut schräge Phase über. Dass jemand im Stil eines 20er-Jahre-Piano-Boogies samt Saxophon-Begleitung ein Lied übers Cowboy-Sein und die weite, weite Prärie singt, ist alles andere als Alltag. Und dass das Ganze dann in einem Medizinmann-Gesang mündet, war noch weniger vorherzusehen. Bitte geh nicht vorbei macht’s einem auch nicht leichter: Helge fleht einen Text zur Tuba, für den sich Roland Kaiser seine Schmalzlocke abgeschnitten hätte. Allerdings hätte dieser das mit dem Brüllen im Mittelteil vielleicht weggelassen und folgenden Satz am Ende: „Sitz auf! Hier, nimm den Rüden da, der ist noch nicht ganz durchgesessen...“

Wir erfahren bei Telefonmann: Helge Schneider hat ein schönes Telefon im Flur, das ein grünes Jäckchen an hat. Und er hebt immer ab. Mädchen wollen küssen raunt er durchs voll aufgedrehte Megaphon, bevor mit Fly Me To The Moon die erste Coverversion erklingt. Astreiner Klavier-Swing. Helge singt den Klassiker von weit her aus dem Off und dermaßen falsch, wie ein Frank Sinatra mit vier Liter Whiskey intus. Nach dem ersten „Dschordscha? Dschordschaaaa?“ bei Georgia On My Mind hätte Ray Charles wohl vor lauter Lachkrämpfen sein Augenlicht wiedererlangt. Und Elvis hätte zum Jailhouse Rock mit Heliumstimme wohl keinerlei weiterer Drogen benötigt. Wir auch nicht.

10 von 10 Zusammenbremsern


Christoph Andert

Sonntag, 12. Juli 2020
Wetter Symbol

Produktvergleiche

Alle Produkte sehen
Ihre Cookies sind deaktiviert. Die Seite wird daher möglicherweise nicht korrekt angezeigt.