„Krone“-Interview

Sofie Royer: Vom Insider-Tipp zur MME-Gewinnerin

Musik
17.02.2026 05:00

Mit dem Music Moves Europe Award im Gepäck, rückt Sofie Royer stärker ins internationale Rampenlicht. Die in Wien lebende Künstlerin bewegt sich souverän zwischen Art-Pop, Klassik und Indie-Ästhetik. Wir sprachen mit ihr über ihre Ziele, Frauen in der Musikbranche und den Anspruch, Songs zu schaffen, die auch in zehn Jahren noch Bestand haben.

kmm

Geboren im kalifornischen Palo Alto, mit iranischen Wurzeln und heute in Wien zu Hause: Sofie Royer bewegt sich seit Jahren selbstverständlich zwischen Kulturen, Sprachen und Sounds. Mit ihrem 2024 erschienenen Album „Young Girl Forever“ konnte die vielseitige Künstlerin ihr internationales Profil weiter schärfen. In Österreich kennen sie bislang vor allem eingefleischte Pop- und Elektronikliebhaber abseits des Mainstreams.

Royer schreibt und produziert ihre Musik selbst, singt auf Englisch, Deutsch und Französisch und besitzt dabei einen klaren klanglichen Wiedererkennungswert. Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte zuletzt eine besondere Auszeichnung: Sie wurde als erste Österreicherin mit dem Music Moves Europe Award (MME Award) geehrt — einem renommierten Förderpreis der Europäischen Union, der jährlich vielversprechende aufstrebende Acts mit internationalem Potenzial auszeichnet und bereits Karrieren von Künstlern wie Dua Lipa oder Rosalía begleitet hat. Seit acht Jahren lebt die fesche Dunkelhaarige wieder in Österreich. Obwohl sie in den USA geboren wurde und karrieretechnisch dort deutlich mehr Möglichkeiten hätte, ist Royer bekennender Wien-Fan. „Ich liebe Wien einfach. Ich wünschte mir nur, ich hätte mehr Arbeitsmöglichkeiten hier. Mein Plattenlabel ist ja in den USA, mein Verlag ist in Paris. Man ist eh zum Glück gut angebunden und kann reisen. Aber natürlich würde ich mich über mehr Möglichkeiten im österreichischen Raum freuen“, sagt sie im „Krone“-Talk. 

Hier strahlt Royer mit ihrem Preis: „Das kam so unerwartet“.
Hier strahlt Royer mit ihrem Preis: „Das kam so unerwartet“.(Bild: Benjamin Typplt)
Die 34-Jährige ist ausgebildete Geigerin und Komponistin.
Die 34-Jährige ist ausgebildete Geigerin und Komponistin.(Bild: Benjamin Typplt)

A&R und Vorliebe für Barockmusik
Als ausgebildete Geigerin und Komponistin hätte man ihren Weg in Richtung Pop nicht unbedingt sofort erwartet. Tatsächlich kam die Entscheidung erst vergleichsweise spät. „Eigentlich gar nicht vor allzu langer Zeit“, erzählt Royer. „Ich habe studiert und bin mit 19 nach Amerika gegangen für ein Praktikum bei einem Plattenlabel, das mich später auch angestellt hat.“ Viele Jahre arbeitete sie im Angestelltenverhältnis – ausgerechnet bei jenem Label, das heute ihre eigene Musik veröffentlicht: Stones Throw Records in Los Angeles. Dort war sie im digitalen Bereich sowie im A&R (Artists & Repertoire) tätig und entdeckte neue Künstler, die sie unter Vertrag brachte.

Aufgrund einer privaten familiären Situation zog sie schließlich zurück nach Wien und begann nebenbei ein Lehramtsstudium. „Psychologie, Philosophie und Englisch, außerdem Malerei an der Uni für angewandte Kunst.“ Irgendwann saß sie eines Abends am Klavier, schrieb erste Songs – und daraus entstand schließlich ihr Debütalbum „Cult Survivor“. Eines führte zum anderen. „Ich muss aber dazu sagen, es war nie mein Ziel, eine Solokarriere als Popmusikerin zu haben, das Universum wollte das so“, sagt sie lachend. Auch wenn sie im Popbereich tätig ist, spielt ihre klassische Ausbildung beim Songwriting und Produzieren trotzdem eine große Rolle: „Im Arrangement hört man vielleicht meine große Vorliebe für Barockmusik. Es gibt auch viele Künstler, die ich mag, wie Serge Gainsbourg. Er hat ja extrem viele Chopin- oder Beethoven-Melodien fast eins zu eins übernommen. So weit gehe ich noch nicht – aber Klassik spielt auf jeden Fall eine große Rolle in meinen Pop-Arrangements“.

Acht Fun-Facts über Sofie Royer

  • Wien bei Nacht oder Paris am Morgen?
    Wien bei Nacht.
  • 90er-Pop oder 80er?
    Ich würde sagen, die 80er-Jahre.
  • Songs schreiben: im Team oder alleine?
    Alleine.
  • Perfektionismus oder Bauchgefühl?
    Beides, denn ich glaube, zum Perfektionismus gehört Bauchgefühl dazu. 
  • Outfit zuerst oder Song zuerst?
    Song zuerst.
  • Zuerst Vinyl sammeln oder Playlists bauen?
    Beides auf jeden Fall.
  • Kaffee? Tee oder gar nichts vor dem Auftritt?
    Eher würde ich Kaffee sagen.
  • Ein Wort, das deine Musik gerade am besten beschreibt?
    Fantasievoll.

