Die öffentlich-rechtliche TV-Anstalt RAI ist wegen des Vorwurfs der Zensur eines weltberühmten Meisterwerks von Leonardo da Vinci ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Im Vorspann, der die Live-Übertragungen der Olympischen Winterspiele Mailand-Cortina eröffnet, erscheint eine originalgetreue Darstellung von Leonardos Vitruvianischem Mensch – allerdings ohne männliche Genitalien. Zu sehen ist die Grafik täglich mehrfach auf den TV-Kanälen, die die Winterspiele übertragen.
Der Vorspann ist eine farbige, symbolträchtige Clip-Animation, die Sport und Austragungsorte der Olympischen Winterspiele inszeniert und zugleich auf die kulturelle Identität Italiens verweist. Am Anfang des Videos steht Leonardos berühmte Zeichnung, mit der das Renaissance-Genie die idealen Proportionen des menschlichen Körpers zwischen Himmel und Erde – Kreis und Quadrat – darstellte. In der grafischen Reproduktion der RAI verwandelt sich Leonardos Figur in Eiskunstläufer, Skifahrer und weitere Wintersportler.
„Olympische Mensch“ erscheint glatt und geschlechtslos
Doch dem „olympischen Menschen“ fehlt ein Detail: die männlichen Geschlechtsteile, die im Original klar erkennbar sind. Muskeln, Gesicht, Proportionen – alles entspricht Leonardos Meisterwerk, bis auf diesen einen, offenkundig entfernten Bestandteil. Der „olympische Mensch“ erscheint glatt und geschlechtslos – vergleichbar mit einer Spielfigur. Warum Leonardos Meisterwerk von der RAI einer „Zensur“ unterzogen wurde, erhitzt in Italien die Gemüter, wie die Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera berichtete.
Eine mögliche Erklärung könnte im Regelwerk des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) liegen, in dem es heißt, „explizit sexuelle Inhalte sind streng verboten“. Denkbar ist auch, dass die Entfernung der Genitalien als Schritt zu größerer Inklusivität verstanden worden sein könnte.
Der Vorspann wurde von Olympic Broadcasting Services für Mailand-Cortina 2026 produziert und den Rechteinhabern – darunter der RAI – zur Verfügung gestellt. In den RAI-Redaktionen wurde die Clip-Version geprüft und akzeptiert, berichtete „Corriere della Sera“.
Opposition reicht Anfrage an Italiens Kulturminister ein
Der Fall wird inzwischen zum Politikum. Der Partito Democratico (PD), Italiens stärkste Oppositionspartei, kündigte eine parlamentarische Anfrage an Kulturminister Alessandro Giuli an. Gefragt wird, „ob die RAI formell zur Nutzung des Bildes autorisiert wurde und ob sie im Rahmen einer solchen Genehmigung Änderungen oder Abwandlungen des Originals erlaubt hat“. Die Demokraten fordern vom Minister Aufklärung, ob alle gesetzlich vorgesehenen Verfahren eingehalten wurden, denn „die Verunstaltung ist offensichtlich, jemand hat sicher einen Fehler gemacht“.
Auch die oppositionelle Fünf-Sterne-Bewegung greift an, vergleicht die RAI mit „Ayatollahs“ und spricht von der „rückständigsten Wohnzimmerzensur, weil die Führungsspitze der RAI offenbar fürchtet, ein Penis könne Anstoß erregen“.
RAI wies Vorwürfe zurück
Die RAI weist die Vorwürfe zurück und spricht von „Fake News“. In einer Mitteilung wies sie jede Zensurabsicht zurück und sprach von einer „an den Haaren herbeigezogenen Kontroverse“, in die der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu Unrecht hineingezogen werde.
Vorspann und gesamtes Grafikpaket der Spiele „werden nicht von der RAI produziert. Es handelt sich um Inhalte, die von Olympic Broadcasting Services, der offiziellen Organisation des Internationalen Olympischen Komitees für die audiovisuelle Produktion der Olympischen Spiele, hergestellt und verbreitet werden“. Das Grafikpaket werde „allen Rechteinhabern weltweit identisch zur Verfügung gestellt, die verpflichtet sind, es nach gemeinsamen internationalen Standards auszustrahlen“. Die RAI könne „wie jeder andere Sender diese Inhalte in keiner Weise verändern“.
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