Ein Tanzabend als Gesamtkunstwerk: Choreografin Estefania Miranda zeigt ihre Adaption von „La Divina Comedia“ erstmals in Österreich. Es ist der nächste Ballett-Triumph für Graz.
„Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet“, schreibt Dante Alighieri in seiner „Göttlichen Komödie“ über die Tore der Hölle. Das mittelalterliche Meisterwerk begleitet seinen Autor, der zugleich Erzähler und Hauptfigur ist, ins Jenseits. Die Reise geht tief hinab in die Hölle und das Fegefeuer – aber eben auch in das Innenleben des Autors. Das Ziel: die Erlösung.
Diesen Stoff greift Estefania Miranda für ihren (im allerbesten Sinn) ausufernden Tanzabend auf und verwandelt die Grazer Oper dafür in einen begehbaren Körper, in ein Gesamtkunstwerk (das 2021 in Bern uraufgeführt und für Graz neu konzipiert wurde). Schon seit Wochen ragt als Vorbote ein Goldfuß aus dem Haupttor – nun kann das Publikum auch den Rest erkunden.
Und dieser Rest beginnt bereits im Foyer. Dort geht der erste Teil des Abends, der den Todsünden gewidmet ist, über die Bühne: Neben der Feststiege lässt eine goldene Hand Betrug und Verrat als Marionetten tanzen. Beim Infostand quält sich die Habgier in spießige Goldschuhe. Die Habgier verschlingt sich im Café Stolz quasi selbst. Und auch Wollust, Zorn und Gewalt spuken zu mythischen Chorklängen wie ein Mix aus glamourösen Zombies (auch die Kostüme stammen von der Regisseurin) und bewegten Skulpturen durch die Besucherschar.
Das wahre Fegefeuer jedoch brennt im zweiten Teil des Abends im Hauptraum der Oper: Zu minimalistisch eindringlicher Musik von Arvo Pärt und Philip Glass (fantastisch: die Grazer Philharmoniker unter Johannes Braun) sowie zu Klanglandschaften und Lyrik, die vom Band kommen, kann man Dantes Weg durch die neun Kreise der Hölle zur Erlösung verfolgen.
Und was für ein Weg das ist: Miranda überträgt die Grundstimmungen der „Göttlichen Komödie“ in Choreografien, die den Spagat zwischen Sinnlichkeit und Sinnsuche, zwischen Getriebenheit und Schicksalsergebenheit versuchen – und eindrucksvoll schaffen. Getragen wird all das von einem fantastischen Ensemble – allen voran Nimrod Poles, dessen Dante alltägliche Angst und mythisches Wandlungsbewusstsein vereint. Herausragend auch Yuka Eda als Dantes Seele und Savanna Haberland als Dantes Retterin Beatrice.
Rund um diesen choreografischen Kern bauen Miranda, Bühnenbildner Till Kuhnert und das gesamte Kreativteam ein bildgewaltiges, weitschweifiges und sinnlich-sinnvolles Gesamtkunstwerk, das alle Ecken der Oper berührt – und damit wohl auch im Publikum niemanden unberührt lässt.
Einmal mehr hat Ballettchef Dirk Elwert der Oper Graz einen magischen Tanzabend beschert – unbedingt anschauen!
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.