Bücherwurm und Insiderin
Ihr jüngster Song „Auto“ ist auf Deutsch geschrieben und gesungen. Doch wie entscheidet Royer eigentlich, in welcher Sprache ein Song entsteht? „Englisch kommt mir am vertrautesten vor. Ich bin in Amerika aufgewachsen, meine Eltern waren lange die Einzigen, mit denen ich Deutsch gesprochen habe. Obwohl ich fließend Deutsch spreche, habe ich im Englischen eine andere Wortgewandtheit. Ich lese extrem viele englische Bücher. Wenn ich Thomas Bernhard lese, denke ich mir: Was für ein schöner Satzbau – aber ich beherrsche ihn nicht so.“ Ein deutschsprachiges Album wäre für sie dennoch ein großer Wunsch.

Die Musikerin hat das Geschäft allerdings längst auch von innen gesehen. Bevor sie selbst als Künstlerin in den Fokus rückte, arbeitete sie hinter den Kulissen der Branche – eine Erfahrung, die ihren Blick bis heute prägt: „Mein Einblick war eher administrativ. Aber ich bin ziemlich von Illusionen befreit. Ich habe Einblicke in Dinge, die eigentlich Allgemeinwissen für Künstler sein sollten – Copyright, Masterrechte, solche Sachen. Oft bin ich überrascht, dass Kollegen den Unterschied nicht kennen. Wenn man Musik als Beruf wählt und nicht als Hobby, muss man sich damit auseinandersetzen. Viele glauben, das Musikerleben sei komplett freigeistig und frei von Administration – aber das ist es nicht. Es ist ein Beruf, den man mit Sorgfalt ausüben muss.“ Dieses Insiderwissen gab ihr weder zusätzliche Sicherheit noch, setzte es sie unter Druck – es sorgte vielmehr für eine „nüchterne Aufgeklärtheit“, wie sie sagt.

MME-Award
Ein absolutes Highlight dieses Jahres war für die 34-Jährige die Auszeichnung mit dem Music Moves Europe Award im Jänner – ein Preis, der ihr viel bedeutet und nur an wenige internationale Künstler:innen vergeben wird. „Ich war schon oft für Preise nominiert – auch international. Zum Beispiel für einen Libera Award in den USA. Deshalb bin ich in Groningen für den MME nicht mit großen Erwartungen hineingegangen. Ich habe backstage Thomas Bernhards ,Holzfällen‘ gelesen und gehofft, dass es bald vorbei ist“, sagt sie schmunzelnd und ergänzt: „Ich habe einfach genossen, dort zu sein. Als dann mein Name aufgerufen wurde, war ich völlig überwältigt und überrascht und habe mich bei meinem Manager und meinem Label bedankt, die im Publikum saßen.“

Gefeiert hat sie nach der Preisverleihung – anders als viele Künstler wohl – nicht. „Wahrscheinlich hätte man das machen sollen. Aber ich habe eine Stunde danach noch ein Konzert gespielt und musste am nächsten Tag früh zurückreisen.“ Nachdem bekannt wurde, dass Royer mit dem Music Moves Europe Award ausgezeichnet wurde, machte sich der Effekt auch in Österreich bemerkbar. Plötzlich erhielt sie hierzulande die „meiste Aufmerksamkeit“, die sie je bekommen habe. „Das war schon süß irgendwie.“

Ehrliche Songs und Spielfilme
Inhaltlich kreisen viele ihrer Songs um Weiblichkeit und gesellschaftliche Zuschreibungen – allerdings weniger aus kalkuliertem Konzept als aus persönlicher Erfahrung. „Man singt am ehesten über Dinge, mit denen man Erfahrung hat. Musik ist eine Performance, aber ich könnte es nicht vertreten, wenn die Songs nicht ehrlich wären“, sagt Royer. Viele ihrer Lieder entstünden aus konkreten Lebenssituationen heraus. Ihr Anspruch: Zeitlosigkeit. „Dass man die Musik in zehn Jahren noch hören kann.“ Lange habe sie geglaubt, in Sachen Gleichberechtigung sei bereits viel erreicht. „Aber in letzter Zeit gab es schon Situationen, die mich nachdenklich gemacht haben.“ Gerade im Produktionsbereich erlebt sie nach wie vor eine starke Männerdominanz.

Im Pop selbst sei sie sich nicht immer sicher, anders wahrgenommen zu werden – „aber viele sind überrascht, dass ich meine Musik selbst produziere, Texte schreibe und Instrumente spiele“. Teilweise werde sie wohl unterschätzt, meint sie nüchtern: „Aber das ist auch Teil des Business.“ Künstlerisch denkt sie ohnehin weiter. Besonders reizen würden sie Kompositionsarbeiten für Spielfilme oder Projekte im Opernbereich. „Dafür brenne ich wirklich. Ich habe jahrelang in Orchestern gespielt – das würde mich sehr glücklich machen.“ Bis dahin bleibt die Bühne ihr wichtigster Resonanzraum: „Live hält länger an und resoniert stark mit den Leuten.“ Studio und Bühne seien für sie „wie Äpfel und Birnen – beides Obst, aber mit anderem Stellenwert“. Nach Abschluss ihres vierten Albums (gerade fertig, Erscheinung noch unklar) freue sie sich nun vor allem darauf, wieder vermehrt live zu spielen.

Ein Wiedersehen mit dem heimischen Publikum ist bereits in Aussicht: Noch heuer soll es im Zuge der Albumkampagne ein Österreich-Konzert geben. „Mehr kann ich noch nicht sagen.“ 
Was sie jedoch mit Sicherheit sagen kann: Sie wünscht sich, dass ihre Musik auch wirklich in zehn Jahren noch gehört wird, denn Zeitlosigkeit ist für sie das A und O.

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