Sa, 15. Dezember 2018

Wunder geht weiter

01.07.2016 22:51

Wales schaltet auch Geheimfavoriten Belgien aus!

Erst qualifizieren sie sich seit 1958 nie wieder für eine WM- oder EM-Endrunde und jetzt wollen sie gar nicht mehr mit dem Siegen aufhören - bei der allerersten EM-Teilnahme überhaupt ist Wales ins Semifinale eingezogen! Als klarer Außenseiter ins Viertelfinal-Duell gegen den Geheimfavoriten Belgien gestartet, setzten sich Gareth Bale und Co. mit etwas Glück, aber umso mehr Kampfkraft und Siegeshunger nach 0:1-Rückstand mit 3:1 durch. Jetzt wartet im Halbfinale Portugal!

Mal ehrlich: Viel gab‘s nicht, was vor dem Anpfiff für einen Erfolg von Wales gesprochen hätte - Belgien war als Geheimfavorit für den Gewinn des EM-Titels ins Turnier gestartet, Belgiens Offensive war von Spiel zu Spiel bisher besser geworden und knapp 20 Kilometer von der belgischen Grenze entfernt hatten die Belgier im Stade Pierre Mauroy in Lille zudem praktisch Heimvorteil. Und Wales? Die "Dragons" hatten Gareth Bale - was ja auch nicht schlecht ist - sowie das Wissen, aus den drei jüngsten Duellen mit Belgien mit zwei Remis und einem 1:0-Sieg (Bale!) hervorgegangen zu sein. Allein: Die "Roten Teufel" ließen schnell erkennen, dass sie nicht gewillt waren, gegen Wales ein viertes Match in Folge nicht zu gewinnen. Vom Anstoß an ließen die Belgier den Ball in ihren Reihen zirkulieren und kamen folglich auch zur ersten ernsteren Torannäherung überhaupt: Doch eine Flanke von rechts (2.) geriet noch zu hoch für den eigentlich eh baumlangen Romelu Lukaku (1,91 Meter).

Nainggolan belohnt Belgier für ihre starke Anfangsphase
Geduld war auch in der Folge gefragt, denn die Waliser - die defensiv eine Art von 5-3-2 praktizierten, bei Ballbesitz aber auf ein von Österreich gegen Island bekanntlich nicht beherrschtes 3-5-2 umschalteten - konzentrierten sich zunächst voll und ganz auf ihre Abwehrarbeit. In Minute 7 hatten Bale und Co. allerdings mehr Glück als Verstand, als Yannick Ferreira-Carrasco, Thomas Meunier und zum Abschluss Eden Hazard in einer Aktion drei Hundertprozentige ausließen. Nach den ersten beiden gelungeneren Offensivaktionen der Waliser (9./Bale-Schuss ins Außennetz, 10./Robson-Kanu-Kopfball drüber) holte die von Hazard angeführte belgische Elf das 1:0 aber doch noch nach: Wieder zirkulierte der Ball gut in ihren Reihen, ehe Roma-Ass Radja Nainggolan die Geduld verlor und kurz einmal aus 27 Metern in den linken Winkel einnetzte (13.) - keine Chance für Wales-Keeper Wayne Hennessey. Nun begingen die bis zu diesem Zeitpunkt überlegenen Belgier einen großen Fehler: Sie zogen sich mit der Führung im Rücken immer weiter zurück, wurden immer passiver - und dann auch bestraft.

Williams bestraft Belgier für ihre Passivität nach der Führung
Zunächst konnte Belgien-Tormann Thibaut Courtois nach einer idealen Hereingabe über rechts durch Aaron Ramsey gerade noch abtauchen und den Schuss von Neil Taylor abwehren (26.), aber wenig später war es dann so weit: Eine Ecke von Ramsey köpfelte Wales-Captain Ashley Williams in Richtung erste Stange, wo zwar Kevin De Bruyne aufpasste, ohne Fortune den Ball aber ins Tor ziehen lassen musste - Ausgleich (30.). Hazard und Co. versuchten den Schalter nun zwar wieder umzulegen, aber ihre Überlegenheit aus den Anfangsminuten konnten sie nicht zurückerobern - vielmehr ging es nun hin und her, durchaus mit Vorteilen für Wales. Bale (34./Courtois parierte Bale-Flachschuss), James Chester (39./Kopfball nach Ecke drüber), Ramsey (42./abgefälschter Torschuss) und Williams (44./Kopfball drüber) scheiterten aber am 2:1 für Wales. Belgiens Offensive erschöpfte sich zwischenzeitlich in einer Hazard-Flanke (33.) und einem Alderweireld-Kopfball nach einer Ecke (40.).

