Di, 14. August 2018

Historischer Erfolg

21.10.2014 11:37

Gelähmter kann dank bahnbrechender OP wieder gehen

Der von der Hüfte abwärts gelähmte Bulgare Darek Fidyka kann dank einer revolutionären Operation in Polen in Zusammenarbeit mit britischen Wissenschaftlern wieder gehen. Gelungen ist dies durch die Nachzüchtung von Zellen aus seiner Nase und deren Transplantation ins Rückenmark. Der Leiter des britischen Forschungsteams erklärte, der Erfolg sei "beeindruckender als der Mensch auf dem Mond" und stelle einen "historischen Umbruch" dar.

Darek Fidykas Rückenmark wurde 2010 bei einer Messerattacke so schwer verletzt, dass er zwei Jahre lang im Rollstuhl saß, berichtet die BBC (hier und hier). 2012 wurde operiert - nun ist Fidyka wieder auf den Beinen und kann sogar Auto fahren.

Zu verdanken hat der 40-Jährige dies einerseits polnischen Spezialisten um Dr. Pawel Tabakow von der Medizinischen Universität Wroclaw, einem der weltweit führenden Experten für Wirbelsäulenverletzungen. Unterstützt wurden die Operateure von britischen Forschern um Professor Geoff Raisman vom Institut für Neurologie am University College London - sowie bereits jahrzehntelanger Forschung zu den Nervenzellen aus der Nase.

Zellen bilden Pfade für Nerven
Es handelt sich um die sogenannten olfaktorische Hüllzellen. Sie bilden Pfade, um die Nervenfasern der Nasenschleimhaut, die sich ständig regenerieren müssen, mit dem Gehirn zu verbinden. Seit vielen Jahren hoffen Wissenschaftler, dass die Hüllzellen in der Wirbelsäule dafür sorgen, dass zerstörtes Rückenmark wieder zusammenwächst. In Tierversuchen mit Ratten funktionierte das schon vor mehr als zehn Jahren, doch beim Einsatz bei Menschen gab es vor Darek Fidyka keinen Durchbruch.

Fidyka musste nur zweimal unters Messer. Bei der ersten Operation wurde dem 40-Jährigen einer der beide Riechkolben - hier enden die Riechnerven - entnommen. Die enthaltenen olfaktorischen Hüllzellen wurden anschließend nachgezüchtet.

Hüllzellen und Nervengewebe verpflanzt
Zwei Wochen später wurden die Zellen in Fidykas Rückenmark implantiert, das bei der Messerattacke bis auf einen dünnen Streifen Narbengewebe rechts komplett durchtrennt worden war. Die Hüllzellen wurden mithilfe von 100 Mikro-Injektionen oberhalb und unterhalb der Verletzung platziert.

Zudem entnahmen die Operateure vier dünne Streifen Nervengewebe aus dem Knöchel Fidykas und platzierten sie entlang der acht Millimeter langen Verletzung auf der linken Seite des Rückenmarks. Die Wissenschaftler gingen zu Recht davon aus, dass die olfaktorischen Hüllzellen dafür sorgen würden, dass sich das Rückenmark ober- und unterhalb der Verletzung wieder verbindet - entlang des Nervengewebes. Die Hüllzellen dienen quasi als Leitung, die das Rückenmark stimuliert.

Erste Schritte nach sechs Monaten
Der Rest war harte Arbeit für Fidyka: Fünf Stunden pro Tag an fünf Tagen der Woche muss er trainieren. Nach etwa drei Monaten habe sich ein erster Erfolg gezeigt, so die BBC: Fidykas linker Wadenmuskel wuchs. Sechs Monate nach der OP konnte Fidyka mit der Unterstützung von Orthesen die ersten vorsichtigen Schritte entlang eines Barrens machen.

Inzwischen, zwei Jahre später, kann sich der 40-Jährige mithilfe eines Gehwagens selbstständig fortbewegen. Auch einen Teil seiner Blasen- und Darmkontrolle sowie seiner sexuellen Funktion habe er wiedererlangt, berichten die Forscher. Dr. Tabakow zeigte sich dementsprechend euphorisch: "Es ist fantastisch, wie die Regeneration des Rückenmarks - etwas, das man viele Jahre lang für unmöglich hielt - Wirklichkeit wird."

Wichtig für das Gelingen der Operation war, dass Fidykas Riechkolben entnommen werden konnte - so gab es keine Gefahr der Abstoßung und es mussten keine Medikamente zur Immununterdrückung verabreicht werden. Nun ist die Hoffnung groß, dass die Revolution sich auf viele Patienten und verschiedene Arten von Rückenmarksverletzungen umlegen lässt.

Drei Millionen Menschen dürfen hoffen
In den kommenden Jahren sollen zunächst zehn Patienten nach derselben Methode operiert werden, doch Dr. Tabakow hat bereits angekündigt, dass "unser Team in Polen vorbereitet wäre, Patienten von überall auf der Welt zu berücksichtigen, die für diese Therapie geeignet sind". Dafür müsse das Rückenmark klar durchtrennt worden sein. Doch auch für andere Patienten bedeutet der nunmehrige Erfolg große Hoffnung - insgesamt warten drei Millionen gelähmter Menschen weltweit auf einen derartigen Durchbruch.

Ihnen macht Professor Raisman Hoffnung: "Wir glauben, dass dieses Verfahren jener Durchbruch ist, der - wenn er weiterentwickelt wird - einen historischen Umbruch für die derzeit hoffnungslosen Aussichten für Menschen mit Behinderungen durch Rückenmarksverletzungen zur Folge haben wird." Der Erfolg sei "beeindruckender als der Mensch auf dem Mond".

Fidyka entzückt über "unglaubliches Gefühl"
Nötig sei nun weitere finanzielle Unterstützung, wirbt der britische Forscher. Dann könnten bald mehr Menschen wie Fidyka wieder aufleben: "Er kann sich mit einem Gehwagen fortbewegen und konnte viele Aspekte seines ursprünglichen Lebens wiederaufnehmen, inklusive Autofahren. Er tanzt nicht, aber er ist absolut entzückt."

Das kann der 40-Jährige nur bestätigen. Wieder gehen zu können, sei "ein unglaubliches Gefühl" - es sei wie eine Wiedergeburt, so Fidyka. Noch wird er beim Gehen schnell müde, doch: "Ich denke, es ist realistisch, dass ich eines Tages unabhängig werde", so der 40-Jährige. "Was ich gelernt habe ist, dass man nie aufgeben darf, sondern immer weiter kämpfen muss, denn einige Türen öffnen sich im Leben."

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