Lisa Wentz

Thymian, Teletubbies und verlogene Moral

Oberösterreich
06.02.2026 16:00

Zwischen Nähe und Misstrauen, Liebe und Schuld steht eine Entscheidung, die nicht rückgängig zu machen ist: Regisseurin Anna-Katharina Wurz brachte auf der Studiobühne des Linzer Landestheaters das moderne Volksstück „Verräter“ von Lisa Wentz zur Uraufführung. Ein bedrückender Abend.

Nach Ansicht ihrer Mutter ist Teenager Josefine krank, weil sie sich zu Frauen hingezogen fühlt. Der Pfarrer soll sie bei regelmäßigen Sitzungen mit Gesprächen über Schuld, Scham und den rechten Pfad, den Josefine angeblich verlassen hat, therapieren.

Dunkle Erinnerungen an einen Erhängten im Garten tut er dabei als Träume ab. Dass der geistliche „Vater“ selbst mit Erinnerungen an eine von ihm als falsch empfundene Liebe zu einem Mann geplagt wird, legt ein Tagebuch offen, das er der jungen Frau zu lesen gibt.

Gibt es das heute noch?
Die junge Erfolgsautorin und Nestroy-Preisträgerin Julia Wentz spiegelt die verklemmte Moral durch Sprache. Nichts wird direkt ausgesprochen. Mit abstrusen Moralsätzen oder – wie durch die Mutter – mit Thymianduft oder gemeinsamem Teletubbies-Schauen wird Josefine immer mehr verunsichert.

Gunda Schanderer als Mutter, Gemma Vannuzzi als Jo und Helmuth Häusler als Vater
Gunda Schanderer als Mutter, Gemma Vannuzzi als Jo und Helmuth Häusler als Vater(Bild: Herwig Prammer)

Als Zuschauer möchte man schon nach wenigen Minuten laut schreien: „So etwas gibt es doch heutzutage gar nicht mehr!“ Aber stimmt das überhaupt? Mit dieser Frage entlassen Autorin und Regisseurin das Publikum.

Anna-Katharina Wurz verstärkt die Beklemmung durch das oftmals fast statische Spiel. Das enge Bühnenbild von Nina Scarazola zwischen Kirchenraum und biederem Wohnzimmer tut das seine zur bedrückenden Stimmung, in der man die Nöte und Verzweiflung von Josefine fast körperlich spürt.

Schauspielerisch gut aufgestellt
Gemma Vannuzzi bringt die aufgestaute Verzweiflung und Wut authentisch auf die Bühne. Ebenso wie Gunda Schanderer als Mutter, die trotz der glaubhaften Liebe zu ihrer Tochter nicht aus ihren verkorksten Moralvorstellungen ausbrechen kann.

Helmuth Häuslers Pfarrer kommt selbst in der Extremsituation nicht hinter seinem Schutzschild aus Verdrängung und falscher Moral hervor. Auch nicht als das Tagebuch, personifiziert von Magnus-Remy Schmidt, die verdrängte Vergangenheit in lyrischer Sprache aufklärt.

Ein bedrückender Abend – mit qualitätvollen schauspielerischen Leistungen.

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