Belgien startet gut, aber Wales trifft zur Führung
Der in seiner Heimat nicht gerade als großer Taktik-Fuchs und Trainer-Guru geltende belgische Teamchef Marc Wilmots reagierte auf das in der Defensive zu wackelige Auftreten seiner "Roten Teufel", indem er den tiefer agierenden Marouane Fellaini für den offensiven Ferreira-Carrasco brachte. Hätte er es doch besser gelassen! Denn der ManU-Kicker hatte sein Trikot noch nicht einmal richtig angeschwitzt, da ließ er sich von Hal Robson-Kanu mit einer simplen Körpertäuschung im Strafraum austanzen - und der zuletzt in Englands zweiter Liga (!) bei Reading engagiert gewesene Waliser drosch die Kugel zum 2:1 ins Netz. Die nach dem Wiederanpfiff eigentlich wieder recht gut und auch mit Chancen zurückgekehrten Belgier (48./Lukaku-Kopfball hauchdünn vorbei), De Bruyne (50.) und Hazard (51.) fielen nun in eine Art Schockstarre - und ihr durch Verletzungen bereits vor dem Start der EM geschwächter Abwehrverbund geriet zeitweise regelrecht in Panik - viel Erfahrung hatten Jordan Lukaku (5. Länderspiel, Bruder von Romelu), Meunier (9.) und Jason Denayer (8.) ja auch wirklich nicht aufzuweisen. Ein Abwehr-Routinier wie Toby Alderweireld (in seinem 61.) reichte nicht.

Belgien im Elfer-Pech, Wales mit dem 3:1-Finisher
Die Unsicherheit seiner Vorderleute steckte für ein Mal sogar Courtois an, doch seinen Patzer nach einer Ecke konnte der Chelsea-Tormann-Star im Duell mit dem 2:1-Torschützen Williams gerade noch einmal selbst ausbessern (61.). Knapp eine Viertelstunde nach dem Schock des Verlusttreffers kamen die Belgier erstmals wieder zielgerichteter vor das Waliser Gehäuse: Doch erst rettete Chester bei einem Querpass von De Bruyne gerade noch vor Lukaku (71.) und dann versagten Fellaini per Kopf aus vier Metern Entfernung die Nerven - der Ball ging vorbei (74.). Dann zwei Szenen, die in Belgien wohl noch länger für Aufregung sorgen werden, weil Schiri Damir Skomina NICHT pfiff: Weder eine Attacke von Ben Davies an Romelu Lukaku (79.) an der Strafraumgrenze noch eine von Ashley Williams an Nainggolan (83.) im Sechzehner beurteilte er als strafwürdig - strittig! Und so kam es am Ende, wie es kommen musste: Bei einem ihrer nun spärlichen Gegenangriffe erhöhte der für Robson-Kanu eingewechselte Sam Vokes per Kopf nach Idealflanke von Chris Gunter auf 3:1 (85.) - das Match war entschieden.

Das Ergebnis:
Wales - Belgien 3:1 (1:1)

Lille, Stade Pierre Mauroy, 46.000, SR Skomina/SLO
Tore: 0:1 (13.) Nainggolan, 1:1 (30.) A. Williams, 2:1 (55.) Robson-Kanu, 3:1 (80.) Vokes
Gelbe Karten: Davies, Ramsey (beide im Halbfinale gesperrt), Chester, Gunter bzw. Fellaini, Alderweireld
Wales: Hennessey - Gunter, Chester, A. Williams, Davies, Taylor - Allen, Ledley (78. King), Ramsey (90. Collins) - Bale, Robson-Kanu (80. Vokes)
Belgien: Courtois - Meunier, Alderweireld, Denayer, J. Lukaku (75. Mertens) - Witsel, Nainggolan - Carrasco (46. Fellaini), De Bruyne, Hazard - R. Lukaku (83. Batshuayi)

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