Mi, 21. November 2018

Ruhig & erfolgreich?

21.10.2014 12:13

Karriere machen als introvertierte Führungskraft

Wenn man an einen typischen Vorgesetzten denkt, sieht man im Normalfall ein Bild von einem Menschen, der sich selbst gut inszenieren und verkaufen kann, der gerne im Mittelpunkt steht und andere binnen Sekunden von sich überzeugt. Kurz: ein klassisch Extrovertierter. Aber auch Introvertierte können als Chef überzeugen – und das gar nicht einmal so schlecht.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der eine extrovertierte Grundhaltung als erfolgreich bewertet wird: Jemand, der Meister des Small Talks ist, es liebt, im Rampenlicht zu sein, perfekt improvisieren kann und Gott und die Welt kennt, muss es doch geschafft haben?! Introvertierte Menschen werden dagegen oft als schüchtern, still und zurückgezogen erlebt, und damit wird ihnen auch in puncto Karriere automatisch weniger zugetraut. Dass introvertierte Menschen sich durch Rückzug zwar schützen, aber im Gegenzug durch viele positive Eigenschaften punkten, ist nur wenig verbreitet. Sie sind gute Zuhörer, überzeugen im Zweigespräch, sind meist sehr analytisch und zuverlässig.

Heute weiß man, dass introvertierte und extrovertierte Menschen physiologisch unterschiedlich funktionieren. Introvertierte befinden sich in einem ständigen Abgleichprozess zwischen ihrer Umwelt und sich selbst. Jeder Reiz wird unmittelbar in das eigene Erfahrungssystem eingepasst und mit verfügbaren Informationen vernetzt. Eigene Reaktionen werden umfassend geprüft, bis eine mögliche Reaktion vom Gehirn sozusagen freigegeben wird. Dass dies ermüdet, ist klar. Introvertierte sind deshalb nach einer Besprechung mit vielen Teilnehmern oder einem Seminartag oft deutlich müder als Extrovertierte. Und brauchen Ruhepausen, in denen sie auch akustisch absolut abgeschottet sind, um sich zu regenerieren. Bei Extrovertierten ist im Prinzip das genaue Gegenteil der Fall: Sie gewinnen ihre Energie dadurch, dass sie sich mit anderen austauschen und neue Reize in ihr System bringen. Sie lieben daher Anlässe, bei denen sich viel tut, bei denen es bunt und laut zugeht und sie viele Rückmeldungen über sich selbst bekommen.

Die meisten Menschen sind jedoch kein klassischer Introvertierter oder Extrovertierter, sondern eine unterschiedlich zusammengesetzte Mischung und können oft auch situationsangepasst eher den einen oder den anderen Teil der Skala nutzen.

Introvertierte fühlen sich aufgrund der gesellschaftlichen Ausrichtung an extrovertierten Merkmalen oft selbst schlecht, weil sie merken, dass sie nicht so aus sich herausgehen können, dass gesellschaftliche Anlässe mit vielen Menschen sie anstrengen und sie sich deshalb nicht wohlfühlen. Dass sie viel zu bieten haben, ist vielen nicht bewusst. Und sie daher oft gar nicht daran, eine klassische Führungslaufbahn anzustreben.

Netzwerken
Das Wort allein ist für Introvertierte oft schon ein Graus. Verbindet man damit doch in der Regel größere Veranstaltungen, bei denen man mit vielen Menschen schnell in formlosen Kontakt treten und oft belanglose, oberflächliche Gespräche führen muss. Netzwerken ist eine Grundlage für beruflichen Erfolg. Als Introvertierter hat man die Stärke, mit einem Gesprächspartner schnell ein tiefgehendes Gespräch führen zu können, weil man aktiv zuhören kann. Das wird vom Gegenüber positiv aufgenommen, vor allem, wenn man einen extrovertierten Gesprächspartner vor sich hat, der gerne erzählt.

Suchen Sie sich daher Situationen, bei denen Sie möglichst überschaubare Gespräche mit ein oder zwei Teilnehmern führen können. Berufliche Kontakte können Sie auch innerhalb des Unternehmens durch Verabredungen zum Kaffee oder zum Mittagessen wahrnehmen. So müssen Sie sich nicht unbedingt den für Sie unangenehmen Großereignissen stellen, schaffen es aber, ein solides, nützliches Netzwerk sukzessive aufzubauen.

Vorbildwirkung
Introvertierte Menschen sind im Normalfall sehr analytisch und qualitätsbewusst. Sie wissen daher, wovon Sie reden und man hat Sie als zuverlässig kennengelernt. Sie müssen nicht am lautesten brüllen, um wahrgenommen zu werden – eine mit Ruhe und kompetent auf den Punkt gebrachte Aussage, mit der Sie einer Besprechung eine neue Wendung geben, hat oft die stärkere Wirkung. Auch können sich Ihre Mitarbeiter darauf verlassen, dass Sie zum einen selbst gut wissen, wovon Sie reden, und zum anderen, dass Sie nicht zu übereilten Entschlüssen tendieren.

Menschlichkeit
Des Weiteren ist die emotionale Intelligenz im Sinn von Einfühlungsvermögen und Sensibilität anderen gegenüber sehr stark ausgeprägt. Ihre Mitarbeiter werden an Ihnen schätzen, dass Sie ein offenes Ohr für ihre Probleme haben und oft die richtige Lösung anbieten können.

Vorsicht!
Eine introvertierte Führungskraft muss sich auch ihrer Schwächen bewusst sein und diese kontrollieren können. Lernen Sie, sich in größeren Gruppen zu bewegen, so wie es für Sie machbar ist. Nehmen Sie bewusst an größeren Veranstaltungen teil und üben Sie, aufgeschlossen zu bleiben. Belohnen Sie sich danach durch geeignete Regenerationseinheiten, wie alleine laufen zu gehen oder einen ruhigen Abend. Befriedigen Sie Ihr Bedürfnis nach Perfektion durch gute Vorbereitung und laufende Informationsbeschaffung, sodass Sie sich nicht durch Unvorhergesehenes aus dem Konzept bringen lassen müssen. Und stellen Sie sich Konflikten! Gewappnet mit den richtigen Argumenten gibt es keinen Grund, diese vermeiden zu wollen.

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