Millionen Touristen haben dem berühmtesten Wandgemälde der Welt zugesetzt. Jetzt wird das Meisterwerk in der Sixtinischen Kapelle erstmals seit 30 Jahren gereinigt – und das mit erstaunlich simplen Mitteln.
Es ist wohl das berühmteste Wandgemälde der Welt: Michelangelos „Jüngstes Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle in Rom. 180 Quadratmeter, 391 Figuren, fast 500 Jahre alt. Jedes Jahr schieben sich rund fünf Millionen Besucher durch den engen Raum. Was die meisten nicht ahnen: Ihre Atemluft, Hautpartikel und der mitgebrachte Staub legen sich wie ein Schleier über das Meisterwerk. Jetzt ist Schluss damit.
Seit Anfang Februar rücken Restauratoren dem berühmten Fresko zu Leibe. Die Vatikanischen Museen haben den Beginn der außerordentlichen Reinigung offiziell bestätigt. Das Original-Fresko ist jetzt hinter einem riesigen Gerüst verborgen. Die gute Nachricht: Die Kapelle bleibt trotzdem geöffnet. Wer die Sixtina besuchen möchte, kann das weiterhin über die regulären Tickets zu den Vatikanischen Museen tun – die Sixtinische Kapelle ist Teil des Museumsrundgangs und im Eintrittspreis enthalten.
Touristenmassen setzen dem Meisterwerk zu
Was genau ist passiert? Bei den jährlichen Kontrollen haben die Experten einen weißlichen Schleier auf dem Gemälde entdeckt. Chefrestaurator Paolo Violini erklärt: Mikropartikel haben die berühmten Hell-Dunkel-Kontraste des Freskos abgeschwächt. Die Farben wirken matt, Details gehen verloren. Bei täglich bis zu 30.000 Besuchern in der Kapelle eigentlich kein Wunder.
Die Lösung klingt überraschend simpel: destilliertes Wasser und Seidenpapier. Damit entfernt das Team vorsichtig Salzablagerungen von der Oberfläche. Museumsdirektorin Barbara Jatta nennt den Eingriff „außergewöhnlich, aber zugleich sehr einfach“. Einfach? Bei einem fast 500 Jahre alten Kunstwerk von unschätzbarem Wert braucht jeder Handgriff absolute Präzision.
Wettlauf gegen die Zeit: Fertig vor Ostern!
Ein riesiges Gerüst bedeckt jetzt die gesamte Altarwand. Bis zu zwölf Restauratoren arbeiten gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen. Der Zeitplan ist ambitioniert: Vor Ostern am 5. April soll alles fertig sein. Normalerweise wird die jährliche Wartung nachts mit mobilen Hebebühnen erledigt. Diesmal ist der Aufwand deutlich größer.
Für die Wissenschaft ist das ein Glücksfall. 30 Jahre nach der legendären „Restaurierung des Jahrhunderts“ stehen völlig neue Untersuchungsmethoden zur Verfügung. Die Forscher erhoffen sich frische Erkenntnisse über Michelangelos geniale Maltechnik.
Was Urlauber jetzt wissen müssen
Gute Nachricht für alle Rom-Urlauber: Das Gerüst ist mit einer hochauflösenden Reproduktion des „Jüngsten Gerichts“ bedeckt – man bekommt also zumindest einen Eindruck des Meisterwerks. Wer aber das echte Fresko in voller Pracht sehen will, muss sich bis nach Ostern gedulden. Wer jetzt seinen Urlaub plant, sollte das bedenken.
Dass der Vatikan die Kapelle während der Arbeiten nicht schließt, hat gute Gründe: Die Vatikanischen Museen zählen zu den meistbesuchten der Welt. Jeden Tag klingelt die Kasse. Eine Schließung wäre ein enormer finanzieller Verlust für den Kirchenstaat.
Übrigens: Michelangelo selbst hatte es bei der Arbeit nicht leichter. Er malte jahrelang im Stehen, den Kopf nach hinten geneigt, während ihm die Farbe ins Gesicht tropfte. In einem Brief klagte er, er habe davon „einen Kropf bekommen“. Dass sein Werk fast 500 Jahre später noch immer Millionen Menschen begeistert – das hätte den grantigen Meister wohl selbst überrascht.